Überwachung, Blumen und Kriegstrauma - die Istanbul-Biennale

18.09.2017

Was ist ein guter Nachbar? Mit dem Thema setzen sich auf der 15. Istanbul Biennale zahlreiche Künstler auseinander. Das skandinavische Kuratoren-Duo setzt dabei auf Dialog statt Boykott. Von Mirjam Schmitt

Man muss schon genauer hinsehen, um die Installation von Burcak Bingöl auf der Kunst-Biennale in Istanbul zu entdecken: Überwachungskameras aus Keramik hängen in den Ecken, vor dem Museum für Moderne Kunst (Istanbul Modern) und an zahlreichen anderen Orten im Zentrum Istanbuls. Die türkische Künstlerin hat ihre Keramik-Kameras mit Blumen bemalt und sie direkt neben echten Überwachungskameras installiert.

Sie habe damit auf die «24-Stunden-Überwachung» in der Stadt aufmerksam machen wollen, sagt sie über die Kameras. «Normalerweise beobachten sie uns, aber ich mache sie zu einem künstlerischen Objekt und nun schauen wir zurück», sagt Bingöl. Als Vorlage für die Blumen habe sie echte Blumen im Stadtteil Beyoglu gesammelt. Es sei sehr schwierig gewesen, welche zu finden. «Das ist ein anderes Problem, dass die Parks und Grünflächen jeden Tag weniger und weniger werden.»

Bingöls Kameras verbinden die insgesamt sechs Ausstellungsorte der 15. Biennale in Istanbul. 56 Künstler aus 32 Ländern zeigen ihre Werke zum Thema «a good neighbour» («ein guter Nachbar»). Zehn Künstler sind aus der Türkei. Die Kunstwerke können von Samstag an bis zum 12. November unter anderem im Istanbul Modern und der ehemaligen griechischen Grundschule von Galata besichtigt werden.

Die Biennale findet in einem schwierigen Klima statt. Der nach dem Putschversuch vom Juli 2016 verhängte Ausnahmezustand gilt noch immer. Zahlreiche Journalisten und Oppositionelle sitzen im Gefängnis. Die Frage, ob es wegen der politischen Situation überhaupt richtig ist, die Biennale in der Türkei zu veranstalten, wird auch in Istanbul wieder thematisiert.

Die skandinavischen Kuratoren Elmgreen & Dragset hatten sich aber bewusst für die Veranstaltung entschieden, weil sie die türkischen Künstler nicht isolieren wollen. «Lasst und miteinander reden», sagte Michael Elmgreen auf einer Pressekonferenz.

Auch Künstlerin Bingöl ist gegen einen Boykott der Biennale: «Natürlich gibt es Probleme, das wissen wir.» Aber es sei auch ein falsches Bild, wenn man denke, dass Kunst in der Türkei nur noch im Untergrund möglich sei. «Wir sind hier, das ist unsere Heimat und wir arbeiten und kreieren», sagt sie. «Ich denke, das Beste an dieser Biennale ist, dass sie stattfindet. Wir haben das wirklich gebraucht.» 

Auch der deutsche Objektkünstler Olaf Metzel, der mit seiner Installation «Sammelstelle» auf der Biennale in Istanbul vertreten ist, sprach sich in einem Interview der «Zeit» gegen Boykott und für Dialog aus.

Die türkischen Künstler nutzen das Motto «a good neighbour» auch, um sich mit Gentrifizierung und der Bebauung in Istanbul auseinanderzusetzen. Thematisiert wird etwa das zugebaute Ufer Istanbuls, das den Einwohnern den Zugang zum Bosporus verwehrt. Und Bilal Yilmaz erinnert in der alten griechischen Schule mit seiner Installation «Dirty Box» daran, dass traditionelle Handwerke verschwinden. 

Dass gerade die Türkei nicht nur gute nachbarschaftliche Beziehungen hat, zeigt Erkan Özgen. Der Künstler stammt aus der südosttürkischen Kurdenmetropole Diyarbakir. In seiner Videoinstallation ist ein taubstummer Junge aus der kurdisch-syrischen Stadt Kobane zu sehen, der vor der Terrormiliz IS geflohen ist. Kobane hat für die Kurden symbolische Bedeutung.

Der 13-jährige Junge im Video drückt mit Gesten das Kriegstrauma aus, das er erlebt hat. Das Trauma des Jungen kann auch auf andere Konflikte übertragen werden: In der Südosttürkei bekämpfen sich türkisches Militär und die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK wieder seit dem Zusammenbruch eines Waffenstillstands im Sommer 2015. Erwähnt wird dieser Konflikt mit keinem Wort. Doch Kunst lässt Raum für Interpretation. (dpa)

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