Türkische Opposition will Gerechtigkeit: «Dies ist erst der Anfang»

10.07.2017

Eindrucksvoll hat die türkische Opposition gezeigt, dass es sie noch gibt. CHP-Chef Kilicdaroglu lief gegen Ungerechtigkeit von Ankara nach Istanbul und verspricht nun: Er will weiter kämpfen. Von Mirjam Schmitt

Den letzten von mehr als 400 Kilometern läuft er allein - der türkische Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu hält ein weißes Schild mit der roten Aufschrift «adalet» («Gerechtigkeit») und geht zielstrebig voran. In mehr als drei Wochen ist der Chef der Mitte-Links Partei CHP von Ankara nach Istanbul gelaufen. Mit seinen Unterstützern ging der 68-Jährige rund 20 Kilometer am Tag zu Fuß.

Mit dem «Gerechtigkeitsmarsch» protestierte er gegen das Vorgehen der Regierung unter dem von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan im Juli vergangenen Jahres verhängten Ausnahmezustand.

Am Sonntag krönte eine Abschlusskundgebung die Protestaktion. Hunderttausende warteten schon im Istanbuler Stadtteil Maltepe. Als Kilicdaroglu endlich auf die Bühne stieg, jubelten sie und skandierten: «Recht, Justiz, Gerechtigkeit». Auf der einen Seite prangte eine türkische Flagge, auf der anderen das Porträt des Republikgründers Mustafa Kemal Atatürk. Parteiembleme waren nicht erlaubt, das wollte Kilicdaroglu so.

«Wir wollen, dass alle antidemokratischen Praktiken enden», rief der CHP-Chef. Auch die Aufhebung des Ausnahmezustands forderte er. «Wir wollen kein Ein-Mann-System, wir wollen ein parlamentarisches System.» Die Menge jubelte. Auf der Kundgebung herrschte Volksfeststimmung. Einige tanzten am Rand.

Der triumphale Auftritt Kilicdaroglus wirkt fast so, als habe er eine Wahl gewonnen. Doch Wahlen gewinnt die CHP schon lange nicht mehr. Seit 2002 regiert die islamisch-konservative AKP das Land. Die Oppositionsarbeit von Kilicdaroglu, der seit sieben Jahren Vorsitzender der CHP ist, empfanden viele als lahm.

Mit dem Protestmarsch hat er neue Popularität und Format gewonnen. Manche Anhänger bezeichnen ihn wegen der leichten Ähnlichkeit und der Protestaktion gar als Mahatma Gandhi der Türkei - in Anlehnung an den Führer der indischen Freiheitsbewegung.

Der 44-jährige Fabrikarbeiter Nurettin, der an der Kundgebung teilnahm, findet, dass Kilicdaroglu ein «wichtiger Anführer» ist. Es müssten noch mehr Demonstrationen wie diese stattfinden, sagt er.

Am 15. Juni hatte Kilicdaroglu den Protestmarsch in Ankara mit nur wenigen Anhängern begonnen. Zuletzt nahmen Tausende daran teil. Auslöser war die Verurteilung des CHP-Abgeordneten Enis Berberoglu zu 25 Jahren Haft wegen Geheimnisverrats. Der Protest richtet sich gegen die Ungerechtigkeit im Land. Für die ist nach Ansicht der CHP vor allem die Politik von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und seiner AKP-Regierung verantwortlich.

Kilicdaroglu zählt die Missstände im Land auf: Journalisten und Abgeordnete in Haft, parteische Justiz, eingeschüchterte Bürger. Erdogan wirft er vor, die Justiz zu beeinflussen. Die Gerichte würden ihre Entscheidungen «auf Anweisung des Palastes treffen», sagt er in Anspielung auf Erdogans Präsidentenpalast.

«Wirtschaft, Justiz, Sicherheit, es ist alles ein Problem», sagt die 68-jährige Ayse. «Ich habe den Druck satt.» Sie sei für ihre Kinder und Enkel und deren Zukunft hier. Ob der Protestmarsch was gebracht hat?

Der Fabrikarbeiter Nurettin denkt schon: «Dieser Marsch und die Kundgebung haben die Opposition geeint», sagt er. Und auch Kilicdaroglu verspricht, kämpferisch zu bleiben: «Niemand soll denken, dass dieser Marsch ein Ende ist. Dieser Marsch ist unser erster Schritt.» (dpa)

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