Vortrag von Prof. Angelika Neuwirth: Der Koran und die Etablierung der islamischen Theologie an deutschen Universitäten

03.11.2014 - 18:00 Uhr bis 19:30 Uhr
Goethe-Universität Frankfurt
Renate-von-Metzler-Saal
Frankfurt am Main

Der Koran wird heute in Ost und West unterschiedlich gelesen: auf islamischer Seite zumeist traditionsgebunden und als Medium der Kommunikation zwischen Gott und Mensch und auf westlicher Seite historisch. Über diese unterschiedlichen Betrachtungsweisen und darüber, wie sich diese auf die Etablierung der islamischen Theologie an deutschen Universitäten auswirken, wird die bekannte Arabistin Prof. Angelika Neuwirth von der Freien Universität Berlin am Montag (3. November) an der Goethe-Universität sprechen. Der Vortrag der Seniorprofessorin für Arabistik gehört zu der öffentlichen Vorlesungsreihe „Der Koran – Ein Text im Dialog zwischen Osten und Westen“, die im Rahmen der Stiftungsgastprofessur „Wissenschaft und Gesellschaft“ der Deutsche Bank AG im Wintersemester vom Zentrum für Islamische Studien der Goethe-Universität veranstaltet wird.

Vor dem Vortrag findet ab 18.00 Uhr im Foyer vor dem Renate-von-Metzler-Saal im 1. Stock des Casinos die Ausstellung „Arabische Kalligraphie“ statt. Gezeigt werden Werke des irakischen Kalligraphen Adel Ibrahim al Sudany, der zunächst Physik und irakische Kalligraphie in Bagdad und dann in Frankfurt Webdesign, Werbe- und Mediengestaltung studiert hat. Er ist als Grafiker und Kalligraph tätig und unterrichtet arabische Kalligraphie am Institut für Studien der Kultur und Religion des Islam der Goethe-Universität. Seine Werke wurden mehrfach ausgestellt.

Die renommierte, vielfach ausgezeichnete Wissenschaftlerin Angelika Neuwirth wird in ihrem Vortrag darauf eingehen, dass sich die komplexe Gestalt des Korans einem ungewöhnlichen historischen Ereignis, nämlich der Offenbarung des Gotteswortes zu Muhammad zwischen 610 und 632, verdankt: Dieses war die „Zwillingsgeburt“ einer Gemeinde und einer heiligen Schrift. Daher ist der Koran nicht nur Text, er hat auch eine transzendente Dimension. Darüber hinaus ist der Koran als Dokument eines historisch beispiellosen Erfolges zumindest latent auch eine politische Schrift. Wie können heutige Koranleser diesen Dimensionen gerecht werden? Diese Frage tangiert eine zentrale Aufgabe der neuen Islamischen Theologie, die nicht nur der islamischen Religionskultur von Nutzen sein soll, sondern auch der christlichen bzw. säkularen Kultur neue Erkenntnisse eröffnen soll. Die erfahrene Professorin wird auch erläutern, warum die Etablierung der islamischen Theologie, wie sie auch an der Goethe-Universität betrieben wird, eine epochale Aufgabe ist.

Angelika Neuwirth befasst sich seit Jahrzehnten mit klassischer und moderner arabischer Literatur, insbesondere mit dem Koran. Seit 2007 leitet sie das Forschungsprojekt „Corpus Coranicum“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Sie ist am Sonderforschungsbereich 980 der Freien Universität mit einem Forschungsprojekt „Von Logos zu Kalam. Figurationen und Transformation von Wissen in der Spätantike“ beteiligt und ist Mitglied mehrerer in- und ausländischer Akademien. Ihre Arbeit ist mehrfach durch internationale Ehrendoktorwürden ausgezeichnet worden. Ihre neueren Publikationen sind u.?a.: Der Koran als Text der Spätantike, Berlin (Suhrkamp) 2010; Der Koran I: Frühmekkanische Suren, Berlin (Suhrkamp) 2011; Koranforschung als politische Philologie?, Berlin (De Gruyter) 2014.