15 Jahre nach dem Brandanschlag von Solingen

Wie steht es um das deutsch-türkische Verhältnis?

Die bisherige Geschichte des deutsch-türkischen Zusammenlebens ist eine von Licht und Schatten. Der düsterste Schatten war der Brandanschlag in Solingen. Doch gibt es auch positive Entwicklungen, allen Schwierigkeiten zum Trotz. Ein Kommentar von Verica Spasovska

Abgebranntes Haus in Solingen nach dem fremdenfeindlichen Anschlag; Foto: AP
Die Türkin Mevlüde Genc hat bei dem Brandanschlag von Solingen zwei Töchter, zwei Enkelinnen und eine Nichte verloren. Doch hat sie es stets abgelehnt, die deutsche Gesellschaft als Ganzes für die schreckliche Tat verantwortlich zu machen.

​​Der fremdenfeindliche Anschlag von Solingen jährte sich am 29. Mai bereits zum 15. Mal. Doch er hat sich so tief in das kollektive Gedächtnis eingebrannt, dass Bundesinnenminister Schäuble ihn völlig zu Recht als "Teil unserer Erinnerungskultur" bezeichnete. "Unserer" meint damit die der deutschen Gesellschaft und der zweieinhalb Millionen Türken, die heute in Deutschland leben.

Wie empfindlich und misstrauisch die Türken in Deutschland auch fünfzehn Jahre nach dem Anschlag von Solingen reagieren, hat das schreckliche Brandunglück vor wenigen Monaten in Ludwigshafen gezeigt - bei dem ebenfalls mehrere Menschen ums Leben kamen -, das aber im Gegensatz zu Solingen mit großer Wahrscheinlichkeit keinen fremdenfeindlichen Hintergrund hatte.

Öl ins Feuer

Die Hetzkampagne türkischen Medien in Deutschland, die vorschnell Schuldzuweisungen an die deutsche Seite richteten, hatte zusätzlich Öl in Feuer gegossen. Die daraufhin entbrannte, wochenlange heftig geführte Integrationsdebatte warf ein Schlaglicht auf das schwierige Verhältnis zwischen der deutschen Gesellschaft und ihrer größten Migrantengruppe.

Die Diskussion zeigt klar: Beide Seiten, die Deutschen und die Türken in Deutschland, müssen sich weiter aufeinander zu bewegen und dabei ein paar unbequemen Erkenntnissen ins Auge schauen:

Kopftuch tragende Türkinnen vor dem abgebrannten Haus in Ludwigshafen; Foto: AP
Alles andere als ein Ruhmesblatt - die Berichterstattung türkischer Medien nach dem Anschlag von Ludwigshafen.

​​Die deutsche Gesellschaft muss endlich akzeptieren, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, das hat sie viel zu lange verdrängt. Und sie muss die Bildungsmisere der Mehrheit der türkischen Kinder endlich in den Griff bekommen.

Spätestens seit der Pisa-Studie wissen wir, dass die schlechten Bildungschancen der türkischen Migrantenkindern ihre Ursache vor allem in den sozialen Unterschieden hat. Denn Kinder, die aus Elternhäusern kommen, die aufgrund ihrer sozialen Herkunft wenig Wert auf Bildung legen, haben von vorneherein wenig Aussicht auf beruflichen Aufstieg.

Verbesserte Bildungschancen für Migrantenkinder

Die deutsche Gesellschaft muss die Bildungschancen der türkischen Migrantenkinder intensiver vorantreiben, indem sie zum Beispiel auf einem obligatorischen Vorschuljahr besteht, um Defizite wie fehlende Sprachkenntisse frühzeitig zu beheben.

Auch Ganztagsschulen fördern das selbstverständliche Miteinander von türkischen und deutschen Kindern. Und: Deutschland muss darauf bestehen, dass der Islamunterricht im Rahmen der staatlichen Lehrpläne durchgeführt wird.

Auf der anderen Seite müssen die türkischen Migranten in Deutschland akzeptieren, dass die Integration das Ziel ist. Nicht Abgrenzung, sondern Einbindung in die deutsche Gesellschaft und das Akzeptieren ihrer Regeln, etwa den Grundsatz der Gleichberechtigung von Mann und Frau, muss selbstverständlich sein.

Und wer dauerhaft in Deutschland leben will, muss bereit sein, Deutsch zu lernen. Denn das Beherrschen der deutschen Sprache ist der Schlüssel zum beruflichen Aufstieg. Wer gut Deutsch spricht, findet leichter Arbeit als jemand mit schlechten Sprachkenntnissen.

Verantwortung der türkischen Medien

Schließlich müssen die zahlreichen türkischen Medien in Deutschland die Mitverantwortung für die Integration übernehmen. Die Berichterstattung nach Ludwigshafen war alles andere als ein Ruhmesblatt.

All das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass in den vergangenen Jahren auch viele sinnvolle Versuche unternommen wurden, um das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken zu verbessern.

Der regelmäßig stattfindende Integrationsgipfel, der relevante Vertreter deutscher und türkischer Gruppen an einen Tisch bringt, ist ein Beispiel. Die vielen Moscheen, die allerorten in Deutschland gebaut wurden, ein anderes.

Kein Zweifel, das friedliche und tolerante Zusammenleben zwischen Deutschen und Türken in Deutschland bleibt ein hartes Stück Arbeit. Aber der Gewinn, den beide Seiten aus der Vielfalt der unterschiedlichen Kulturen ziehen können, lohnt sich allemal.

Wer sich davon überzeugen möchte, sollte einen Blick auf die beeindruckenden Erfolgsgeschichten von türkischen Migranten in Deutschland werfen. Auch diese sind eine Facette des deutsch-türkischen Verhältnisses.

Verica Spasovska

© DEUTSCHE WELLE 2008

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