Syrien hofft auf Rückkehr der Flüchtlinge aus dem Ausland

14.08.2018

In Syrien herrscht noch lange kein Frieden. Doch Präsident Assad und sein Verbündeter Russland meinen, dass die Zeit für den Wiederaufbau gekommen ist. Dahinter steht auch eine Frage an den Westen: Wer bezahlt? Von Friedemann Kohler

Am Grenzübergang Al Dschdedeh aus dem Libanon nach Syrien wartet alles auf die Flüchtlinge. Sanitäter mit Krankenwagen stehen bereit, Helfer wollen Lebensmittel verteilen. Mitglieder der syrischen Landjugend üben lautstark den Willkommensgruß. Russische Militärpolizei regelt den Verkehr. Syrische Journalisten richten die Kameras erwartungsvoll nach Westen, und das russische Verteidigungsministerium hat aus Moskau Korrespondenten internationaler Medien eingeflogen. Bald sollen sie kommen, mehrere Busse voller Flüchtlinge, die wegen des Krieges die Heimat verlassen haben und nun zurückkehren.

Syrien und seine Schutzmacht Russland wollen dieser Tage demonstrieren, dass der Krieg nach sieben Jahren und etwa 500.000 Toten so gut wie vorbei ist. Dass Syrien wieder sicher ist und den Wiederaufbau anpackt. Jahrelang hat das Schicksal der syrischen Flüchtlinge den Nahen Osten und Europa in Atem gehalten. Von knapp 21 Millionen Menschen im Land vor dem Aufstand gegen Präsident Baschar al-Assad 2011 sind 5,4 Millionen ins Ausland geflohen. Die meisten leben in den Nachbarländern Jordanien, Libanon und der Türkei. In Deutschland gibt es dem Statistischem Bundesamt zufolge 700.000 Syrien-Flüchtlinge.

«Der Sieg wird erst komplett sein, wenn alle Flüchtlinge aus dem Ausland heimkehren», sagt der Minister für Kommunalverwaltung und Ökologie, Hussein Makhluf, in der Hauptstadt Damaskus. Er ist zuständig für die Rückholung der Landsleute und sagt, ohne Heimkehr aller Syrer sei der Wiederaufbau des zerstörten Landes nicht möglich. Er macht den Geflüchteten Mut: «Die Heimat ist großzügiger als jeder andere Ort der Welt.»

In Syrien selbst hat der Krieg Millionen aus ihren Wohnungen und Häusern vertrieben. Makhluf nimmt für die Regierung in Anspruch, sie habe bereits 3,5 Millionen intern Vertriebenen die Rückkehr ermöglicht. Von Deutschland und anderen europäischen Staaten erhofft sich der Minister, dass sie die Sanktionen gegen Syrien aufheben. «Die Strafmaßnahmen schaden der Wirtschaft.»

Doch es geht um mehr: Wer soll den auf mehr als 200 Milliarden Euro geschätzten Wiederaufbau des Landes im Nahen Osten zahlen? Werden die Europäer den Russen sagen: Euer Militäreinsatz hat Assad an der Macht gehalten und viel im Land zerstört, also zahlt ihr auch? Oder helfen Deutschland und andere westliche Länder finanziell, auch wenn Assad an der Macht bleibt, um daheim das Flüchtlingsproblem zu entschärfen?

Russland setzt auf Letzteres. Um diese Frage dürfte es auch bei dem Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Kremlchef Wladimir Putin am kommenden Samstag gehen. Und deshalb ist dem russischen Militär die Anwesenheit westlicher Medien an dem syrischen Grenzübergang wichtig.

«Seit Anfang August sind bereits 5.000 Flüchtlinge über diese Kontrollposten aus dem Libanon zurückgekehrt», sagt Generalmajor Igor Konaschenkow, Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums. Bis vor kurzem sei die Grenze noch an vielen Stellen in der Hand von Regierungsgegnern gewesen.

Und nun rollen wohlorganisiert die Busse an, an den Frontscheiben geschmückt mit Porträts von Präsident Assad. Mit der Nationalfahne in der Hand machen die Heimkehrer, ganze Familien, den symbolischen Schritt aus dem Bus zurück auf syrischen Boden.

Sie sei damals aus Sorge um ihre Tochter ins Ausland gegangen, berichtet eine Frau. Ein Mann erzählt, er sei geflohen, als Terroristen sein Dorf im Umland von Damaskus besetzt hätten. Dann habe er im Süden des Libanons gelebt. Nun ist er zurück - mit Mutter, Frau und Sohn. «Man fühlt, dass es jetzt sicherer ist.»

Mit den Lebensmittelspenden in der Hand gehen die Familien zur Passkontrolle. Es ist der erste Kontakt mit den Assad-Behörden nach mehreren Monaten oder gar Jahren. Und es bleibt ein Schritt in eine ungewisse Zukunft. Zwar ist für Anhänger der Opposition eine Amnestie verkündet worden. Russische Offiziere haben nach eigenen Angaben in sogenannten Versöhnungszentren an vielen Orten für eine friedliche Machtübergabe an die Regierungsseite gesorgt. Trotzdem ist unsicher, ob Assads Führung die Amnestie immer einhält.

Die Gewalt in Syrien hat zwar abgenommen. Aber gerade beginnt die syrische Armee unterstützt von russischen Luftangriffen die Offensive auf den letzten großen Stützpunkt der bewaffneten Opposition, die Provinz Idlib im Norden. Auch ist das Land weiterhin zerrissen, protürkische Milizen, Kurden, von den USA unterstützte Kräfte halten Gebiete unter Kontrolle. (dpa)

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