Soziologe wirbt für gelasseneren Umgang mit Religion

10.08.2016

Der französisch-iranische Soziologe Farhad Khosrokhavar hat sich für einen gelasseneren Umgang mit Religion ausgesprochen. "Was gar nicht funktioniert, ist ein Monokulturalismus, der das Religiöse verbannen will", sagte er der "Welt" (Mittwoch) im Hinblick auf den strengen Laizismus in Frankreich. In diesem System gebe es "kaum Durchlässigkeit". Die betonte Trennung von Staat und Religion könne auch negative Folgen haben.

In Frankreich existierten moderate, aber auch "sehr verbohrte" Formen von Laizität, so der Wissenschaftler weiter. "Aber es gibt hier eine Laizität, die selbst zur Religion geworden, die heiliggesprochen worden ist." Ein Beleg dafür seien die zahlreichen Gesetze zu Kopftuch und Burka, die viele Muslime als Demütigung empfänden, "auch wegen des arabisch-jüdischen Kontextes, weil die Kippa keine Probleme macht, der Schleier schon."

Gesetze lösten indes keine Probleme wie etwa eine Geringschätzung von Frauen durch arabische Männer. Dagegen könne nur eine "Diversifikation der Bezirke" helfen, so Khosrokhavar: "In den Vorstädten häufen sich Arbeitslose, Ausgeschlossene, Salafisten, die dann meinen, ihr Heil in einer Parallelgesellschaft finden zu können."

Diejenigen, die zu Terroristen würden, litten oftmals an Wahnvorstellungen. "Wenn im Fernsehen von früh bis spät von Terroristen gesprochen wird, identifizieren sie sich ganz leicht mit ihnen", warnte der Forscher. In diesen Fällen gehe es immer um Glorifizierung. Medien und Gesellschaft dürften den Tätern daher keine Wertschätzung entgegen bringen. Auch sei die Bedrohung durch den Islamismus nicht so groß, wie viele Menschen glaubten, so Khosrokhavar. Er werde für die nächsten zehn Jahre ein Risiko darstellen, "das aber unsere Demokratie nicht infrage stellen darf".

Die Verbindung zwischen dem Islam und den im Namen des Islam verübten Terrorakten sei "keine zufällige", erklärte der Forscher weiter. "Der Dschihadismus fußt auf einer radikalen, sehr realen Form des Islam." Es handle sich jedoch um eine extremistische Form des Islam, die in den westlichen Demokratien nicht akzeptiert werden dürfe. Zugleich betonte Khosrokhavar, die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) sei "minimalreligiös". Bei Al-Qaida habe die Religion eine entscheidende Rolle gespielt, der IS stelle dagegen die Rache am Westen in den Mittelpunkt. - Khosrokhavars Buch "Radikalisierung" ist kürzlich bei der Europäischen Verlagsanstalt erschienen. (KNA)

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