Nur in diesem Zusammenhang kann man verstehen, warum der machtbewusste saudische Kronprinz plötzlich in seine eigene Kindheit zurückkehren möchte.

Richtig verstanden will er damit zum Ausdruck bringen, dass er die saudische Unterstützung für diverse islamistische Gruppen und Einrichtungen rund um die Welt beenden wolle. Doch ob er das tatsächlich tun kann und wird, ist ein anderes – wenn auch spannendes – Thema.

Mit seinem Wunsch, in die eigene Kindheit zurückzukehren, spricht MBS allerdings ein bekanntes Geschichtsprinzip aus: Jede große Revolution verändert die Welt nachhaltig. So wie die französische und russische hat auch die iranische Revolution wenn nicht die gesamte, so zumindest die islamische Welt umgekrempelt. Und diese tiefgreifende Umwälzung ist noch nicht abgeschlossen.

Selbst die Revolutionsgarden sind nervös

Und was ist in der Heimat dieser Revolution heute, an ihrem 40. Geburtstag, los? „Steht die Islamische Republik am Rand des Zerfalls?“ So titelte jüngst die iranische Nachrichtenagentur Tasnim in einem von ihr geführten längeren Interview.

Um ihre wahre Brisanz zu verstehen, muss man wissen, dass Tasnim die Agentur der Revolutionsgarden ist; sie ist besser informiert und mächtiger als IRNA, die staatliche Nachrichtenagentur des Iran, die der Regierung untersteht.

Ebenso brisant ist der Interviewte: der 60-jährige Soziologe Mohammad Reza Tadjik, der wichtige Posten und Positionen im Iran innehat, obwohl er den Reformern nahe steht. Der in Großbritannien ausgebildete Professor gilt als anerkannter Stratege und war als Vizeminister im Geheimdienstministerium zuständig für psychologische Kriegsführung.

Tadjik, der für seine Offenheit bekannt ist, kommt gleich zur Sache. "Meiner Ansicht nach befinden wir uns in einer traumatischen Situation", ist sein erster Satz in diesem Interview und er definiert sofort, was er mit traumatisch meint: "In einer solchen Situation werden die Seele, die Gefühle, die Gedanken und die Überzeugungen der Menschen Schmerzen und Leiden ausgesetzt, die sowohl von außen wie von innen kommen. Die Gesellschaft gerät aus den Fugen, sie wird abnormal".

Dr. Mohammad Reza Tadjik, Reformtheoretiker und -stratege sowie Berater des Präsidentschaftskandidaten Mir-Hossein Moussawi und des Ex-Präsidenten Mohammad Khatami; Foto: Agentur Norouz
"Die iranische Gesellschaft befindet sich im Zerfall, in einem Zustand, in dem die Vergangenheit im Sterben liegt und die Zukunft nicht entstehen kann, auch die Reformfähigkeit nicht", meint Dr. Mohammad Reza Tadjik, Reformtheoretiker und -stratege sowie Berater des Präsidentschaftskandidaten Mir-Hossein Mussawi und des Ex-Präsidenten Mohammad Khatami.

Was aus dem Inneren heraus Schmerzen und Leiden verursache, so Tadjik, seien Korruption, Missmanagement, Fehlentscheidungen und falsche Strategien: All das habe die Seelen und Gefühle der Menschen verletzt.

Der Stratege für psychologische Kriegsführung nennt ein weiteres Symptom der Krankheit: "Das zweite Problem besteht darin, dass sich alle Autoritäten und Fähigkeiten als unfähig erweisen. Alles, was in der Vergangenheit das Tun und Lassen bestimmte, das Erlaubte und das Verbotene, hat inzwischen keine Gültigkeit mehr: nicht nur im Privaten, sondern in der Gesellschaft", sagt der Soziologe - und kommt zu einem beängstigenden Befund: "Die iranische Gesellschaft befindet sich im Zerfall, in einem Zustand, in dem die Vergangenheit im Sterben liegt und die Zukunft nicht entstehen kann, auch die Reformfähigkeit nicht", so der einstige Berater des Reformpräsidenten Mohammad Khatami.

"Völker der Welt …"

Ob Zerfall, den viele befürchten, oder Reform, die sich nicht wenige erhoffen, oder der Aufstand der Unzufriedenen, wie ihn US-Präsident Donald Trump mit seinen Sanktionen bewirken will: Was demnächst im Iran auch passieren, wohin dieser Staat auch gehen mag, er wird wie vor 40 Jahren wieder die Region mit sich in einen ungewissen Strom der Veränderung ziehen. Er wird wie einst die Welt verändern.

Doch weder Trump und seine Verbündeten, die glauben, eine Strategie gegen den Iran gefunden zu haben, noch Europa, das um eine definierbare Diplomatie ringt: Niemandem kann gleichgültig sein, wie der künftige Weg der Islamischen Republik aussieht.

"Ihr Völker der Welt, schaut auf…" den Iran, möchte man den legendären Satz von Ernst Reuter abändern.

Einst wollte der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin mit diesem Appell der Welt das Schicksal Berlins verdeutlichen und sagen, was mit Berlin geschehe, müsse die ganze Welt interessieren. Nicht viel anders ist es mit dem heutigen Iran.

Ali Sadrzadeh

© Iran Journal 2019

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Leserkommentare zum Artikel: Gottesstaat am Scheideweg

Der Begriff "Mullah-Staat ist etwas vulgär und pass eher in einer Bildzeitung-haftem Blatt. Weiter vulgär finde ich die Schreibweise des Autors, wie er die Konflikte zwischen Saudi-Arabien und Iran in sunntisch.schiitischen Differenzen sieht. Warum Saudis die iranische Revolution bekämpften, etwas durch Hilfeleistung an Saddam Hossein, hat mit der Religion nicht zu tun. Königstum zu beseitigen, einen König zu vertreiben, das darf keine Schule machen für das Reich eines Potentaten, die archaiisch regiert. Allein der Begriff"Republik" wird für die Golf-Sultanen beängstigend.
War etwa die Hilfe der Saudis an Saddan Hossein, um sunniten in Irak zu helfen. Oder gaben die Saudis die Milliarden Petrodollar aus um die "Königvertreiber" und die Republikausrufer zu bestrafen.

Dr. Hossein Pur...15.02.2019 | 14:43 Uhr