Sympathien schwinden: Zunehmende Ressentiments gegen Rohingya in Bangladesch

14.02.2018

Den Einheimischen im Süden Bangladeschs geht das Mitgefühl für die Rohingya aus. Erst wollten sie ihnen helfen, obwohl sie selbst nur wenig haben. Doch je länger die Flüchtlingslager auf ihrem Land stehen, umso mehr nehmen die Spannungen zu. Von Nazrul Islam und Nick Kaiser

Kaum auszudenken, was im Saarland los gewesen wäre, wenn sich im Jahr 2015 fast alle in Deutschland ankommenden Flüchtlinge dort niedergelassen hätten - und das innerhalb von weniger als einem halben Jahr. Im Bezirk Cox's Bazar im Süden Bangladeschs, in etwa gleich groß wie Deutschlands kleinstes Flächenland, spielt sich dieses Szenario seit Ende August ab.

Fast 700.000 Rohingya flohen seither vor Gewalt in ihrer Heimat Myanmar dorthin. Erst überwogen in der Lokalbevölkerung Mitgefühl und Hilfsbereitschaft. Inzwischen droht die Stimmung aber zu kippen.

«Wir haben sie aus humanitären Gründen aufgenommen, aber jetzt scheint es, dass sie sich niederlassen und nicht vorhaben, wieder zu gehen», sagt Zafar Alam in einer Teestube am Rande des Flüchtlingslagers Nayapara. Er habe bisher seinen Lebensunterhalt damit verdient, aus diesem Land Salz zu gewinnen, erzählt er mit einem argwöhnischen Blick auf die kleinen Hütten aus Bambus und Plastikplanen, die hier nun dicht an dicht stehen. Dies sei die Jahreszeit für die jährliche Salzernte, aber fast die Hälfte seiner drei Hektar sei nun besetzt.

Eine zwischen den Nachbarländern vereinbarte Rückführung der Rohingya nach Myanmar sollte eigentlich am 23. Januar beginnen. Mit der Begründung, die Vorbereitungen seien noch nicht abgeschlossen, verschob Bangladesch sie aber auf unbestimmte Zeit. Die Machbarkeit des Vorhabens ist ohnehin fraglich, zumal die Flüchtlinge freiwillig gehen sollen.

Sie wollen aber nicht zurück in eine Heimat, die es praktisch nicht mehr gibt - ihre Dörfer in Myanmars Bundesstaat Rakhine wurden niedergebrannt, ihre Angehörigen getötet. Die meisten sagen, eine Rückkehr käme für sie nur infrage, wenn sie als Staatsbürger anerkannt und ihnen alle entsprechenden Rechte zugesichert würden. Das verwehrt das ehemalige Birma der muslimischen Minderheit seit Jahrzehnten.

Schilder entlang der Straßen in Cox's Bazar zeigen Premierministerin Sheikh Hasina mit Rohingya-Kindern und bezeichnen sie als «Mutter der Menschlichkeit». Bangladesch versuchte zwar zu Beginn der Massenflucht, seine Grenze zu schließen - bis der Ansturm zu groß wurde. Es hatte schon vorher die rund 300.000 bereits dort lebenden Rohingya-Flüchtlinge auf eine einsame Insel schicken wollen.

Seitdem ist das arme, extrem dicht besiedelte südasiatische Land aber international dafür gelobt worden, wie es sich um die Versorgung der Rohingya bemüht. Viele Menschen haben Essen und Kleidung gespendet. Sowohl die Regierung als auch die Bevölkerung hofften allerdings von Anfang an, dass die Flüchtlinge bald wieder verschwinden.

Je länger sie bleiben, umso mehr wachsen die Ressentiments. «Alles wird unternommen, um sie zu mästen», sagt der Betreiber der Teestube, Abu Aslam, und deutet auf eine Gruppe Tee schlürfender Rohingya. Anwohner wie er bekämen hingegen von Regierung und Hilfsorganisationen keine Unterstützung. Sie könnten ihre Felder nicht bewirtschaften, sagt Aslam. Preise seien gestiegen und Tagelöhner verdienten weniger.

Dieselbe Beobachtung findet sich auch in einem Bericht des UN-Entwicklungsprogramms UNDP vom Dezember. «Die Spannungen zwischen der aufnehmenden Bevölkerung und den Flüchtlingen nehmen bereits zu. Die Einheimischen fühlen sich bedroht, weil sie in der Unterzahl sind», heißt es dort. «Die Sympathien schwinden schnell. Dringende Maßnahmen sind nötig, um eine größtenteils verarmte aufnehmende Gemeinde zu unterstützen, die von der Krise übermäßig belastet ist.»

Zudem ist laut UNDP viel Natur zerstört worden. Ein großer Teil des hügeligen Gebiets, in dem sich jetzt Flüchtlingscamps scheinbar unendlich aneinander reihen, war bis vor wenigen Monaten noch Wald. Bangladeschs Umweltministerium schätzt den durch Rohdung entstandenen Schaden auf 48 Millionen US-Dollar (rund 38 Millionen Euro). Diese Ziffer beinhalte allerdings nicht die Umweltschäden, erklärt Jaglul Hossain, ein Forst-Beamter in der Region. Er beklagt auch, dass die Flüchtlinge Brennholz im Wald sammelten. Das ist problematisch, weil auch die Lokalbevölkerung auf das Holz angewiesen ist.

Die Bewohner von Cox's Bazar erzählen gerne stolz vom längsten Sandstrand der Welt an ihrer Küste am Golf von Bengalen. Es ist ein beliebtes Ziel für einheimische Urlauber. Diese Einnahmen sieht das Land durch die Flüchtlingscamps in Gefahr. Das ist auch ein Grund für die Pläne, die Rohingya auf eine abgelegene, kaum bewohnbare Insel im Golf umzusiedeln - Pläne, die Bangladesch weiter verfolgt.

Indes erlaubt es den Flüchtlingen nicht, Cox's Bazar zu verlassen. Sie sollen schließlich bald weggeschickt werden - was schwieriger wäre, wenn sie sich im ganzen Land verteilten.

Abu Taher ist ein Gemeindevorsteher in einem Ort am Rande der Camps. Die Bewohner fühlten sich unsicher, weil den Flüchtlingen nachgesagt werde, sie seien kriminell, erzählt er. Eine UN-Studie vom vergangenen Jahr stellte fest, dass viele Rohingya-Frauen beim Holzsammeln von Anwohnern bedroht würden. «Wenn die Sorgen der Gemeinde nicht ernstgenommen werden, führt das zu einem Konflikt», warnt Taher. (dpa)

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