Die Norweger stolperten nicht zufällig in den Friedensprozess im Nahen Osten. Vielmehr war ihre Vermittlung die Folge intensiver Kontaktpflege: "Wir hatten schon lange auf sämtlichen Ebenen gute Beziehungen zu Israel, aber auch direkte Kontakte zur PLO", berichtet Egeland.

Ein besonders enges Verhältnis habe von jeher zwischen der norwegischen und der israelischen Arbeiterpartei bestanden: "Und wir hatten uns nach dem Ende des Kalten Krieges zum Ziel gesetzt, vertrauensbildende Maßnahmen zwischen Israelis und Palästinensern zu fördern." Für Norwegen war es offenbar eine logische Konsequenz, sich im Nahost-Konflikt zu engagieren.

Arafat wollte Norwegens Verbindung zu Israel nutzen

Trotz Norwegens Bestrebungen war es aber die PLO, die sich zuerst an das skandinavische Land wandte. Wegen und nicht trotz des engen Verhältnisses zu Israel hatte der mittlerweile gestorbene Palästinenserpräsident Jassir Arafat das skandinavische Land bereits 1979 als geeigneten und attraktiven Vermittler ins Visier genommen. Damals hätten die USA Norwegen gebeten, Öl an Israel zu liefern, weil der Iran im Zuge der Islamischen Revolution seine Öllieferungen stoppte, sagt Hilde Waage. Oslo habe dieser Bitte aber nicht nachkommen wollen, bevor nicht die PLO darüber informiert wurde.

In Norwegen zusammengeführt: Peres, Arafat und Rabin wurden 1994 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet; Foto: DW/D. Hodali
In Norwegen zusammengeführt: Peres, Arafat und Rabin wurden 1994 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Doch 25 Jahre nach dem Beginn der Oslo-Verträge gibt es immer noch kein Palästina - und keinen Frieden.

Der Grund: Norwegen hatte 1978 etwa 1.000 Soldaten zur Beobachtermission UNIFIL in den Libanon entsandt. Dort tobte ein Bürgerkrieg, die PLO war mit ihren Kämpfern mittendrin. Aus Sorge vor Angriffen auf die eigenen Soldaten informierte Oslo den PLO-Chef. "Arafat hatte mit Öllieferungen an Israel keine Probleme", berichtet Waage. Im Gegenteil: Er nutzte die Situation für sich und bat Norwegen, einen Gesprächskanal zu Israel zu öffnen, erläutert die Wissenschaftlerin. Arafat habe einen Freund Israels gebraucht, um über einen Staat Palästina verhandeln zu können.

Das Land hat eine lange Tradition bei der humanitären Hilfe und fühlte sich daher berufen, sich für die Beendigung von Konflikten, für den Frieden zu engagieren. Dass Norwegen keine koloniale Vergangenheit hat und seit jeher wirtschaftlich unabhängig war, stärkte für viele die Glaubwürdigkeit.

Schwache PLO - starkes Israel

Doch im Nahost-Friedensprozess passierte ein ganzes Jahrzehnt lang eigentlich nichts. "Israel lehnte es ab, mit der PLO zu sprechen", berichtet Jan Egeland: "Erst 1992, als die israelische Arbeiterpartei die Regierung übernahm, öffnete sich Israel für unsere Friedensdiplomatie." Die neue Regierung habe erkannt, dass es keinen Sinn mache, einen Nachbarn zu haben, der ihm hasserfüllt gegenübersteht.

Hilde Waage geht in ihrer Einschätzung noch einen Schritt weiter: Die erste Intifada war gerade vorbei, Arafat hatte im Irak-Kuwait-Krieg 1990/91 auf das falsche Pferd Saddam Hussein gesetzt, dadurch die Unterstützung Kuwaits verloren und war finanziell in der Bredouille.

"Arafat und die PLO waren schwach zu diesem Zeitpunkt", sagt Hilde Waage. Israel habe das gewusst. Man wusste, dass Arafat dadurch bereit sein würde, mehr Zugeständnisse zu machen", lautet ihre Schlussfolgerung: "Israel war einfach die stärkere Partei. Die PLO hingegen stand unter Druck. Sie wollte wieder auf der Bühne erscheinen und für einen Staat Palästina kämpfen."

Die norwegische Historikerin Hilde Waage; Foto: DW/Diana Hodali
Desaströser Schulterschluss mit Saddam Hussein: "Arafat und die PLO waren schwach zu diesem Zeitpunkt", sagt Historikerin Hilde Waage. Israel habe das gewusst. Man wusste, dass Arafat dadurch bereit sein würde, mehr Zugeständnisse zu machen", lautet ihre Schlussfolgerung: "Israel war einfach die stärkere Partei. Die PLO hingegen stand unter Druck. Sie wollte wieder auf der Bühne erscheinen und für einen Staat Palästina kämpfen."

Asymmetrische Machtverhältnisse bei den Verhandlungen

Bei ihrer Recherche 2001 sei sie der Frage nachgegangen, wie viel "Manöver-Spielraum" in so einem asymmetrischen Machtverhältnis überhaupt vorhanden ist, sagt die Historikerin. Sie sei zu dem Schluss gekommen: sehr wenig. Der Stärkere gebe immer den Ton an. "Norwegen hat das gewusst und in diesem Punkt nachgegeben, es hat gewusst, dass die Verhandlungen zugunsten von Israel ablaufen mussten, denn sonst hätte es kein Abkommen gegeben."

Daher sei Norwegen nicht nur ein "facilitator" gewesen, wie es Egeland sagt, sondern ein "voreingenommener Vermittler". Und das Abkommen habe die Asymmetrie im Machtverhältnis zementiert. Die Frage um den Status Jerusalems und die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge wurde bei den Verhandlungen außen vor gelassen.

Aber Norwegen habe es gut gemeint und sich als "Brückenbauer" gesehen, sagt Waage überzeugt. Das Land habe daran geglaubt, dass sich Frieden Schritt für Schritt erreichen lasse.

Dass Israel die stärkere Partei war, das streitet Egeland auch heute nicht ab: "Aber ist damit ein Abkommen schlechter als kein Abkommen? Damals haben wir immer gesagt, ein unvollkommener Frieden ist besser als ein perfekter Krieg."

Obwohl Israelis und Palästinenser immer noch nicht in Frieden miteinander leben, haben die Norweger aufgrund ihrer Rolle international viel Ruhm geerntet. Manche Kritiker der Friedensgespräche sprechen hingegen vom "Exportschlager Frieden".

Am Broadway wird Norwegen heute in einem Theaterstück mit dem Titel "Oslo" für seine Rolle von damals gefeiert. Nicht umsonst wird in Oslo auch der Friedensnobelpreis vergeben: Nach dem diplomatischen Durchbruch im Nahen Osten von 1993 galt Oslo auch als Hauptstadt des Friedens - zumindest für eine Weile.

Diana Hodali

© Deutsche Welle 2018

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