50 Jahre Bangladesch
Pakistans größte Niederlage bleibt tabu

1971 spaltete sich Bangladesch nach einem blutigen Bürgerkrieg von Pakistan ab und wurde unabhängig. Doch die Ereignisse von damals sind bis heute weitgehend tabu. Eine Aufarbeitung dieses zentralen Kapitels in der Geschichte Pakistans findet nicht statt. Eine Analyse von Mohammad Luqman

"So viel Herzenswärme - und doch sind wir heute für dich bloß Fremde. Wie viele Begegnungen wird es brauchen, um wieder Genossen zu sein?“ So fängt das oft gesungene melancholische Gedicht des bekannten pakistanischen Poeten Faiz Ahmad Faiz an. 1974 hatte Faiz die Hauptstadt Dhaka zum ersten Mal nach dem Bürgerkrieg besucht. Seine Eindrücke und das Trauma des Krieges, der zur Abspaltung und Unabhängigkeit Bangladeschs geführt hatte, inspirierten ihn zu diesen Zeilen.

Am 16. Dezember 1971 hatte der pakistanische General Abdullah Khan Niazi vor laufenden Kameras die Kapitulation unterschrieben und fast 90.000 pakistanische Soldaten in die indische Kriegsgefangenschaft überführt. Ende 2021 wird Bangladesch an diesem Tag den 50. Jahrestag seiner Unabhängigkeit feiern. Was den Bengalis als die Geburtsstunde ihrer Nation gilt, stellt für Pakistan die größte militärische Niederlage seiner Geschichte dar. Abseits des nationalistischen Narratives beider Staaten und jenseits des Streits um die tatsächliche Anzahl der zivilen Opfer, ist die menschliche Tragödie dieser Epoche wenig aufgearbeitet worden. In Pakistan wird das Thema bis heute tabuisiert.

Bezeichnend dafür ist die erzwungene Absage einer Konferenz der renommierten Lahore University of Management Sciences (LUMS) im März 2021, die einen kritischen Blick auf die Geschehnisse werfen wollte. Nur wenige Tage nach der offiziellen Ankündigung musste die Universität die akademische Veranstaltung auf mysteriösen Druck hin absagen.

Widerstand in Ostpakistan gegen Nationalsprache Urdu

Pakistan entstand nach der Teilung Britisch-Indiens im Jahre 1947 als ein Nationalstaat der indischen Muslime. Provinzen mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung wurden zum neuen Staat Pakistan zusammengefasst. Da Ost-Bengalen überwiegend muslimisch war, gehörte es nun zum pakistanischen Staatsgebiet, war jedoch fast 1500 Kilometer vom westlichen Teil des Landes entfernt. Zwischen den beiden Staatsgebieten bestand keine Landverbindung. Zudem war Ost-Bengalen der bevölkerungsreichste Teil des neuen Staates und ethnisch bengalisch geprägt. Vor diesem Hintergrund beschwor die Zentralregierung in Karachi eine Einheit beider Landesteile.

Der „Vater der Nation Bangladesch“ Mujibur Rahman bei einer Kundgebung; Foto: Michel Laurent/AP/picture-alliance
Mujibur Rahman bei einer Kundbgebung mit seinen Anhängern. Der charismatische Politiker gilt in Bangladesch als "Vater der Nation“. Allerdings steht am Beginn des neuen Staates ein blutiger Bürgerkrieg. Am 26. März 1971 rief Rahman die Unabhängigkeit des Landes von Pakistan aus. Daraufhin gab der Oberbefehlshaber der pakistanischen Truppen im damaligen Ostpakistan den unsäglichen Befehl für die Operation Search Light. Sie bedeutete den Auftakt zum Bürgerkrieg, der vermutlich bis zu drei Millionen Menschen das Leben gekostet hat. Rahman selbst wurde vier Jahre nach der Unabhängigkeit bei einem Militärputsch ermordet.

Ein Mittel für die nationale Einheit schien anfangs die Idee einer einheitlichen Nationalsprache, Urdu, zu sein. Womit die überwiegend westpakistanischen Politiker der Zentralregierung aber nicht rechneten, war der starke Widerstand in Ostpakistan gegen ein solches Vorhaben. Die Bengalis befürchteten mit der Idee einer einheitlichen Nationalsprache den Verlust ihrer Muttersprache und Identität. 1952 formierte sich studentischer Protest in Dhaka gegen die unpopuläre Politik. Das rabiate Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen die Studenten forderte Tote und Verletzte und führte zu Unruhen in der ganzen Provinz.

Auch wenn einige Jahre später Bengalisch als eine offizielle Nationalsprache anerkannt wurde, hatte die unglückliche Handhabung der Kontroverse bereits den Grundstein für eine Entfremdung Ost-Bengalens von Pakistan gelegt.

Die im Zuge des Streits entstandene neue Partei Awami League gewann 1954 bei den Wahlen in Ost-Bengalen die absolute Mehrheit und stellte nun die neue Provinzregierung. Ihre Forderungen nach mehr Autonomie und paritätischer Teilhabe an den Staatsausgaben führten immer wieder zu starken Spannungen mit der Zentralregierung. Ende 1954 löste Karachi die Provinzregierung in Ost-Bengalen auf und ließ Kader der Awami League wegen Landesverrat inhaftieren.

Ein Komplott Indiens?

Der repressive Umgang folgender Zentralregierungen in den nächsten Jahren verursachte nur noch mehr Unmut in der Bevölkerung Ostpakistans. 1966 übernahm der charismatische Mujibur Rahman (1920-1975) den Parteivorsitz in der Awami League und schlug in einem sogenannten Sechs-Punkte-Plan eine sehr weitreichende Autonomie für Ostpakistan vor. In der neuen Hauptstadt Islamabad sah die Militärregierung in dem Plan den Versuch einer De-facto-Abspaltung der Ostprovinz und einige vermuteten sogar ein indisches Komplott, um Pakistan zu spalten.

Vermutlich nicht ganz zu Unrecht, denn wie der indische Topdiplomat Sashanka S. Banerjee 2020 in einem Beitrag bestätigte, hatte Mujibur Rahman bereits 1962 Neu-Delhi um Unterstützung für eine Unabhängigkeitsbewegung in Ostpakistan gebeten. Nach eigenem Bekunden entwickelte Rahman bereits 1958 die Idee für ein unabhängiges Bangladesch.

Die Parlamentswahlen von 1970 brachten Mujibur Rahmans Partei in Ostpakistan wieder die absolute Mehrheit, so dass sie auch im gesamtpakistanischen Ergebnis als stärkste politische Kraft aus den Wahlen hervorging. Die Militärdiktatur unter General Yahya Khan (1969-1971) zögerte zunächst mit einem Regierungsauftrag an ihn und drang die Pakistan Peoples Party (PPP) von Zulifkar Ali Bhutto, die in Westpakistan gesiegt hatte, mit Rahman über die Bildung einer Einheitsregierung zu verhandeln.

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