Verkauft, versklavt, verdurstet? - Prozess um totes Jesiden-Mächen

05.07.2019

Ein kleines, jesidisches Mädchen verdurstet angekettet in der Sonne, eine junge Deutsche schaut tatenlos zu: Die Vorwürfe gegen die mutmaßliche IS-Anhängerin Jennifer W. sind schwerwiegend. Nun sagt die Frau aus, die als wichtigste Zeugin in dem Terrorprozess gilt. Von Britta Schultejans

Nora T. ist eine kleine, gebeugte Frau. Dunkel gekleidet, mit Kopftuch, betritt sie am Donnerstag den Saal B277 des Oberlandesgerichts (OLG) München. Sie sieht viel älter aus als die 47 Jahre, die ihr Leben zählt. «Sie sah so müde aus», hatte die Mitarbeiterin in einem irakischen Flüchtlingscamp zuvor im Prozess über Nora T. gesagt.

Sie ist die wichtigste Zeugin im Prozess gegen die deutsche Terror-Verdächtige Jennifer W. Wenn stimmt, was in der Anklage der Bundesanwaltschaft steht, hielten die 28 Jahre alte Angeklagte und ihr Mann als Mitglieder der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) die Jesidin und ihre fünf Jahre alte Tochter im Jahr 2015 als Sklaven.

Wenn die Vorwürfe zutreffen, hat Jennifer W. tatenlos dabei zugesehen, wie das kleine Mädchen qualvoll in brennender Sonne verdurstete; bei 45 Grad in einem Hof angekettet, weil sie ins Bett gemacht hatte. Die Frau aus Lohne in Niedersachsen ist wegen Mordes durch Unterlassen und Kriegsverbrechen angeklagt. Laut einem Hinweis des Gerichts könnten bei einer Verurteilung auch noch Verbrechen gegen die Menschlichkeit dazu kommen.

Die Bundesanwaltschaft hat die Anklage erstellt, ohne von der Existenz von Nora T., der mutmaßlichen Mutter des Mädchens, zu wissen. Die Vorwürfe fußen im Wesentlichen auf den Aussagen der Angeklagten selbst. Sie soll die Tat einem verdeckten Ermittler 2018 in einem verwanzten Auto bei einem erneuten Ausreiseversuch aus Deutschland in den Irak geschildert haben.

Auf Nora T., die als Nebenklägerin in dem Verfahren auftritt, wurde die Bundesanwaltschaft erst nach Anklageerhebung und durch einen Hinweis von Mitarbeitern der jesidischen Hilfsorganisation Yazda aufmerksam. Trotzdem ist ihre Aussage zentral. Vier Verhandlungstage hat das Gericht dafür angesetzt.

Die Vernehmung der Frau gestaltet sich ungewöhnlich schwierig. Nora T. spricht den kurdisch-irakischen Dialekt Kurmandschi und ist für die Dolmetscherin wegen eines Sprachfehlers nur schwer zu verstehen. Zweimal weisen die Anwälte von Jennifer W. die Übersetzerin zu Beginn der Verhandlung darauf hin, dass sie alles übersetzen muss, was die Jesidin sagt - auch wenn es keine Antwort auf die Frage des Vorsitzenden Richters ist oder Aussagen nicht so recht zusammen passen.

Sehr viel lebhafter als ihre beiden älteren Brüder sei ihre Tochter gewesen, sagt Nora T. Ranja habe sie geheißen. Den Namen habe der IS ihr gegeben. Auf die Frage, wie das Kind ursprünglich hieß, gibt es unterschiedliche Angaben. Ob das an der Übersetzung liegt oder an widersprüchlichen Aussagen, bleibt offen. Auf die Frage, wann ihre Tochter geboren wurde, sagt die 47-Jährige, sie könne sich nicht erinnern.

Sie berichtet von der vergeblichen Flucht ihrer Familie vor dem IS, von der Gefangennahme. «Die haben uns gezwungen, zum Islam zu konvertieren», sagt Nora T. «Sie haben uns gezwungen, zu beten.» Ansonsten hätte der IS die Jesiden getötet. «Meine Familie sind alle Muslime geworden.»

Sie schilderte, wie sie und ihre Tochter von einem IS-Anhänger zum nächsten verkauft wurden. Einer habe sie gekauft, sie gezwungen, ihn zu heiraten und mit ihm zu schlafen. Sie habe den Haushalt machen müssen. Irgendwann seien sie und ihre Tochter dann in den Haushalt eines Mannes und seiner jungen Ehefrau gekommen. Dabei soll es sich um die Angeklagte handeln.

«Die Frau hat nicht geschlagen, aber das Problem kam von der Seite seiner Frau», sagte die Angeklagte. Sie habe immer wieder auf ihrer Tochter rumgehackt. «Sie sagte: Die ist wie ein Tier.» Zu der grauenvollen, angeklagten Tat sagt sie am ersten Tag ihrer Vernehmung noch nicht aus. «Das machen wir morgen», sagt der Vorsitzende Richter am Schluss.

Heute lebt Nora T. in Niedersachsen. Der Wohnort, den sie vor Gericht angibt, befindet sich gar nicht weit entfernt von Lohne, dem Heimatort der Angeklagten. (dpa)

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