«Waffen werden wie Erdnüsse verkauft» - Ein Jahr nach dem Friedensabkommen ist in Mali kein Frieden in Sicht

07.07.2016

11.000 UN-Blauhelme sollen den Norden Malis stabilisieren. Doch die Zahl der Anschläge nimmt zu. Erstmals wurden nun auch Bundeswehrsoldaten beschossen. Von Bettina Rühl

Wenigstens die Schafe haben ihn nicht enttäuscht. Sie haben zwei Junge geboren, jetzt hat Amadou Cissé vier Tiere. Der 37-Jährige wohnt in der Ortschaft Bara, etwa 60 Kilometer von der Stadt Gao im Norden Malis entfernt. Cissé hofft, bald wieder eine Schafherde zu haben - wie früher. «Ich bin dankbar dafür», sagt der Hirte. «Es ist ein Neuanfang.» Doch was die Friedenschancen angeht, hat er wie viele seiner Landsleute die Hoffnung verloren.

Der westafrikanische Wüstenstaat Mali steckt seit einem Militärputsch 2012 und der anschließenden Besetzung des Nordens durch mehrere bewaffnete, überwiegend islamistische Gruppen in einer schweren Krise. Trotz eines Friedensabkommens vor einem Jahr kommt das Land nicht zur Ruhe. Die UN-Mission Minusma mit fast 11.000 Soldaten soll die Umsetzung des Abkommens überwachen. Doch von Frieden ist das Land weit entfernt.

Für viele Menschen hat der Konflikt mit den Islamisten massive wirtschaftliche Folgen. Cissé ist dafür ein Beispiel: «Als die Islamisten 2012 die Gegend kontrollierten, traute ich mich mit meiner Herde nicht mehr in die Wüste.» Weil er im Dorf nicht genug Futter für seine Schafe und Ziegen fand, verhungerten ihm 20 Tiere, mehr als die Hälfte seiner Herde. Die übrigen 15 verkaufte er notgedrungen.

Der Mann mit den freundlichen Gesichtszügen wirkt ruhig. Aber unter der Oberfläche wächst seine Wut. «Wenn der Staat nicht bald etwas für uns tut, werde ich auch zu den Waffen greifen. In Mali findet offenbar nur Gehör, wer gewalttätig wird.» An eine Waffe zu kommen, sei das geringste Problem. «Die werden hier wie Erdnüsse verkauft.»

Der Norden Malis ist schwieriges und gefährliches Terrain für UN-Blauhelme. Zur Minusma gehört auch ein deutsches Kontingent von derzeit knapp 500 Soldaten, dessen Stärke auf 650 aufgestockt werden soll. Aufgabe der in Gao stationierten Deutschen ist vor allem die Aufklärung terroristischer Aktivitäten. Und davon gibt es einige. Die Zahl der Anschläge habe in diesem Jahr zugenommen, sagt der dänische Minusma-Kommandeur, Generalmajor Michael Lollesgaard.

Ziel der terroristischen Attentate sind vor allem Soldaten der malischen Armee und der UN-Mission. Ende Mai kamen die Angriffe dem deutschen Kontingent in Gao sehr nahe: Bei einem Doppelanschlag wurde ein chinesischer UN-Soldat in einem Camp in Gao getötet, ebenso wie drei Zivilisten des UN-Minenräumdienstes UNMAS. Eine islamistische Terrorgruppe bekannte sich zu dem Angriff und erklärte, er habe «kreuzzüglerischen Besatzungskräften» gegolten.

Am letzten 6. Juli 2016 wurden patrouillierende deutsche Soldaten bei einem Halt nördlich von Gao mit Handfeuerwaffen beschossen, wie das Einsatzführungskommando der Bundeswehr in Potsdam mitteilte. Niemand wurde verletzt und kein Fahrzeug beschädigt. Wer die Angreifer waren, sei unklar, hieß es. Es sei kein vorbereiteter Hinterhalt gewesen.

Dass die Minusma unter den gegenwärtigen Umständen damit überfordert ist, die Lage in Mali zu stabilisieren, wird aus Kommandeur Lollesgaards Worten überdeutlich: Es gebe mehr Terroranschläge, mehr kriminelle Überfälle und mehr bewaffnete Konflikte zwischen den unterschiedlichen Ethnien als im Vorjahr. «Wir haben fast 11.000 Soldaten, und die malische Armee hat in der Region ihrerseits starke Kräfte. Aber Mali ist riesig, wir können nicht das ganze Territorium kontrollieren.»

Ende Juni beschloss der UN-Sicherheitsrat eine Aufstockung um 2.500 Blauhelme und verlängerte das Mandat um ein Jahr. Als Ursache für die erneut steigenden Spannungen wird die schleppende Umsetzung des Friedensabkommens von 2015 gewertet. Jan Fahlbusch von der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung im Büro in Bamako ist etwas optimistischer, seit die Konfliktparteien in der Nacht auf den 15. Juni ein weiteres Abkommen unterzeichnet haben.

Darin bekräftigen Regierung und Rebellen, was sie schon vor einem Jahr vereinbart haben: dass im Norden kommunale Übergangsverwaltungen gebildet und eingesetzt werden, dass die bewaffneten Gruppen kaserniert und entwaffnet werden, dass Aufständische und malische Armee in gemischten Gruppen auf Patrouillen gehen. «Aber Mali ist noch nicht über den Berg», sagt Fahlbusch. Grundlegende Reformen seien auch im Staatsapparat und bei der korrupten Justiz nötig.

Die Enttäuschung in Gao und Umgebung überall zu spüren. «Was hier läuft, damit die Bevölkerung in Zukunft wieder für sich selbst sorgen kann, läuft nur dank der Hilfsorganisationen», sagt der Hirte Cissé wütend. Die beiden Schafe hat von einer malischen Organisation bekommen, die von Care Deutschland unterstützt wird.

So gut es geht, versucht er, den Unterhalt für seine Familie als Wasserverkäufer zu verdienen. Der relative Wohlstand früherer Jahre ist dahin. Früher schickte er alle seine vier Kinder in die Schule, jetzt müssen die beiden älteren mitarbeiten: «Alleine kann ich meine Familie nicht mehr ernähren.» (epd)

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