Studie: Radikalisierte Jugendliche wissen wenig vom Islam

14.07.2017

Warum radikalisieren sich junge Menschen? Eine Analyse von Chat-Protokollen zeigt: Mit dem Islam haben die Vorstellungen der Jugendlichen wenig zu tun. Die radikal-terroristische Ideologie gibt aber Antworten auf Jugendfragen.

Junge Menschen, die sich gewaltbereiten radikal-islamischen Gruppen anschließen, wissen oft sehr wenig vom Islam. «Man kann sagen, sie bauen sich ihren eigenen «Lego-Islam»», sagte am Montag Michael Kiefer vom Institut für Islamische Theologie der Universität Osnabrück.

Er untersuchte in einer Studie zusammen mit dem Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld eine gewalttätige salafistische Jugendgruppe. Ausgewertet wurden 5757 Postings einer WhatsApp-Gruppe, der 12 Männer im Alter von 15 bis 35 Jahren angehörten.

Ihr Chat zeigt die Gruppendynamik unmittelbar vor einem geplanten Anschlag. Zur konkreten Tat wollten die Forscher keine Angaben machen, aus Anspielungen in der Studie wird aber deutlich, dass es sich um den Anschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen im Frühjahr 2016 handelt, bei dem drei Menschen verletzt wurden. Wegen der Tat waren drei 17-Jährige zu Jugendstrafen zwischen sechs und sieben Jahren verurteilt worden.

Die Mitglieder der Gruppe hätten so gut wie keine Bindung an Moscheegemeinden oder traditionelle Formen des Glaubens gehabt, fanden die Forscher heraus. Die Gruppe betrachte die Mehrheit der Muslime, die nicht ihren radikalen Ansichten folge, als Feinde. Die Anfälligkeit für Angebote im Netz sei bei den Jugendlichen hoch.

In dem WhatsApp-Protokoll werde eine «ganz normale Suchbewegung im Netz» deutlich, diskutiert werde über ganz normale Dinge, die für Heranwachsende wichtig seien, etwa über Beziehungen, Freundschaften oder Sex, sagte der Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Uni Bielefeld, Andreas Zick. Die Vorstellungen der Gruppe seien «naiv und romantisierend»: Die Jugendlichen träumten davon, auf den Schlachtfeldern des Dschihad zu stehen und dabei zum Mann zu werden.

Zick sagte, der «digitale Dschihad» sei jugendnah, weil er normale Fragen radikal beantworte. Anziehend sei eine radikale Jugendkultur «mit Vollausstattung», die Lösungen für Entwicklungsfragen gebe. «Dschihad ist zur Leitkultur geworden, Dschihad gibt es schon im Kinderzimmer», sagte Zick. Es gebe schon erste Angebote, die sich an jüngere Kinder richteten.

Keine Antworten haben die Forscher, wie Prävention aussehen könnte: Da die Jugendlichen nicht mit den Moscheegemeinden verbunden seien, könnten Präventionsangebote über die Gemeinden sie auch nicht erreichen. Lehrer sollten aufmerksam sein und auch auf Mitschüler hören, die ein sehr feines Gespür dafür hätten, wenn sich ein Jugendlicher zurückziehe. Eine «Checkliste» gebe es leider nicht. (dpa)

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