Von Dschidda nach Doha: Gabriel als Mutmacher in der Qatar-Krise

05.07.2017

Früher kamen deutsche Politiker mit großen Wirtschaftsdelegationen in die Golfregion, um Geschäfte zu machen. Beim Besuch von Außenminister Gabriel ist das anders: Krisenmanagement ist angesagt. Mittwoch ist Showdown im Qatar-Konflikt. Von Michael Fischer und Jan Kuhlmann

Adel al-Dschubair wollte gar nicht mehr aufhören zu reden. Fast drei Stunden unterhielt sich der saudische Außenminister am Montag mit seinem Kollegen Sigmar Gabriel in einer Außenstelle seines Ministeriums in Dschidda - lange unter vier Augen, dann in größerer Runde. Und trotzdem hatte er noch nicht genug von seinem Gast aus Berlin. Um noch ein paar Minuten herauszuschlagen, setzte der Minister sich ans Steuer einer gepanzerten Limousine und chauffierte Gabriel eigenhändig zum Flughafen.

Man kann also nicht sagen, dass sich niemand in der Golfregion für die ungewöhnliche Vermittlungsmission des deutschen Chefdiplomaten interessiert. Wobei Gabriel das Wort «Vermittlung» auf dieser Reise gar nicht gerne hört. «Wir haben hier keine Vermittlungsrolle, die maßen wir uns nicht an. Wir unterstützen die Vermittlung des Emirs von Kuwait, das machen auch unsere amerikanischen Kollegen», sagt er am Dienstagmorgen im 74. Stock des höchsten Gebäudes von Abu Dhabi, Hauptstadt der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE).  

300 Meter unter Gabriel breitet sich der Reichtum der ölreichen Golfregion aus. Der riesige, weiße Palast des Emirs von Abu Dhabi; das «Emirates Palace», einst als teuerstes Hotel der Welt errichtet; zehnspurige Straßen, künstliche Inseln, Wolkenkratzer. Die Golfstaaten waren lange Zeit nicht nur für überbordenden Luxus bekannt, sondern galten auch als Anker der Stabilität in einer fragilen Weltregion. Die Qatar-Krise hat das alles ins Wanken gebracht - bis hin zu Befürchtungen, dass es Krieg geben könnte.  

Diese Gefahr bestehe nicht, versichert Gabriel. Trotzdem sei der Konflikt «weiterhin sehr hart». Auf der einen Seite stehen drei Mitglieder des Golfkooperationsrats (GCC) um das mächtige Saudi-Arabien sowie Ägypten. Sie werfen dem sehr reichen und außenpolitisch aktiven Qatar vor, Terrorismus und Extremismus zu finanzieren. Deshalb haben sie alle Beziehungen zu dem Emirat abgebrochen, die Grenzen geschlossen und die Region damit gespalten.

Dass Gabriel am Dienstagnachmittag auf direktem Weg nach Doha fliegen kann, ist die absolute Ausnahme - weil damit eigentlich die Blockade gebrochen wird. Kurz vor dem Start heißt es, dass die vorgesehene Strecke nicht freigegeben ist. Es gibt ein Kommunikationsproblem. Nach 20 Minuten Wartezeit kann die Maschine dann doch starten. Für die 300 Kilometer Luftlinie braucht Gabriel ganze 34 Minuten.

Touristen und Geschäftsleute, die von den Vereinigten Arabischen Emiraten nach Qatar gelangen wollen, müssen erst einmal ganz aus der Region heraus, zum Beispiel nach Istanbul - und dann wieder zurück. Das deutsche Interesse richtet sich auch auf den Zusammenhalt des GCC, gerade mit Blick auf die Terrorismusbekämpfung. Das Staatenbündnis droht auseinanderzubrechen, wenn Qatar auf die Forderungen der Blockade-Allianz nicht hinreichend eingeht.

In der Nacht zu Mittwoch läuft ein Ultimatum an Qatar aus, danach kommen dessen Gegner in Kairo zusammen. Eine Antwort des isolierten Emirats gibt es schon, sie ist aber noch nicht öffentlich bekannt. Vieles spricht dafür, dass Qatar sich den Forderungen nicht beugt. «Die Liste ist unrealistisch», betont Außenminister Mohammed bin Abdulrahman Al Thani nach seinem Treffen mit Gabriel in Doha.  

Sollte Qatar sich nicht beugen, dürften seine Kontrahenten weitere Sanktionen beschließen. Möglichkeiten gibt es viele. Mehr symbolisch wäre eine Suspendierung von Qatars GCC-Mitgliedschaft. Auswirkungen auf den globalen Gasmarkt hätte hingegen eine Seeblockade gegen das Emirat, den weltweit größten Exporteur von Flüssiggas, das Qatar über Tanker verschifft. Sollten seine Gegner die Schiffe stoppen, könnte der Konflikt in eine Eskalationsspirale geraten. Mit unkalkulierbarem Ausgang.

Gabriel hofft auf genau das Gegenteil: Eine Deeskalationsspirale. In Doha würdigt er ausdrücklich, dass Qatar auf die Blockade nicht mit Gegenmaßnahmen reagiert hat. «Ich finde, es ist erst einmal fair zu sagen, dass das eine Reaktion ist, die jedenfalls nicht prinzipiell selbstverständlich ist.» Er hofft nun, dass sich die anderen ein Beispiel daran nehmen, die Lage sich schrittweise entspannt und am Ende eine Lösung steht. Bei seinen drei Pressekonferenzen mit den Kontrahenten ist er mit seinem Optimismus zwar stets alleine. Aber das ist auch genau seine Mission: Zuversicht verbreiten in einer ziemlich verfahrenen Lage. Mut zum Dialog, lautet seine Botschaft.    

Wenn alles perfekt läuft, könnte die Krise nach den Vorstellungen Gabriels sogar einen Gewinn bringen Abkommen aller Golfstaaten, um die Terror-Finanzströme zu stoppen. Es gibt bereits Institutionen, die sich darum kümmern. «Aber es gibt keine Zähne», sagt Gabriel. «Also muss man jetzt sozusagen die Zähne implementieren.» Namen nennt Gabriel nicht, aber eigentlich müssten sich mehrere Golfländer angesprochen fühlen. Nicht nur Qatar sah sich in den vergangenen Jahren immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, Extremisten zu unterstützen.

Der saudische Wahhabismus, eine streng-konservative Lesart des Islam, ist bekannt als Quelle der Dschihad-Ideologie.  Auch auf Kuwait zeigen immer wieder viele Finger - den Vermittler also, den Gabriel am Mittwoch zum Abschluss seiner Reise besucht. (dpa)

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