Von Berlin zum IS: Geschichte einer deutschen Dschihad-Braut

27.06.2016

Mit Zwangsheirat, Hasspredigern und Schattenjustiz hat sie sich schon auseinandergesetzt. Nun erzählt die Autorin Güner Balci, wie eine junge Berlinerin für den Islamischen Staat angeworben wird. Von GiselaGross

«Pinguine» schimpft Nimet die schwarzverschleierten Frauen auf der Straße anfangs noch. Mit dem Islam hat die 16 Jahre alte Berlinerin nichts am Hut. Schminke im KaDeWe testen, buddhistische Weisheiten im Internet posten und Männer provozieren, damit verbringt sie ihre Freizeit. Dann tritt die Konvertitin Nour in ihr Leben. Und auf ihrem Handy gehen Nachrichten eines Unbekannten ein, der angeblich Flüchtlingen in der Türkei hilft. Binnen kurzer Zeit trägt Nimet selbst Kopftuch. Sie wird Dschihad-Braut und kehrt Berlin den Rücken.

Wie kann sich so ein Wandel vollziehen? Die Autorin und Journalistin Güner Balci (41, «Arabboy», «Arabqueen») spürt in ihrem neuen Buch «Das Mädchen und der Gotteskrieger» den realen Fällen junger Mädchen nach, die von Anhängern des Islamischen Staates (IS) auch in Europa rekrutiert werden, und verdichtet sie in einer Figur.

Der Verfassungsschutz berichtete vor einem Jahr von rund einem Dutzend bekannter Fälle von IS-Unterstützerinnen aus Berlin, die bisher nach Syrien und in den Irak ausreisten. In der Mehrzahl samt Mann und Kindern. Etwa 100 Frauen waren es bundesweit - im Schatten der deutlich zahlreicheren jungen Männer.

Eine reale Person hinter der Figur Nimet gebe es nicht, betonte Balci zu Beginn ihrer Buchvorstellung in Berlin. Allerdings basiere die Geschichte auf Versatzstücken ihrer Recherchen: Sie sprach mit Menschen etwa in Moscheen und Schulen, auch außerhalb Berlins. Balci ist gut vernetzt: Sie wuchs in Berlin-Neukölln als Tochter anatolischer Gastarbeiter auf. Die Einwanderungsgesellschaft sei «zwangsläufig ihr Lebensthema», sagte sie.

Schon die Protagonisten ihrer bisherigen Bücher, etwa zur Zwangsheirat, waren hin- und hergerissen zwischen traditionellem Rollenverständnis und der westlichen Welt. Für ihre Doku «Der Jungfrauenwahn» (ZDF/ARTE) erhielt Balci erst kürzlich den bayerischen Fernsehpreis 2016.

Balci arbeitet in ihrem neuen Buch den kurzen Weg einer Verblendung heraus. Ihre Figur Nimet wächst in Berlin ohne Religion auf. Die Eltern leben getrennt. Den Vorstellungen manch anderer Muslime sind solche Mädchen aber doch ausgesetzt: Nimets Schwester etwa hadert damit, dass sich junge Männer die «Hörner abstoßen» dürfen, während Frauen nur ihre Jungfräulichkeit im Sinn haben sollten.

Nimets Religionslücke füllen die Extremisten auf perfide Weise: allen voran die dominante Nour. Nimet steht der jungen Frau zwar zunächst mit großer Skepsis gegenüber. Letztlich wird Nour aber doch ihr Vorbild einer reinen Gläubigen. Denn parallel wirken die nächtlichen Handy-Chats mit dem Mann namens Saed auf sie ein. Sein angebliches Engagement lässt sie die Leere ihres Alltags erkennen. Über Flüchtlingshilfe wird sie hineingezogen in Nours Gemeinde.

Saed, von dem sie nur die Stimme kennt, führt Nimet an einen Glauben heran, den sie für den ihren hält. Er lullt sie ein, sie findet endlich Anerkennung - als die Eine. Seine Liebesversprechen erscheinen damit so viel verbindlicher als die bisherigen Erfahrungen mit Macho-Jungs. Die neuen Freunde säen zudem Zweifel am alten Weltbild: Die westlichen Medien zeichneten ein falsches Bild des Islam und des Krieges in Syrien - Stichwort «Lügenpresse». Die Rolle der Frau sei tatsächlich sehr mächtig.

Es ist eine Art Gehirnwäsche, die Balci beschreibt. Die eigentlich in Berlin verwurzelte Nimet ist dafür auch ihres Alters wegen anfällig. Sie glaubt, sie werde erwachsen, sondert sich ab von Mutter und Schwester. Mit dem alten Leben kann sie nichts mehr anfangen und spricht mehr und mehr selbst wie eine Fromme. Und als sie dann in Syrien ankommt, ist alles ganz anders als erwartet - und die Geschichte noch nicht vorbei.

Balci hat sich auch in Büchern und im Internet über die Propaganda des IS schlau gemacht, wie sie in Berlin erzählte. Das alles sei ohne größere Hürden zugänglich gewesen, auch auf Deutsch. Sogar die Aufrufe zum Töten Ungläubiger. Islam-Unterricht an deutschen Schulen, so glaubt sie, könnte Jugendliche weniger empfänglich machen für extremistische Auslegungen. (dpa)

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