Peres legte also, wenige Jahre nach der Shoah, den Grundstein für die dauerhafte militärische Überlegenheit Israels gegenüber den Nachbarn. Unzweifelhaft war dies zunächst eine große Errungenschaft, angesichts der im Unabhängigkeitskrieg 1947/48 deutlich gewordenen Bedrohung durch den arabischen Nationalismus. Ob diese Übermacht, wie Peres später gern behauptete, eine wichtige Voraussetzung für einen Frieden mit den Nachbarn darstellte, muss angesichts des Gangs der Ereignisse bestritten werden.

Nach vier Nahost-Kriegen und dem Ausbruch der palästinensischen Intifada Ende der 1980er Jahre wollte Peres eine Friedensregelung mit den unmittelbaren arabischen Nachbarn. Daran besteht kein Zweifel. Der Vertrag mit Jordanien und das Abkommen mit den Palästinensern, das diesen zunächst eine gewisse Autonomie in Teilen der besetzten Gebiete Westjordanland und Gazastreifen zubilligte, sind Ausfluss dieses Willens.

Der "Neue Mittlere Osten"

Aber hinter seinem Schlagwort vom "Neuen Mittleren Osten" (ha-mizrakh ha-tikhon he-khadash) verbarg sich eine ganz bestimmte Vorstellung von diesem Frieden. Palästina, Jordanien, auch Syrien und zumindest der überwiegende Teil des Libanon sollten sich mit Israel vertragen. Wirtschaftlich sollte Israel von dieser Friedensgemeinschaft in ähnlicher Weise profitieren wie Deutschland von der EU.

Wichtiger waren jedoch die strategischen Überlegungen. Die "gemäßigte sunnitische Bevölkerungsmehrheit" der direkten Nachbarstaaten sollte einen Sicherheitspuffer bilden. Das politische Establishment in Israel hatte nämlich einen neuen Hauptfeind ausgemacht: die (schiitische) Islamische Republik Iran. Peres' "Vision" vom Neuen Mittleren Osten war ganz darauf angelegt, Iran von jeglicher regionalen Friedensordnung auszuschließen. Diese Linie war eng mit den USA abgestimmt.

US-Präsident Barack Obama und US-Außenminister John Kerry im März 2013 zu Besuch bei  Schimon Peres in Jerusalem; Foto: Reuters
Schreckgespenst Islamische Republik: Peres' "Vision" vom Neuen Mittleren Osten war ganz darauf angelegt, Iran von jeglicher regionalen Friedensordnung auszuschließen. Diese Linie war eng mit den USA abgestimmt.

Immer wieder verkauften Peres und andere israelische Führungskräfte die Notwendigkeit, "Arafat die Hand zur Versöhnung auszustrecken", mit der "Bedrohung durch die schiitischen Ajatollahs". Auf die müsse man sich konzentrieren. Dass Iran "nur wenige Monate vor der Fertigstellung der Atombombe" stehe (und damit die militärische Übermacht Israels egalisieren würde), ist seit den 1990er Jahren ein von Schimon Peres gern gepflegtes Mantra gewesen. Unter diesen Umständen war es nicht verwunderlich, dass der Iran und die palästinensischen Islamisten der Hamas zusammenfanden und dabei sogar konfessionelle Barrieren überwanden.

Gefahr der politischen Isolation

Diesen Zusammenhang hat der israelische Zeithistoriker Khagai Ram eindrucksvoll offen gelegt. US-Präsident Obama, die übrigen Mitglieder des UN-Sicherheitsrats und Deutschland haben sich mit dem Nuklearabkommen vom Juli 2015 eindeutig gegen die Logik von Schimon Peres gestellt, wonach der Iran von einer nahöstlichen Friedensordnung ausgeschlossen werden müsse. Daraus ergibt sich für Israel unzweifelhaft die Gefahr der politischen Isolation.

In ihren Nachrufen stellen die Eulogen bewundernd die "Größe" des "Letzten aus der Gründergeneration des Staates Israel" der Mediokrität der jüngeren Politikerklasse gegenüber. Der Grund dafür könnte darin liegen, dass westliche Politiker und Medieneliten sich gern selbst in dem so europäischen Nobelpreisträger aus Tel Aviv spiegeln. Welchen Anteil Peres selbst am Niedergang der politischen Kultur Israels während der vergangenen zwei Jahrzehnte hatte, wird dabei gnädig übersehen.

Zum Glück ist Schimon Peres 1934 als kleiner Junge mit seiner Familie aus dem ostpolnischen Wishneva nach Eretz Israel ausgewandert. So entging er der Ermordung durch die Deutschen. Möge er nach einem ereignisreichen 93-jährigen Leben in Frieden ruhen. Die Welt muss hoffen, dass dies auch für sein politisches Frühwerk gilt: die unter der Wüste Negev gelagerten Atomwaffen. Die Welt muss hoffen, sich nicht eines Tages jäh an Schimon Peres erinnern zu müssen wegen einer nuklearen Zündung irgendwo im Nahen oder Mittleren Osten.

Stefan Buchen

© Qantara.de 2016

Stefan Buchen arbeitet als Fernsehjournalist für das ARD-Magazin Panorama. Von 1993 bis 1996 studierte er Arabische Sprache und Literatur an der Universität Tel Aviv. Von 1996 bis 1999 war er als Journalist in Israel tätig. Er spricht fließend Arabisch, Hebräisch und Persisch.

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Leserkommentare zum Artikel: Dichtung und Wahrheit

Wie kommen sie auf die Zahl von 100 Todesopfern die in dem Uno Gebaeude in Qana? Wieso wird nur der Iran als aktiver Unterstuetzer der Hisbollah genannt? Wenn offizielle Statements der libanesischen Armee zu der Zeit deutlich Annerkennend gegnueber Hisbollah sind und der Libanon zu der Zeit keine Bemuehung zur Entwaffnung der Hisbollah unternommen hat. Machen Sie sich Glaubwuerdig wenn sie von Israel als Agressor (welches es in diesem Konflikt eindeutig war) berichten und versuchen Sie es fair und nicht indem Fakten einseitig dargestellt werden.

David D10.10.2016 | 09:19 Uhr