Der Name "Morgenland" steht in Europa in seiner Ausstrahlungskraft und Reichweite als nahezu einzigartiges Symbol für den klischeefreien musikalischen Blick gen Osten. Dabei geht es ebenso um den Versuch, östliche und westliche Musikkulturen auf eine Weise zusammenzuführen, welche die Schönheiten und Wunder beider Seiten beibehält und dabei einen neuen Raum des Gemeinsamen jenseits von geografischen und ethnischen Kategorien erschafft.

Das ist dem Festival etwa durch die Schaffung der "Morgenland All Star Band" gelungen, die Musikgrößen des Vorderen Orients wie dem syrisch-armenischen Sänger Ibrahim Keivo mit europäischen Jazz- und Rock-Künstlern zusammenbringt.

Neue Gesichter und Musik präsentieren

Dabei bewegte sich das Festival in immer wieder neuen Gewässern. Die Stadt Osnabrück blieb stets ein Fixpunkt, aber Projekte reichten von der viel beachteten Aufführung der Johannes-Passion in Teheran im Jahr 2008 bis hin zu Gigs an Orten wie dem Saygun-Kunstzentrum in Izmir, der Gulbenkian Foundation in Lissabon, der Philharmonie in der kasachischen Hauptstadt Almaty oder einem Konzert in der Bekaa-Ebene im syrisch-libanesischen Grenzgebiet. Dabei entstanden musikalische Freundschaften und Formationen, die über die Jahre anhielten und sich zu Dauerbrennen des Festivals entwickelten.

Zur diesjährigen Ausgabe erklärt Dreyer: "Ich hatte das Gefühl, dass wir mal einen Cut machen müssen im Festival und wirklich nur neue Gesichter und Musik präsentieren." Der Blick auf den Balkan war da naheliegend. Denn dieser teile gemeinsam mit dem "Orient" das Schicksal einer arg reduzierten und oft mit Klischees behafteten Darstellung.

"Balkans Beyond Brass" heißt deshalb das Motto des 16. Morgenland Festivals, welches anspielt auf das weit verbreitete Klischee, dass Balkanmusik nur aus fetzigen Blechensembles bestehe. Diese urtypische Brassmusik werde zurecht gefeiert, betont Dreyer. Aber es ertönten doch noch so viel mehr Klänge aus dieser Region, die Beachtung verdient hätten.

Beständig Klischees aufbrechen

Und schließlich wäre das Morgenland Festival nicht das Morgenland Festival, wenn es nicht beständig Klischees aufbrechen würde. Den Festivalauftakt etwa machte ein Duo, bestehend aus der stimmgewandten bosnischen Sängerin Jelena Milušić und der äußerst gefühlvollen Akkordeonspielerin Merima Ključo, die aus Sarajewo Liebeslieder aus den rumänischen, kroatischen, kosovarischen und sephardischen Gesangstraditionen vortrugen.

Ihr Auftritt in einem Franziskanerkloster unter dem Motto "Lume" vermittelte sogleich einen Vorgeschmack für den Farbenreichtum der Volksmusiktraditionen der Länder zwischen Mitteleuropa und Anatolien, den das Festival transportieren will. Der Begriff "Lume" trägt in sich eine breite semantische Palette, die symbolisch für den Kulturreichtum des Balkan steht: In verschiedenen Sprachen bedeutet das Wort etwa Welt, Leben, Lichtquelle, Illusion, Feuer, Funke oder Liebender.

Die Vielfalt des Balkans ließe sich schon daran festmachen, so Dreyer, dass im Englischen für diese Region der Plural verwendet wird ("the Balkans"). "Natürlich ist dies eine ungemein multiethnische, multikulturelle Region. Wo immer so viele Einflüsse zusammen kommen, wird kulturelle Energie freigesetzt."

Diese Buntheit in der Geschichte der musikalischen Interaktion auf die Bühne zu bringen, ist wichtig, besonders vor dem Hintergrund der in manchen Kapiteln blutigen Historie, aber auch angesichts der grassierenden Tendenzen zu Nationalismus und Kleingeistigkeit, die sich zurzeit in der Welt beobachten lassen. Man kann also nur von Glück reden, dass es eine so wichtige Konstante in der deutschen Kulturlandschaft wie das Morgenland Festival durch die Krise geschafft hat und somit weiterhin für unseren Zeitgeist wichtige Impulse setzen kann.

Marian Brehmer

© Qantara.de 2020

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