25. Fajr-Filmfestival in Teheran

Märtyrer im Aufwind

Das Fajr-Filmfestival, das zu den größten Kulturevents des Landes zählt, ist auch ein Indikator für das iranische Filmschaffen anderthalb Jahre nach dem Amtsantritt von Präsident Ahmadinedschad. Von Amin Farzanefar

Das Fajr-Filmfestival, das zu den größten Kulturevents des Landes zählt, ist auch ein Indikator für das iranische Filmschaffen anderthalb Jahre nach dem Amtsantritt von Präsident Ahmadinedschad. Amin Farzanefar berichtet über den Wandel des iranischen Kinos.

​​Das Ende des Festivals am 11. Februar wurde in Teheran mit einem großen – staatlich verordneten – Festakt und Lichterfest rund um das Revolutionsdenkmal begangen. Die martialische Ashura-Prozession mit Flagellanten während der Abschlussgala des Filmfestivals, die manch einen westlichen Beobachter verstörte, reflektierte die gegenwärtige Richtung des iranischen Kinos.

So waren beispielsweise umgerechnet 30 Millionen Euro zur Verfügung gestellt worden, um den Iran-Irak-Krieg von 1980 bis 1988 mit seinen zahlreichen "Märtyrern" wieder mehr ins Bewusstsein der auf "weltliche Abwege" geratenen Bevölkerung zu rufen. Auf dem diesjährigen Festival waren denn auch mehr Kriegsfilme über die so genannte "heilige Verteidigung" ("Defa-ye moghaddas") zu sehen als in vielen Jahren zuvor.

Darin jedoch eine "Generalmobilmachung" für künftige außenpolitische Konflikte zu sehen, ist nur zum Teil zutreffend. Folgerichtig bemerkte ein Geistlicher auf einer Pressekonferenz: "Bei weiteren solcher Filme wird bald niemand mehr in den Krieg ziehen wollen."

Wiederentdeckung des Patriotismus

Tatsächlich geht es weniger darum, ein neues Feindbild zu zementieren, als nach innen hin patriotische Gefühle zu mobilisieren. Vielleicht lohnt ein Blick auf einige Werke dieser neuen Welle:

Fast versöhnlich ist die Aussage des kammerspielartigen Films "Mesl-e yek ghesseh" des Altmeisters Nasser Khosroi: Auf feindliches Territorium versprengt, nehmen drei irakische Soldaten die Bewohner einer Hütte gefangen – einen alten Mann und seinen Enkel. Beim Streit über die Behandlung der Kriegsgefangenen kommt es zu einer Schiesserei, die nur der iranische Junge und ein freundlicher Iraker überleben. Zusammen brechen sie auf, doch ihrer jungen Freundschaft ist keine rosige Zukunft beschieden.

Auch in Kiomars Pourahmads "Night Bus" verwischen bisweilen die Grenzen zwischen Freund und Feind. Der Film variiert das aus älteren Hollywood-Kriegsfilmen bekannte Motiv des Gefangenentransports – darin sitzen sich im Bus auf beiden Seiten Leidensgenossen gegenüber, die von einem ideologischen System in den Krieg gezwungen wurden.

"Night Bus" in ambitioniertem Schwarz-weiss gefilmt, hat mit Mohammad Reza Forutan, Khosrou Shakibai und weiteren Stars einen interessanten Versuch unternommen, bleibt aber zu flach in seinem moralischen Ansatz, zu plakativ in seinem nationalistischen Appell, um wirklich zu überzeugen.

Ideologische Muster

Vor allem bietet die neue Geldschwemme für martialische Themen angepassten Regisseuren die Möglichkeit, den nächsten Film zu finanzieren. Maziar Miri, der letztes Jahr den interessanten Film "Slowly" auf der Berlinale präsentierte, irritierte nun mit einem geradezu extrem konservativen Machwerk – umso mehr, als sein Film "Padash-e Sokout" mit Parviz Parastui aufwartet, dem Superstar aus den regimekritischen Kassenknüllern "Glass Agency" und "Marmulak".

Erneut in der Paraderolle des alternden Veteranen, von Albträumen und nicht verarbeiteten Erinnerungen gepeinigt, irrt Parastui durch eine verkommene, oberflächliche Welt, die mit den Helden und dem Opfergeist von einst nichts mehr zu tun haben will. Hinter jeder Tür, die Parastui öffnet, flirten Büroangestellte und Redaktionsassistentinnen gackernd am Telefon.

Abgesehen von einer Aufsehen erregenden Unterwassersequenz wirkt Miris dritter Langfilm zu statisch, steif und viel zu ideologisch gefärbt – eine Absage an jegliche Reformbestrebungen.

Rührseligkeit und Fahneneid

Ganz anders Massoud Deh-Namakis Film "Ekhraji", eine teuer und aufwendig produzierte Kriegskomödie, die mit absurdem Humor stellenweise als iranische Variante des anarchischen Anti-Vietnam-Kultfilms "M.A.S.H." erscheint, aber in den entscheidenden Momenten doch wieder auf Rührseligkeit und Fahneneid setzt. Deh-Namakis Spielfilmdebüt könnte wegen seiner Mixtur aus Publikumslieblingen, Effektenspektakel, Humor und Ansätzen von Systemkritik durchaus einen Kassenerfolg erzielen.

Das Gros der neuen Kriegsfilme aber bewahrt vor allem ein Umstand davor, Schaden anzurichten: niemand wird sie sehen wollen. Dass eine dieser Produktionen, "The Third Day", gleich mehrere Hauptpreise erhielt, machte deutlich: Die Jury des nationalen Wettbewerbes bestand überwiegend aus Hardlinern des Kulturbetriebes und deren Mitläufern.

Das nach wie vor kinobegeisterte Publikum und auch die Filmschaffenden zeigten sich dieses Jahr ziemlich enttäuscht: Im Vergleich zu der kreativen Aufbruchstimmung der Khatami-Ära spürte man deutlich eine allgemeine Lähmung des iranischen Kinos als Folge der neuen Politik der "harten Hand".

Deswegen allerdings den Tod des iranischen Kinos auszurufen, wäre gewiss verfrüht. Denn auch in diesem äußerst schwachen Jahrgang gab es künstlerisch herausragende Werke.

Drogenproblematik im Film

​​Zwei von ihnen widmeten sich einem dringlichen Missstand – der Ausbreitung harter Drogen unter Irans Jugend: "Mainline" von Rakhshan Bani Etemad, war vielleicht nicht der stärkste Film der international erfolgreichen Filmemacherin, doch ein schauspielerisch ungemein intensives Porträt einer jugendlichen Drogenabhängigen aus dem gehobenen Bürgertum.

Eine andere Produktion hatte bereits im Vorfeld von sich reden gemacht: "Ali Santoori", in letzter Minute von der Zensur doch noch zugelassen – wohl auch deshalb, weil der Titel wegen des Anklangs an den Schwiegersohn des Propheten geändert wurde. Vor dem Hintergrund der Zensur erschien auch das Sujet bedenklich: Regisseur Darius Mehrjui zeigt in seinem Film den Aufstieg und Fall eines heroinabhängigen Musikers.

Mehrjui, vor über 30 Jahren Mitbegründer des neuen iranischen Kinos, bewies, dass er immer noch in der "Oberliga" des iranischen Films mitspielen kann.

"Santoori", wie der Film nun heißt, ist fest eingebettet in die soziale, politische, kulturelle Atmosphäre der Teheraner Megacity, und erinnert doch an großes internationales Kino, wie etwa Oliver Stones epochales Werk "The Doors" oder Gus van Zands Kurt-Cobain-Porträt "The Last Days". Lokal verwurzelte Geschichten von universeller Gültigkeit waren schon immer das Beste, was der Iranische Film zur bieten hatte.

Amin Farzanefar

© Qantara.de 2007

Qantara.de

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Website des Fajr-Filmfestivals (engl.)

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