16. Morgenland Festival Osnabrück

Eine virtuelle Klangreise über den Balkan

Zum ersten Mal findet wegen der Corona-Pandemie das Morgenland Festival Osnabrück per YouTube statt - und nimmt uns gleichzeitig musikalisch in neue Kulturräume mit. Marian Brehmer hat sich einige virtuelle Konzerte angesehen.

Glocken läuten und die Kamera fliegt per Drohne auf ein weißes, mit filigranen Kuppeln überdachtes Kloster zu, während im Hintergrund ein blauer Streifen der Donau zu sehen ist. Dann ertönen im Inneren des serbisch-orthodoxen Vavedenje-Klosters Gesänge, die fast zwei Jahrtausende alt sind. Begleitet vom Gesangsensemble "Melódi" hallt Divna Ljubojevićs ätherische Stimme, die von manchen Rezensenten als "engelsgleich" gelobt wird, gut dreißig Minuten lang durch den Raum des Gotteshauses, während das Bild über brennende Kerzen und goldverzierte Ikonen schwenkt.

Die alten Rezitationen der Ostkirche sind eines der Elemente, aus denen sich das Gewebe des diesjährigen Morgenland Festivals zusammensetzt, diesmal ganz im Zeichen der Musiktraditionen des Balkans stehend. Ljubojević ist in ihrer Heimat Serbien ein bekannter Name: Die Fünfzigjährige begann Anfang der neunziger Jahre in dem Belgrader Kloster damit, jeden Samstag aus den altchristlichen Liturgien zu singen und damit eine in Vergessenheit geratene Musiktradition in ihrer Heimat wieder zu beleben. Ljubojević unterrichtet seit den neunziger Jahren Chor- und Kirchenmusik und war dabei nach dem Zerfall Jugoslawiens Teil der geistigen Renaissance in dem Balkanstaat.

Spirituelle Musik - ohne Instrumente

Die byzantinischen Gesänge stellen eine zutiefst spirituelle Musik dar, die ganz ohne Instrumente auskommt und dabei ihren Fokus auf die klanglichen Möglichkeiten der menschlichen Stimme richtet. So fühlt sich der Zuschauer an diesem Abend der Sommersonnenwende, auf dem dritten Konzert des Morgenland Festivals, in ferne Jahrhunderte zurückversetzt, unmittelbar in das archaisch-sakral anmutende Zeitalter des alten Byzanz. Nur, dass das Festival selbst diesmal ganz auf Technik aus dem 21. Jahrhundert angewiesen ist.

Denn bereits Anfang März war dem Gründer und Festivaldirektor Michael Dreyer klar, dass es im Juni - im niedersächsischen Osnabrück traditionell "Morgenland-Monat" - keine Live-Konzerte geben könne. Das Festival befand sich gerade in den letzten Vorbereitungen, als die Corona-Pandemie so grundlegend das kulturelle Leben in weiten Teilen der Welt veränderte.

Den Organisatoren war es jedoch trotz, oder gerade wegen der Pandemie ein Anliegen, allen engagierten Musikern einen Auftritt und damit auch die Bezahlung zu ermöglichen. Kaum eine Berufsgruppe trifft COVID-19 schließlich international so hart wie die freischaffenden Künstler - zumal es in den meisten Ländern keine Hilfspakete für selbstständige Kulturschaffende gegeben hat, wie in Deutschland. So entschied man sich für eine Online-Ausgabe, gefolgt von einer abgespeckten Live-Edition, die vom 2. bis 6. Dezember 2020 stattfinden soll.

Das Konzept für das Web-Festival: Die Musiker haben in ihren Heimatländern an für sie bedeutsamen Orten Videos aufgenommen, die dann vom Festival-Team zu kleinen Filmen verarbeitet wurden. Diese virtuellen Konzerte werden noch bis zum 27. Juni jeweils um 19 Uhr auf dem YouTube-Channel des Festivals ausgestrahlt. Rund 16.000 Zuschauer hat das Festival in den ersten Tagen so bereits erreicht.

Von einer Notlösung zu einem eigenständigen Format

"Es begann ein wenig als Notlösung, aber mittlerweile habe ich diese Online-Edition sehr lieben gelernt", sagt Dreyer zu dem neuen Format. Im letzten Jahr beging das Morgenland Festival sein 15-jähriges Bestehen, das gefeiert wurde von einer internationalen Familie aus Künstlern, und Musikliebhabern, die sich über die Jahre um das Festival gebildet hat.

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