"Das Schicksal von Razan und ihrer Kollegen ähnelt dem der zivilen, friedlichen Bewegung, die versuchte, eine moralische Alternative für Syrien zu schaffen", bringt es Mazen Darwisch auf den Punkt, der vor 10 Jahren gemeinsam mit Zeitouneh das VDC gründete.
10 Jahre Krieg in Syrien

Razan Zeitouneh: die verstummte Stimme der Revolution

Razan Zeitouneh kämpfte für Gerechtigkeit in Syrien und machte sich Feinde auf allen Seiten. Dann verschwand sie spurlos. Bis heute ist ihr Schicksal ungeklärt. Am zehnten Jahrestag der Revolution zeichnen Lewis Sanders, Birgitta Schülke-Gill, Wafaa Al Badry und Julia Bayer ihre Entführung nach.

Syrien im März 2011. Der Arabische Frühling ist da: Razan Zeitouneh strahlt über das ganze Gesicht und tanzt inmitten von Demonstranten durch die Straßen der Hauptstadt Damaskus. Sie lässt sich mitreißen vom Jubel und stimmt ein in die Sprechchöre gegen das syrische Regime. Videos aus dieser Anfangsphase dokumentieren, dass die junge Anwältin mit den blondroten Haaren oft als Wortführerin in der ersten Reihe steht. 

Nur einen Tag nach den ersten großen Protesten am 15. März initiiert sie mit Gleichgesinnten einen offenen Brief, in dem die Aktivisten das Assad-Regime zur Freilassung von politischen Gefangenen auffordern.

"Wir stellen uns einem der brutalsten Regimes in der Region und der ganzen Welt entgegen, vor allem durch friedliche Proteste, durch friedliche Lieder, durch unsere Rufe nach einem neuen Syrien", erklärt sie in einer Videobotschaft aus dieser Zeit. "Ich bin sehr stolz darauf, Syrerin zu sein. Und stolz darauf, Teil dieser historischen Tage zu sein und die innere Stärke meines Volkes zu spüren."

Mit knapp 34 Jahren übernimmt Zeitouneh damals eine wichtige Führungsrolle. Sie organisiert Demonstrationen im ganzen Land und hilft bei der Gründung der sogenannten lokalen Koordinierungskomitees, die zum organisatorischen Rückgrat des friedlichen Widerstands gegen Machthaber Baschar al-Assad werden.

Anti-Regierungsprotest, Syrien, 2011. Foto: Andoni Lubaki/AP/picture-alliance
Es waren friedliche Demonstranten: "Wir stellen uns einem der brutalsten Regimes in der Region und der ganzen Welt entgegen, vor allem durch friedliche Proteste, durch friedliche Lieder, durch unsere Rufe nach einem neuen Syrien", erklärt Razan Zeitouneh in einer Videobotschaft aus dieser Zeit. "Ich bin sehr stolz darauf, Syrerin zu sein. Und stolz darauf, Teil dieser historischen Tage zu sein und die innere Stärke meines Volkes zu spüren"

Die Anwältin schreibt auch für ausländische Zeitungen und Organisationen über die syrische Revolution – und lehnt jede Form von Gewalt ab. Bewaffneter Widerstand ist für sie keine Option. Das unterscheidet sie von Mitstreitern, die später im Kampf gegen das Regime entweder selbst zu den Waffen greifen oder bewaffnete Gruppen unterstützen.

"Razan ging es niemals um Macht", betont ihr langjähriger Weggefährte Mazen Darwish. Seine Augen leuchten, wenn er über sie spricht. Darwish lebt heute im Exil und leitet das "Syrian Center for Media and Freedom of Expression" in Paris. "Für mich ist Razans herausragende Eigenschaft, wie sehr sie gegen Ungerechtigkeit kämpft. Sie ist bereit, alles zu geben, um Ungerechtigkeit zu bekämpfen."

Die Saat der Revolution

Dieser Kampf begann schon viele Jahre vor der Revolution. Als die syrischen Behörden Mitte der 2000er Jahre gewaltsam gegen radikalislamische Salafisten vorgingen, übernahm Zeitouneh ihre Verteidigung. Ausgerechnet sie – eine weltoffene junge Frau – setzte sich für die Anhänger einer ultrakonservativen Variante des Islam ein, in der Frauen sich voll zu verschleiern haben.

Für Zeitouneh selbst war das kein Widerspruch. In ihrem letzten veröffentlichten Artikel beschrieb sie ihr Rechtsverständnis so: "Alle Menschen haben die gleichen Rechte und müssen gerecht behandelt werden. Da gibt es keinen Raum für Interpretationen, das ist nicht verhandelbar."

 

Öffentlich war die staatliche Verfolgung der Salafisten damals ein Tabu-Thema in Syrien. Wer das harte Vorgehen des Sicherheitsapparats öffentlich kritisierte, brachte sich in Gefahr. "Razan organisierte trotzdem für mich in ihrem Büro ein heimliches Treffen mit Müttern der Inhaftierten", berichtet Nadim Houry.

Houry arbeitete zu diesem Zeitpunkt für die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch und wurde in den Folgejahren ein enger Freund der syrischen Anwältin: "Sie ging unglaubliche Risiken ein für Personen, die sie kaum kannte. Aber sie wollte die Geschichte (der Salafisten) unbedingt öffentlich machen und war bereit, dafür ihr eigenes Leben in Gefahr zu bringen."

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