Weltflüchtlingstag: «Trauriger Rekord» - 65 Millionen Menschen auf der Flucht

20.06.2016

Bewaffnete Konflikte und Verfolgung haben weltweit mehr Menschen als aus ihren Heimatorten vertrieben, als jemals zuvor von den UN verzeichnet wurde. Zum ersten Mal sei 2015 durch den Anstieg der Flüchtlingszahlen auf 65,3 Millionen Menschen die «60-Millionen-Marke» überschritten worden, erklärte das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) in seinem neuen Weltbericht.

Die Kinderrechtsorganisation Save the Children zeigte sich insbesondere besorgt über die immer weiter ansteigende Zahl unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge. In Serbien etwa habe sich ihre Anzahl im Monat Mai verfünffacht, sagte Goran Bilic, Leiter des humanitären Einsatzes der Organisation auf dem Balkan. Schuld daran seien Grenzschließungen, die zur Verschiebung der Fluchtrouten führten. Illegal reisende Familien würden zudem häufiger getrennt, die Kinder müssten dann alleine weiter fliehen. Sie würden Opfer von Gewalt und Ausbeutung, zum Beispiel in Form von Kinder- und Zwangsarbeit oder Entführungen.

Der Generalsekretär des Europarates rief die europäischen Regierungen dazu auf, dem Schutz minderjähriger Migranten und Asylsuchender vor sexuellem Missbrauch oberste Priorität einzuräumen. «Im vergangenen Jahr sind allein in Europa 300.000 Kinder als Migranten und Asylsuchende angekommen, darunter viele unbegleitete», sagte Thorbjørn Jagland in Straßburg. Diese Kinder müssten sichere Unterkünfte und gesetzliche Vertreter bekommen, um sie vor Missbrauch zu schützen.

«Geflüchtete Kinder schweben in großer Gefahr, sexuell ausgebeutet und missbraucht zu werden und aus den Händen der Schleuser in jene der Menschenhändler zu geraten. Dadurch wird das Trauma, das viele von ihnen erlitten haben, noch verstärkt.»

Traumatische Fluchterlebnisse belasten oftmals den neuen Alltag der Migranten. Der Sonderbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz für Flüchtlingsfragen, Erzbischof Stefan Heße, mahnt: «2015 zählte das Bundeskriminalamt über 1.000 Übergriffe auf Asylbewerberunterkünfte.

Wir dürfen nicht länger zulassen, dass schutzsuchende Menschen inmitten unseres Landes bedroht und angegriffen werden!» Dagegen stehe das ungebrochene Engagement der vielen ehrenamtlichen Helfer. Allein in katholischen Kirchengemeinden setzten sich über 100.000 Ehrenamtliche für Flüchtlinge und Asylbewerber ein.

Die Hilfsorganisation Misereor wirbt für ein positives Bild der Migration vor allem in Afrika: Die freie Zirkulation von Menschen wie Waren sei über Jahrhunderte ökonomisch, sozial und kulturell konstitutiv für viele Regionen Afrikas gewesen, erläuterte Misereor-Geschäftsführer Martin Bröckelmann-Simon.

Inzwischen sorge aber Druck aus Brüssel und Europa dafür, dass die bislang offenen Reisemöglichkeiten eingeschränkt würden. Ausgewählte Länder sollten sich verpflichten, Migrationswillige in ihren eigenen Landesgrenzen zurückzuhalten und Rückkehrpflichtige aus Europa zurückzunehmen - dabei könnten aber «Menschenrechte und der Schutz von Migranten auf der Strecke bleiben», warnte Bröckelmann-Simon.

Die Kinderhilfsorganisation World Vision warnte vor neuen Flüchtlingsströmen, wenn das weltweit größte Flüchtlingslager Dadaab in Osten Kenias wie geplant im Herbst aufgelöst wird. Die Umsiedlung müsse mit nachhaltigen Hilfen und guten Schutzmaßnahmen verbunden werden. «Die kenianische Regierung steht ähnlich wie die Länder im Nahen Osten, die auf die Syrienkrise reagieren müssen, vor der Herausforderung, die Bedürfnisse von Hunderttausenden Menschen zu decken», erklärte World Vision Regionaldirektorin Margaret Schuler.

Die «Aktion Deutschland Hilft» will mit einer Online-Kampagne den Blick auf die Werte der Mitmenschlichkeit schärfen: «Partnerschaft, Toleranz und Solidarität müssen wieder zu festen Bestandteilen des täglichen Lebens werden. Unter dem Hashtag #TeileUnsereWerte kann sich jeder an einem Austausch über diese Grundwerte beteiligen», sagte Geschäftsführerin Manuela Roßbach. In Videostatements erzählen Flüchtlinge, Helfer und Unterstützer, was Solidarität, Toleranz und Partnerschaft für sie bedeuten. (dpa)

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