Das Regime verfügt aber noch über weitere Möglichkeiten: Die ägyptische Armee hat kürzlich ihr zehntes Seminar für Al-Azhar-Studenten organisiert. Ziel dieser religiösen Ausbildung: "das Bewusstsein der Schüler und Universitätsstudenten über die heldenhaften Taten der Armee im Kampf gegen den Terrorismus zu erhöhen". Also scheint der Großimam der Al-Azhar dem Regime möglicherweise lästig geworden zu sein (wie Al-Sisi selbst einräumte), bedrohlich ist er der politischen Führung jedoch in keinem Fall.

Geht es bei den Spannungen also einzig um Machtpolitik und nicht um Prinzipien? Tatsächlich spielt die Religion bei dieser Frage ein großes Thema, und der vorgebliche Streit darüber, was es bedeutet, Hadhite zu hinterfragen, ist in diesem Sinne höchst relevant. Der Präsident sorgt sich darüber, dass die Sicherheit bedroht sein könnte, und ruft deshalb dazu auf, den Kampf gegen radikale Ideen zu unterstützen – den er durch die Einschränkungen und Ablenkungen, die aus den Elfenbeintürmen kommen, behindert sieht.

Frömmigkeit, Kompetenz und Rechtschaffenheit

Für Al-Tayyib hingegen ist die Sunna von zentraler Bedeutung. Und diejenigen, die dazu ausgebildet wurden, eine über tausend Jahre alte intellektuelle Tradition zu interpretieren, sollten dafür respektiert und geachtet werden. Reformen sind sehr wichtig, aber für den Großimam ist Texttreue kein Hindernis, sondern ein Zeichen für Frömmigkeit, Kompetenz und Rechtschaffenheit. Diejenigen, die aus dieser Tradition neue Interpretationen gewinnen möchten, können eindeutige Korantexte oder authentische Hadhite nicht einfach ignorieren.

Sunnitische Gelehrte während einer Konferenz an der Al-Azhar in Kairo im Jahr 2014; Foto: Getty Images/AFP
Künftige Ausbildung von Imamen durch den ägyptischen Staat? Das Ministerium für religiöse Stiftungen setzt sich dafür ein, dass Imame nicht wie bisher nur an der Al-Azhar, sondern an einer speziellen Akademie ausgebildet werden sollen. Der Ausbildungsbeginn ist für Ende Januar 2019 geplant. Die Lehrpläne sollen neben den Religionswissenschaften auch die Themenfelder Recht, Politik, Soziologie und Psychologie umfassen – damit will Al-Sisi angeblich "aufgeklärtes Denken" fördern.

Kurzum, der Konflikt zwischen Abdel Fattah al-Sisi und Ahmad al-Tayyib ist sowohl religiöser als auch politischer Natur. Er dreht sich um die Führung des Landes und darum, wer die wichtigere Rolle spielt – die staatlichen Autoritäten, die das politische System regieren, oder die Religionsgelehrten, die für die Interpretation von Texten zuständig sind. Der Präsident und der Großimam befinden sich weniger in einem dramatischen Manöver, als vielmehr in einem aufreibenden Positionskrieg über die Kontrolle der Predigten in den Moscheen, die Veröffentlichung von Fatwas und die Reform des Lehrplans zur Ausbildung von Imamen.

Keine direkte Konfrontation mit der Al-Azhar

Als perspektivisch gravierendster Knackpunkt könnte sich der Versuch des Regimes erweisen, der Al-Azhar diesen dritten Bereich (nämlich den der Ausbildung) aus den Händen zu nehmen. Die Kontroverse darüber ist allerdings komplizierter und wird nicht so offen geführt. Das Ministerium für Religiöse Stiftungen strebt an, dass Imame zukünftig an der Nationalakademie ausgebildet werden, die nicht der Al-Azhar, sondern dem Präsidenten unterstellt ist. Kürzlich hat das Ministerium angekündigt, es habe bereits Lehrpläne in der Schublade und werde Ende Januar mit religiösen Ausbildungsprogrammen an einer dafür eingerichteten Akademie beginnen.

Unterrichtet werden sollen dabei aber nicht allein Religionswissenschaften, sondern auch Rechtswissenschaften, Politik, Soziologie und Psychologie. Der Grund dafür ist, dass die Al-Azhars Ausbildungsprogramme von offizieller Seite bereits häufig dafür gerügt wurden, ausschließlich religiöse Themen zu behandeln. So würden die Studenten nicht genug zum "aufgeklärten Denken" ermutigt.

Zukünftig wird das Regime versuchen, die Al-Azhar mit subtileren Methoden gefügig zu machen und weniger direkt gegen eine traditionsreiche Institution vorzugehen, die in weiten Teilen der ägyptischen Gesellschaft und der muslimischen Welt noch immer verehrt wird. Al-Tayyibs Autonomie und Wählergunst ermöglichen es ihm, eine unabhängige Stimme zu bleiben, was zukünftig erneut zu öffentlichen Spannungen im politischen und religiösen Leben Ägyptens führen könnte.

Nathan J. Brown and Cassia Bardos

© Sada | Carnegie Endowment for International Peace 2019

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

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