Studie der Universität Leipzig: Jeder dritte Deutsche vertritt ausländerfeindliche Positionen

09.11.2018

Muslime überfremden Deutschland, Sinti und Roma sind kriminell, Juden «passen nicht zu uns»: Eine neue Autoritarismus-Studie der Universität Leipzig zeigt erschreckende Weltbilder der Deutschen.

Ausländerfeindlichkeit hat einer Studie der Universität Leipzig zufolge in Deutschland erneut zugenommen. Etwa jeder dritte Deutsche vertrete mittlerweile ausländerfeindliche Positionen, heißt es in der am Mittwoch in Berlin vorgestellten Langzeitstudie zu autoritären und rechtsextremen Einstellungen. Besonders deutlich sei der Zuwachs in Ostdeutschland.

Im Vergleich zur vorherigen Erhebung 2016 sei die geschlossene manifeste Ausländerfeindlichkeit bundesweit um knapp vier Prozentpunkte auf 24,1 Prozent angestiegen, in Ostdeutschland sogar um acht Prozentpunkte auf knapp 31 Prozent. Extremer war die Ablehnung von Ausländern, Migranten und Minderheiten speziell im Osten zuletzt 2012, als das Land mit den Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu kämpfen hatte.

Insgesamt 36 Prozent der Deutschen stimmten der Aussage zu, dass Ausländer nur hierherkommen, um den Sozialstaat auszunutzen, im Osten war es sogar knapp die Hälfte. Mehr als ein Viertel würden Ausländer wieder in ihre Heimat zurückschicken, wenn in Deutschland die Arbeitsplätze knapp werden (Ost: 32 Prozent, West: 25 Prozent). Rund 36 Prozent halten die Bundesrepublik durch Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet (Ost: 44,6 Prozent, West: 33,3 Prozent).

Für die Leipziger Autoritarismus-Studie wurden im Frühjahr 2018 knapp 2.000 Menschen in West und knapp 500 Menschen in Ost persönlich befragt. Die Untersuchung wird seit 2002 alle zwei Jahre durchgeführt und hieß bis 2016 «Mitte-Studie». Die Abwertung von Gruppen, die als «fremd» oder «abweichend» wahrgenommen werden wie Sinti und Roma, Asylbewerber und Muslime, steige besonders an, sagte Studienleiter Oliver Decker.

Erschreckend hoch sei dabei die Abwertung von Muslimen. 56 Prozent stimmen der Aussage zu, sie fühlten sich durch die vielen Muslime als Fremde im eigenen Land (2014: 43 Prozent). 44 Prozent würden Muslimen eine Zuwanderung nach Deutschland untersagen (2014: 36,5 Prozent).

Ähnliches zeigt sich beim Antiziganismus. 56 Prozent der Deutschen geben zu, Probleme damit zu haben, wenn sich Roma und Sinti in ihrer Gegend aufhalten, 50 Prozent wollen sie aus den Innenstädten verbannen, 60 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Sinti und Roma zur Kriminalität neigen. Bei den Ostdeutschen sind es sogar 70 Prozent. Studienleiter Decker sprach von einer hohen autoritären Aggressionsbereitschaft gegenüber der Minderheit. Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, sagte am Mittwoch, er sehe sich darin bestätigt, dass die jahrhundertealten Klischees des Antiziganismus in der Mitte der Gesellschaft präsent seien.

Auch Antisemitismus ist der Studie zufolge weit verbreitet. Jeder Zehnte findet ausdrücklich, dass «Juden etwas Besonderes an sich haben und nicht so recht zu uns passen», weitere 20 Prozent stimmen dieser Aussage latent zu. Zwar gingen in Westdeutschland antisemitische Ansichten von fünf Prozent 2016 auf heute 4,2 Prozent zurück. Dafür stiegen die Werte im Osten von 4,1 Prozent 2016 auf 5,2 Prozent an. Wenn bis zu einem Drittel der Befragten antisemitischen Aussagen zumindest teilweise zustimmten, bewege sich das nach wie vor in gefährlichen Größenordnungen, sagte Decker.

Eine der Hauptursachen für rechtsextreme Einstellungen ist laut Co-Studienleiter Elmar Brähler Autoritarismus als Persönlichkeitseigenschaft. Menschen mit autoritärem Charakter neigten zu rigiden Ideologien, sagte der Professor für Medizinsoziologie und -psychologie. Unter den Deutschen zeigten rund 40 Prozent autoritäre Merkmale, nur 30 Prozent seien ausdrücklich demokratisch orientiert. So sympathisieren 44 Prozent manifest oder latent mit einer rechtsautoritären Diktatur, unter den Ostdeutschen sogar mehr als die Hälfte. Autoritäre Aggressionen seien bei 65 Prozent der Deutschen tiefgreifend ausgeprägt. (epd)

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