Zu wenig Seelsorge für muslimische Häftlinge - Drei Fragen an Abdelmalek Hibaoui von der Universität Tübingen

18.02.2018

Der muslimische Theologe Abdelmalek Hibaoui beklagt den Stand der Seelsorge für muslimische Gefangene in Deutschland. Dass bundesweit 110 Imame Gefängnisse besuchen, sei viel zu wenig, so Hibaoui. «110 Imame sind nicht viel im Vergleich zu der Zahl der muslimischen Gefangenen. In Deutschland ist fast jeder fünfte Gefängnisinsasse Muslim», erklärte der Juniorprofessor von der Universität Tübingen.

Außerdem müsse man zwischen muslimischen Predigern und Seelsorgern unterscheiden. «Nur ein kleiner Teil dieser Imame verdient, als Seelsorger bezeichnet zu werden», sagte Hibaoui. Er hat deutschlandweit den ersten und einzigen Lehrstuhl für islamische Theologie, an dem Studenten zu muslimischen Seelsorgern ausbildet werden. Den Studiengang gibt es in Tübingen seit dem Wintersemester 2016/2017. Mit Abdelmalek Hibaoui hat sich Julia Lauer unterhalten.

Herr Professor Hibaoui, in Deutschland ist die Zahl der Gefängnisseelsorger deutlich zurückgegangen. Nach Erkenntnissen der «Rheinischen Post» sind derzeit nur 110 Imame in deutschen Haftanstalten aktiv. Ist das zu wenig?

Abdelmalek Hibaoui: Definitiv. 110 Imame sind nicht viel im Vergleich zu der Zahl der muslimischen Gefangenen. In Deutschland ist fast jeder fünfte Gefängnisinsasse Muslim, und in Zukunft werden es sicher nicht weniger. Dazu kommt: Nur ein kleiner Teil dieser Imame verdient, als Seelsorger bezeichnet zu werden. Ein Imam ist nicht gleichzusetzen mit evangelischen oder katholischen Pfarrern, die in der Regel eine seelsorgerische Ausbildung haben. Oft kommt der Imam ins Gefängnis und hält dort nur die Freitagspredigt. Zur Seelsorge gehören aber auch Gruppengespräche und individuelle Betreuung, das erfordert entsprechende Kompetenzen.

Dass es nun noch weniger Imame in den Gefängnissen gibt als zuvor, hat mit Sicherheitskontrollen zu tun. Das zeigt Nordrhein-Westfalen. Dort wurden im Februar 2017 Sicherheitschecks für Imame des türkischen Islamverbands Ditib eingeführt, die Gefängnisse besuchen. Die Mehrheit von ihnen widersetzt sich der Überprüfung, und nun ging die Zahl der Ditib-Imame in den nordrhein-westfälischen Haftanstalten von 92 auf fünf zurück.

Hibaoui: Das ist mir unbegreiflich. Ein Gefängnis ist doch kein Krankenhaus, da muss es Kontrollen geben. Schwer verständlich ist zudem, warum die Imame der Ditib bis vor kurzem von der Sicherheitskontrolle ausgenommen waren, während die Überprüfung für Imame anderer Islam-Verbände selbstverständlich ist. Es erscheint mir nur logisch, dass die Ditib-Imame neuerdings kontrolliert werden. Die Verbände müssen gleich behandelt werden.

Seit einem Jahr vermitteln Sie Ihren Studenten das Rüstzeug, das sie als muslimische Seelsorger brauchen. Wir haben darüber gesprochen, dass es nur wenige muslimische Prediger in deutschen Gefängnissen gibt. Ist es dort denn um die muslimische Seelsorge auch so schlecht bestellt?

Hibaoui: Es gibt sehr wenige muslimische Gefängnisseelsorger in Deutschland, obwohl das eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Die Frage ist auch: Wer bildet sie aus? Deutschlandweit habe ich den ersten Lehrstuhl für Praktische Islamische Theologie für Seelsorge und Soziale Arbeit. Unser Studiengang ist der erste und einzige in Deutschland, der islamische Seelsorger an der Universität ausbildet.

Neben theologischen Kompetenzen wollen wir unsere Studenten auch unter anderem mit den erforderlichen psychosozialen Kompetenzen ausstatten. Doch wir allein können den Bedarf in Deutschland natürlich nicht decken. Deshalb bin ich froh, dass beispielsweise in Berlin, Frankfurt und Mannheim in den vergangenen zwei Jahren Pilotprojekte außerhalb der Universitäten entstanden sind. Sie alle sind noch in der Testphase. In Mannheim etwa werden Krankenhausseelsorger zu muslimischen Gefängnisseelsorgern weitergebildet. Rund ein Dutzend von ihnen wird derzeit schon in die Gefängnisse geschickt. Insgesamt gilt: Da ist noch viel Bedarf. (epd)

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