Wie die erste deutsche Islambank die Finanzbranche aufmischen will

03.07.2015

Im 16. Stock, in einem Hochhaus an der Messe in Frankfurt am Main, laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Die Mitarbeiter der KT Bank haben den Marktstart der ersten islamischen Bank in Deutschland fest im Blick. Ab dem 1. Juli können Privat- und Geschäftskunden ein Konto bei dem Geldinstitut eröffnen, das strikt nach islamischen Werten arbeitet. Nach mehrjähriger Anlaufzeit erhielt die KT Bank, eine hundertprozentige Tochterbank der türkischen Kuvyet Türk Bank, im März von der Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin die Banklizenz.

Ugurlu Soylu ist der Generalbevollmächtigte der KT Bank. Aus seinem Büro blickt er auf die Skyline der deutschen Finanzmetropole mit den Zwillingstürmen der Deutschen Bank und dem gelben Commerzbank-Tower. "Wir sehen uns als sinnvolle Ergänzung des deutschen Finanzmarktes", sagt Soylu. Nicht nur die rund vier Millionen Muslime in Deutschland seien die Zielgruppe seiner Bank, sondern auch Kunden, denen ein ethisch ausgerichtetes Bankgeschäft wichtig ist.

Islamischen Banken ist es verboten, Geschäfte zu finanzieren, die dem Wertekanon der Religion widersprechen. Investitionen in Rüstungsfirmen, in die Tabak-, Alkohol- Glücksspiel- und Pornoindustrie sind genauso untersagt wie hochriskante Spekulationen. Damit ist die KT Bank grundsätzlich auch für Kunden von Ethikbanken wie der Bochumer GLS Bank oder der niederländischen Triodos Bank attraktiv. "Hinter unseren Werten kann jeder stehen, unabhängig davon ob er Muslim, Christ oder Atheist ist", sagt Soylu.

Global gesehen ist Islamic Banking ein viel versprechendes Geschäftsfeld. In rund 70 Ländern bieten etwa fünfhundert islamische Institute ihre Dienste an. Das weltweite Handelsvolumen der Banken schätzt die KT Bank auf circa zwei Billionen Dollar - und das Geschäft wachse deutlich schneller als das der konventionellen Banken.

Das vielleicht bekannteste Merkmal von islamischen Banken ist das Verbot von klassischen Zinsen. Die Institute verlangen von ihren Kunden keinen Zins, wenn sie ihnen Geld leihen. Geld leihen ist dabei auch der falsche Ausdruck, denn die Bank "tritt als Händler auf", erklärt Soylu. Beispielsweise kauft die Bank für einen Kunden eine Immobilie und verkauft sie ihm wieder mit einem gewissen Aufpreis. Hinter jedem Kredit sei so ein reales Gut hinterlegt, erläutert der Generalbevollmächtigte. "Wir führen die volkswirtschaftlichen Ersparnisse immer in den Realsektor über", sagt er mit einem kleinen Seitenhieb auf die Hochhaustürme vor seinem Fenster.

Verbraucherschützer begrüßen das islamische Bankwesen: "Die Grundsätze des Islamic Finance sehen wir als Verbraucherschützer durchaus positiv", erklärt Volker Schmidtke von der Verbraucherzentrale Berlin. Es bleibe aber abzuwarten, inwieweit die konkreten Produkte diesen Maßstäben auch gerecht würden, erläutert er mit Blick auf die KT Bank.

Zunächst eröffnet die Bank in Deutschland drei Filialen - neben dem Hauptsitz in Frankfurt werden in Berlin und Mannheim weitere Niederlassungen aufgemacht. Langfristig sind weitere Standorte geplant.

Doch die Filialen sollen nur die Leuchttürme der Bank sein - viel präsenter wird das islamische Geldinstitut künftig durch sogenannte XTM-Terminals sein. In den Terminals können Kunden per Bildschirm Kontakt mit einem Bankmitarbeiter im Servicecenter aufnehmen und alle klassischen Bankprodukte abschließen. Die virtuellen Bankschalter werden künftig bundesweit zu finden sein, erklärt Soylu. Einige hundert davon soll es geben. Auch Dokumente können dort eingescannt, unterschrieben und eingereicht werden.

Von seinem Büro hat Soylu die Finanzwelt nicht nur fest im Blick. Er klingt auch sehr zuversichtlich, dass die KT Bank ihre Kunden in Deutschland finden wird. (AFP)

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Leserkommentare zum Artikel: Wie die erste deutsche Islambank die Finanzbranche aufmischen will

Gespeichert von Ingrid Wecker am

Auszug aus dem Schweizer Wirtschaftsmagazin "Bilanz" vom 17.12.2010 im Artikel "Wachstumsbremse Koran": "....Was das Kopftuch für die Strasse bedeutet, ist das Islamic Banking für die Finanzwelt. Richtschnur ist wieder der Koran in seiner Widersprüchlichkeit. Vers 275 in Sure 2 lautet: «Jene, die Wucherzins verschlingen, stehen nicht anders auf, als einer aufsteht, den der Satan mit Wahnsinn geschlagen hat.» Die gängige Interpretation: Wer Zins, «Riba» in der Sprache des Korans, gewährt oder Zins zahlt, kommt in die Hölle. Aber beschreibt «Riba» den Zins oder nur den Wucher? Vers 131 der dritten Sure befiehlt: «Oh Gläubige, greift nicht so gierig nach dem Wucher mit allen seinen Verdopplungen.»

Islam-Experte Tim Kuran von der Princeton University klärt auf: «Was der Koran verbietet, ist die vor­islamische Institution der Riba, nach der ein Kreditgeber seinen Einsatz verdoppelte, wenn sein Schuldner in Verzug geriet, und nach jedem weiteren Verzug die Schuld verdoppelte.» Daher also das Wort von der Verdopplung im Koranvers. Kuran beschreibt das Konzept der Islamischen Ökonomie als «nostalgische Flucht», sie wende altertümliche Lösungen für gegenwärtige Probleme an. «Wir müssen verstehen, dass die Wirtschaft des 7.  Jahrhunderts auf der Arabischen Halbinsel äusserst primitiv war», sagt Kuran. Entsprechend wird das Konzept umgesetzt (siehe «Die mächtigen Männer des Islam-Banking»).

Einfache Lösungen sehen so aus, dass die Bank dem Kunden die zu finanzierende Ware für eine virtuelle Sekunde ankauft, ihm die Ware umgehend mit einer Rechnung zu einem überhöhten Preis überlässt, den der Kunde zu einem festgelegten Zeitpunkt zu bezahlen hat. Die virtuelle Sekunde legitimiert die Transaktion und manchmal ein anderes Wort für den Zins, zum Beispiel «Gebühr» oder «Aufschlag». In den Augen von Kuran geht es um «semantische Differenzen». Ökonomisch seien das herkömmliche Zinsgeschäfte. Die Verlierer des Systems sind die Kunden, denn sie zahlen in der Regel höhere «Gebühren». Von den Islam-Bankern werden immer komplexere Varianten ersonnen, um das angebliche Zinsverbot zu umgehen. Islamic Banking ist eine Marketingmaschine geworden, die den Geldhäusern höchste Profite abwirft – daher auch das Interesse der westlichen Banken. Auch Al-Qaradawi ist im Islamic-Banking-Geschäft dabei, als Berater von islamischen Instituten in Katar und Bahrain.