Tahar Ben Jelloun nimmt das Großkreuz eines Offiziers der Ehrenlegion von Sarkozy entgegen; Foto: AP
Tahar Ben Jelloun: ''Arabischer Frühling''

Die komfortable Art der Revolution

Der in Paris lebende Marokkaner Tahar Ben Jelloun begreift sich als Sprachrohr der arabischen Revolution. Sein aktuelles Buch aber zeigt ihn nur als Trittbrettfahrer. Eine Rezension von Niklas Bender

Im Französischen gibt es die Wendung "les résistants de la dernière heure", die Widerständler der letzten Stunde. Gemeint sind diejenigen, die sich ganz zum Schluss einer Sache anschließen, um noch auf der richtigen Seite zu sein. Tahar Ben Jelloun ist so ein Aktivist auf den letzten Drücker. Und nicht einmal diese Rolle erfüllt er ganz, zumindest, was sein Herkunftsland Marokko angeht.

Ben Jelloun publiziert einen Band zu den aktuellen Ereignissen, es heißt "Arabischer Frühling. Vom Wiedererlangen der arabischen Würde". Das Buch ist in Deutschland erschienen, in Frankreich wird es im Mai auf den Ladentischen liegen. Es handelt sich um eine Mischung aus essayistischen Reflexionen, literarischen Darstellungen und Zeitungsartikeln.

Buchtitel
Ein Buch voller Widersprüchlichkeiten: "Ben Jelloun gibt den engagierten Intellektuellen in der Folge von Voltaire und Sartre, dabei ist er bestenfalls Mitläufer gewesen", meint Niklas Bender.

​​Im Essayteil liefert Ben Jelloun einen "Erklärungsversuch der Ereignisse in den arabischen Gesellschaften". Die Novelle "Der Funke" erzählt, wie Mohamed Bouazizi zur Selbstverbrennung getrieben wurde - jener tunesische Gemüsehändler, dessen Freitod Auslöser der Volksaufstände war. Die zwei Zeitungsartikel am Schluss des Bandes stammen aus dem Jahr 2003 und sollen langjähriges Engagement belegen. Die dort formulierte Kritik freilich ist nicht sonderlich gewagt, sie bleibt vielmehr, von eindeutigen Fällen wie Gaddafi abgesehen, diffus.

Ein Möchtegern-Sartre

Zugegeben: Es gibt aufschlussreiche Passagen. So begreift man zum Beispiel, wie fremd aus arabischer Sicht der Akt der Selbstverbrennung ist, welche Verzweiflung nötig war, ihn zu begehen. Ben Jelloun gibt Opfern Gesichter, indem er diverse Fälle schildert. Sein Appell an den Westen, in den Revolten keinen Islamismus zu sehen, überzeugt.

Die Meriten treten jedoch zurück hinter die Widersprüchlichkeit des Bandes, der in seinem Gesamtanliegen geradezu abstößt: Ben Jelloun gibt den engagierten Intellektuellen in der Folge von Voltaire und Sartre, dabei ist er bestenfalls Mitläufer gewesen. Man nimmt Ben Jelloun zwar ab, dass er die Repression in Tunesien bei Besuchen als bedrückend empfunden hat; auch schreibt er seit Jahren gegen die Zustände in Teilen der arabischen Welt an. Aber wenn er kritisiert, dass westliche Regierungschefs arabische Gewaltherrscher umschmeichelten, dann muss man lächeln: Gaddafi "der Abscheuliche" (Ben Jelloun) war im Dezember 2007 in Paris und ließ sich von Sarkozy hofieren; der Besuch wurde heftig kritisiert.

Wenige Wochen später, am 1. Februar 2008, nahm der Autor das Großkreuz eines Offiziers der Ehrenlegion aus Präsidentenhand entgegen; Sarkozys Rede steht auf der Website des Schriftstellers. Es ist nicht jeder Sartre, der es gern wäre.

Lobeshymnen auf den marokkanischen König

Erschütternd ist das Marokko gewidmete Kapitel: Ben Jelloun singt ein Loblied auf den marokkanischen Sonderweg und auf Mohamed VI. Nun mag es sein, dass die Verhältnisse in der Monarchie anders liegen als in den Nachbarländern, dass Mohamed VI. ein eher aufgeklärter König ist. Dennoch liegt vieles im Argen, auch in Marokko gab es Versuche von Selbstverbrennung.

Tahar Ben Jelloun; Foto: AP
Wenige Wochen nach Gaddafis Besuch in Paris im Dezember 2007 nahm Ben Jelloun einen Preis von Nicolas Sarkozy entgegen: "Es ist nicht jeder Sartre, der es gern wäre", kommentiert Niklas Bender.

​​Vor allem aber ist eine relative Fortschrittlichkeit kein Grund für Katzbuckelei: "Der König arbeitet, er tut sein Bestes. Er ist beliebt, und viele politische Parteien sollten sich an ihm ein Beispiel nehmen." Eifrig beweist Ben Jelloun Höflingsqualitäten: "Seit seiner Machtübernahme im Juli 1999 hat König Mohamed VI. vieles im Land verändert. Das wird von allen gesagt und anerkannt. Es ist andererseits auch verständlich, dass manche Marokkaner enttäuscht sind. Denn der König hat keinen Zauberstab." Kinder, geduldet euch, Papa kann nicht hexen.

Es wundert nicht, dass eine Rede des Monarchen als "revolutionär" bezeichnet wird - eine Revolution von Seiten des Volkes, die Katalysator für die Entstehung eines Bürgerbewusstseins wäre, braucht es da nicht.

Intellektueller Opportunismus

Man muss der Person und der Institution gerecht werden: Tahar Ben Jelloun ist ein eminenter Autor, er schreibt exzellente Romane, die ihn zu einer der wichtigsten Stimmen des Maghreb haben werden lassen. Als junger Mann hat er Mut bewiesen, wurde 1965 in einem Straflager interniert. Seitdem ist Ben Jelloun als Aktivist allerdings zurückhaltend. Ein trauriger Tiefpunkt war der Skandal um seinen Roman "Das Schweigen des Lichts" (2001) über das marokkanische Lager Tazmamart, in dem Hassan II. nach einem Putschversuch Militärs unter grausamen Bedingungen einkerkerte.

Literarisch gesehen ist der Text brillant, politisch hat er einen scharfen Beigeschmack: Ben Jelloun hat ihn lange nach der Schließung des Lagers geschrieben - und nach Ableben des Despoten, dessen Gunst er genoss. Zudem wurde Ben Jelloun vorgeworfen, eine Leidensgeschichte ausgeschlachtet zu haben.

Muhammad Bouazizi im Krankenhaus während eines Besuchs von Ex-Präsident Ben Ali; Foto: AP
Ausschlachtung der Leidensgeschichte von Muhammad Bouazizi: "Der Dichter schlüpft in die Haut eines Opfers, eignet sich fremde Stigmata an. Das ist dreist, bedenkt man die diplomatische Haltung des Schriftstellers Machthabern gegenüber", meint Niklas Bender.

​​Das gilt auch für die Novelle "Der Funke" im vorliegenden Band: Erneut schlüpft der Dichter in die Haut eines Opfers, eignet sich fremde Stigmata an. Das ist dreist, bedenkt man die diplomatische Haltung des Schriftstellers Machthabern gegenüber. Vor allem ist der Opportunismus des Intellektuellen Ben Jelloun das genaue Gegenteil dessen, was sich derzeit in den arabischen Ländern bildet, nämlich eine bürgerlich-demokratische Bewegung voller Zivilcourage, die sich weigert, Arrangements und Übergangslösungen zu akzeptieren. Ben Jelloun hingegen steht für das alte System des Protektionismus und der intellektuellen Korruption.

Man wünscht der arabischen Welt in der Tat, sie möge nun "den Zug der Moderne" besteigen - auf Trittbrettfahrer wie Tahar Ben Jelloun kann sie gut verzichten.

Niklas Bender

© Frankfurter Allgemeine Zeitung 2011

Tahar Ben Jelloun: "Arabischer Frühling". Aus dem Französischen von Christiane Kayser. Berlin Verlag, Berlin 2011.

Redaktion: Nimet Seker/Qantara.de

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