Ägyptens Präsident Al-Sisi und die Al-Azhar

Von Machtpolitik oder Prinzipien geleitet?

Bei dem unterschwelligen Konflikt zwischen dem ägyptischen Präsidenten und der Al-Azhar, dem Zentrum der sunnitischen Gelehrsamkeit, geht es in Wirklichkeit um die Deutungshoheit in Fragen der Religion und die moralische Führung der Gesellschaft. Von Nathan J. Brown und Cassia Bardos

Im Gegensatz zur öffentlichen Debatte über das Scheidungsrecht und die religiöse Sprache stellt sich der Disput zwischen dem ägyptischen Präsidenten und der Al-Azhar nun deutlich undurchsichtiger dar. Jetzt geht es um die Hadhite, die Aufzeichnungen der Aussagen und Handlungen des Propheten Mohammed und der frühen Muslime. Dabei ist umstritten, wie sehr die Gesellschaft durch die Diskussion über die Authentizität dieser Hadhite bedroht wird – und welche Rolle diese innerhalb des islamischen Rechts spielen.

Auch wenn das Thema diffus erscheint ist, ist die eigentliche Ursache der Spannungen klar erkennbar: der verdeckte, aber unheilvolle Streit darüber, welche Rolle der ägyptische Präsident und die Al-Azhar in Hinblick auf die moralische Führung der ägyptischen Gesellschaft spielen. Bei einem Treffen von Würdenträgern vom vergangenen November anlässlich des Geburtstags des Propheten hielten sowohl Ahmad al-Tayyib, der Großimam der Al-Azhar, als auch der ägyptische Präsident Abdel Fattah al-Sisi Ansprachen an die Gläubigen. Al-Tayyib betonte, die Hadhite seien die Grundlage weiter Teile des islamischen Rechts, er prangerte diejenigen an, die dies in Frage stellen.

Seiner Meinung nach hat der Koran zwar Vorrang, enthält aber viel weniger konkrete rechtliche Bestimmungen als die Hadhite. Dass Al-Tayyib sich so äußerte, ist nicht überraschend, da die Hadhite die Grundlage für die Sunna bilden – also für die Handlungen des Propheten, die dem sunnitischen Islam seinen Namen geben. Dem würde ein frommer muslimischer Ägypter, der die Moral und die religiöse Führung der Al-Azhar respektiert, wohl kaum widersprechen.

Im Widerspruch zum Großimam

Al-Sisi wiederum ergänzte seinen vorbereiteten Text mit improvisierten Kommentaren, anhand derer er Al-Tayyib indirekt, aber eindeutig widersprach. Dabei stellte er die Authentizität der Hadhite nicht in Frage (diese Grenze würde er nicht überschreiten), aber er spielte deren Bedeutung und Relevanz herunter. Die wirkliche Bedrohung, beteuerte er, stamme nicht daher, die Hadhite zu hinterfragen, sondern von einer pervertierten Auslegung der Religion: "Das weltweite Dilemma besteht momentan nicht darin, ob der Sunna gefolgt wird oder nicht, sondern darin, dass unsere Religion falsch verstanden wird", sagte er, und warf daraufhin die Frage in den Raum: "Sind diejenigen, die sich dafür einsetzen, die Sunna aufzugeben, schlimmer als diejenigen, die unsere Religion falsch interpretieren?"

Die Al-Azhar-Moschee in Kairo; Foto: Reuters/Mohamed Abd el Ghany
Als gravierendster Knackpunkt könnte sich der Versuch des Regimes erweisen, der Al-Azhar den Bereich der religiösen Ausbildung aus den Händen zu nehmen, so die Autoren Nathan J. Brown und Cassia Bardos. Die Kontroverse darüber wird jedoch nicht offen geführt. Zukünftig wird das Regime versuchen, die Al-Azhar mit subtileren Methoden gefügig zu machen und weniger direkt gegen eine traditionsreiche Institution vorzugehen, die in weiten Teilen der ägyptischen Gesellschaft und der muslimischen Welt noch immer verehrt wird.

Was war da los? Warum sah sich der Präsident plötzlich genötigt, sich mit einer Person auseinanderzusetzen, die sich als über die Politik erhaben versteht – und dies zu einem Thema, das den meisten Politikern als abstrus erscheinen würde? Aber angesichts dessen, dass Al-Sisi versucht, seine Macht über den Staat und die Gesellschaft Ägyptens zu festigen, ist der Streit, der bereits bei anderen öffentlichen Gelegenheiten ausgebrochen war, durchaus politisch zu verstehen.

Der ägyptische Staat – wie weit sein Arm auch reichen mag – wird heute vom Präsidenten und den Sicherheitsapparaten dominiert. Staatlichen Akteuren wie den Verwaltungsgerichten, die früher autonom waren, wurden die Flügel gestutzt. Fast alle führenden politischen Figuren in der Gesellschaft haben ihre Stimme und ihren Einfluss verloren. Wie Michele Dunne schrieb, sind die „meisten Ägypter, die zwischen der Mitte der 2000er Jahre und dem Putsch von 2013 eine wichtige Rolle im öffentlichen Leben einnahmen, entweder im Gefängnis oder im ausländischen Exil, was einem massiven intellektuellen Braindrain [gleichkommt]“. Auch die Gewerkschaften und Berufsverbände, die früher oft unabhängig agierten, wurden vom Regime gezügelt.

Volksnähe und traditionelle Popularität

Doch der Al-Azhar und dem religiösen Sektor war es gelungen, ihre Stimme weitgehend zu behalten. Dies ist auch rein formal betrachtet der Fall, weil ihre Anführer die Versuche des Staates abwehren konnten, die Autonomie, die sie 2011 erlangt hatten, rückgängig zu machen. Allerdings beruht die Autonomie der Al-Azhar auf mehr als nur auf Hierarchien: Al-Tayyib wird auch von großen Wählergruppen unterstützt. Millionen von Absolventen der Ausbildungsstätten der Al-Azhar - Mitglieder der Sufi-Bruderschaften; südägyptische Stämme, die mit dem Großimam in Verbindung stehen - als auch die Mitglieder der religiösen Öffentlichkeit, die von der Gewalt des Regimes im Jahr 2013 abgeschreckt wurden - sie alle setzen sich nicht unbedingt für einen Regimewechsel ein, sind aber durchaus bereit, Al-Tayyibs Integrität und Position zu verteidigen.

Dem Regime wiederum stehen genug Mittel zur Verfügung, die weit über öffentliche Streitigkeiten hinausgehen: Es kontrolliert die Medien, also kann es den Redaktionen vorschreiben, die Meinungen der Al-Azhar-Wissenschaftler über religiöse Kontroversen zu ignorieren oder gar nicht erst über sie zu berichten. Kürzlich war dies bereits der Fall, als der Rat der führenden Al-Azhar-Wissenschaftler einen tunesischen Gesetzesvorschlag, der Frauen und Männern ein gleiches Erbrecht zusicherte, als Verletzung klarer religiöser Texte öffentlich kritisierte. Die regimekonformen Medien in Ägypten könnten dabei angewiesen worden sein, über diese Stellungnahme nicht zu berichten.

Das Regime verfügt aber noch über weitere Möglichkeiten: Die ägyptische Armee hat kürzlich ihr zehntes Seminar für Al-Azhar-Studenten organisiert. Ziel dieser religiösen Ausbildung: "das Bewusstsein der Schüler und Universitätsstudenten über die heldenhaften Taten der Armee im Kampf gegen den Terrorismus zu erhöhen". Also scheint der Großimam der Al-Azhar dem Regime möglicherweise lästig geworden zu sein (wie Al-Sisi selbst einräumte), bedrohlich ist er der politischen Führung jedoch in keinem Fall.

Geht es bei den Spannungen also einzig um Machtpolitik und nicht um Prinzipien? Tatsächlich spielt die Religion bei dieser Frage ein großes Thema, und der vorgebliche Streit darüber, was es bedeutet, Hadhite zu hinterfragen, ist in diesem Sinne höchst relevant. Der Präsident sorgt sich darüber, dass die Sicherheit bedroht sein könnte, und ruft deshalb dazu auf, den Kampf gegen radikale Ideen zu unterstützen – den er durch die Einschränkungen und Ablenkungen, die aus den Elfenbeintürmen kommen, behindert sieht.

Frömmigkeit, Kompetenz und Rechtschaffenheit

Für Al-Tayyib hingegen ist die Sunna von zentraler Bedeutung. Und diejenigen, die dazu ausgebildet wurden, eine über tausend Jahre alte intellektuelle Tradition zu interpretieren, sollten dafür respektiert und geachtet werden. Reformen sind sehr wichtig, aber für den Großimam ist Texttreue kein Hindernis, sondern ein Zeichen für Frömmigkeit, Kompetenz und Rechtschaffenheit. Diejenigen, die aus dieser Tradition neue Interpretationen gewinnen möchten, können eindeutige Korantexte oder authentische Hadhite nicht einfach ignorieren.

Sunnitische Gelehrte während einer Konferenz an der Al-Azhar in Kairo im Jahr 2014; Foto: Getty Images/AFP
Künftige Ausbildung von Imamen durch den ägyptischen Staat? Das Ministerium für religiöse Stiftungen setzt sich dafür ein, dass Imame nicht wie bisher nur an der Al-Azhar, sondern an einer speziellen Akademie ausgebildet werden sollen. Der Ausbildungsbeginn ist für Ende Januar 2019 geplant. Die Lehrpläne sollen neben den Religionswissenschaften auch die Themenfelder Recht, Politik, Soziologie und Psychologie umfassen – damit will Al-Sisi angeblich "aufgeklärtes Denken" fördern.

Kurzum, der Konflikt zwischen Abdel Fattah al-Sisi und Ahmad al-Tayyib ist sowohl religiöser als auch politischer Natur. Er dreht sich um die Führung des Landes und darum, wer die wichtigere Rolle spielt – die staatlichen Autoritäten, die das politische System regieren, oder die Religionsgelehrten, die für die Interpretation von Texten zuständig sind. Der Präsident und der Großimam befinden sich weniger in einem dramatischen Manöver, als vielmehr in einem aufreibenden Positionskrieg über die Kontrolle der Predigten in den Moscheen, die Veröffentlichung von Fatwas und die Reform des Lehrplans zur Ausbildung von Imamen.

Keine direkte Konfrontation mit der Al-Azhar

Als perspektivisch gravierendster Knackpunkt könnte sich der Versuch des Regimes erweisen, der Al-Azhar diesen dritten Bereich (nämlich den der Ausbildung) aus den Händen zu nehmen. Die Kontroverse darüber ist allerdings komplizierter und wird nicht so offen geführt. Das Ministerium für Religiöse Stiftungen strebt an, dass Imame zukünftig an der Nationalakademie ausgebildet werden, die nicht der Al-Azhar, sondern dem Präsidenten unterstellt ist. Kürzlich hat das Ministerium angekündigt, es habe bereits Lehrpläne in der Schublade und werde Ende Januar mit religiösen Ausbildungsprogrammen an einer dafür eingerichteten Akademie beginnen.

Unterrichtet werden sollen dabei aber nicht allein Religionswissenschaften, sondern auch Rechtswissenschaften, Politik, Soziologie und Psychologie. Der Grund dafür ist, dass die Al-Azhars Ausbildungsprogramme von offizieller Seite bereits häufig dafür gerügt wurden, ausschließlich religiöse Themen zu behandeln. So würden die Studenten nicht genug zum "aufgeklärten Denken" ermutigt.

Zukünftig wird das Regime versuchen, die Al-Azhar mit subtileren Methoden gefügig zu machen und weniger direkt gegen eine traditionsreiche Institution vorzugehen, die in weiten Teilen der ägyptischen Gesellschaft und der muslimischen Welt noch immer verehrt wird. Al-Tayyibs Autonomie und Wählergunst ermöglichen es ihm, eine unabhängige Stimme zu bleiben, was zukünftig erneut zu öffentlichen Spannungen im politischen und religiösen Leben Ägyptens führen könnte.

Nathan J. Brown and Cassia Bardos

© Sada | Carnegie Endowment for International Peace 2019

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.
To prevent automated spam submissions leave this field empty.