Seyran Ates eröffnet in Berlin eine liberale Moscheegemeinde

12.06.2017

Frauen und Männer beten gemeinsam in einem Raum: In Berlin startet eine weitere liberale Moscheegemeinde. Initiatorin ist die Frauenrechtlerin Seyran Ates. Die evangelische Kirche lobt das Projekt. Von Lukas Philippi

Zustimmung und Ablehnung liegen für Seyran Ates seit Jahren nahe beieinander. Auf dem evangelischen Kirchentag Ende Mai in Berlin erhielt die umtriebige Islamkritikerin und Frauenrechtlerin großen Applaus, als sie liberale Muslime in Deutschland aufrief, «Gesicht zu zeigen» und öffentlich das Wort zu ergreifen. Zugleich beklagte die Berliner Rechtsanwältin massive Ablehnung durch die konservativen Islamverbände in Deutschland. Ein Vertreter von ihnen, der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime, Aiman Mazyek, saß mit auf dem Podium.

Ein Zeichen setzt die 54-Jährige jetzt mit der von ihr initiierten Ibn Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, die am Freitag in den Räumen einer evangelischen Kirchengemeinde im Berliner Stadtteil Moabit eröffnet wird. In Zeiten, in denen ihre Religion immer mehr mit Terror in Verbindung gebracht werde, müsse gezeigt werden, «dass der Islam sehr wohl mit der Demokratie vereinbar ist», schreibt Ates in der Einladung. Deshalb hätten sich die Initiatoren entschieden, die Ibn Rushd-Goethe-Moschee «auf der Grundlage einer säkularen Gesellschaft und eines liberalen Islam» zu gründen.

Das heißt konkret: Hier beten künftig Frauen und Männer gemeinsam und gleichberechtigt in einem Raum. Das Freitagsgebet wird auch von weiblichen Geistlichen geleitet. Der Koran wird «historisch-kritisch» ausgelegt und Homosexuelle sind willkommen. Ates zeigt sich zufrieden über den Zuspruch, den ihre Idee bislang erhält: «Es gibt immer mehr den Wunsch danach», ist sie wenige Tage vor der Eröffnung überzeugt.

Neuland betritt Ates damit allerdings nicht. In der Hauptstadt gibt es bereits eine Gemeinde des Liberal-Islamischen Bundes. Sie trifft sich regelmäßig in einem Raum des christlichen Refo-Konvents an der evangelischen Reformationskirche in Moabit. Auch in einigen anderen deutschen Städten finden sich modern eingestellte Muslime in liberalen Moscheegemeinden zusammen.

Ates gehört zu den Unterstützern der sogenannten Freiburger Deklaration säkularer Muslime vom September vergangenen Jahres. Darin sprechen sich die Unterzeichner unter anderem für ein zeitgemäßes «humanistisches, modernes und aufgeklärtes Islamverständnis» aus und lehnen unter anderem ein Kopftuch bei Frauen ab, die im Staatsdienst arbeiten.

Benannt ist die neue, als gemeinnützige GmbH organisierte Gemeinde nach dem im andalusischen Cordoba geborenen arabischen Islamgelehrten, Philosophen und Arzt Ibn Rushd (1126-1198) und nach Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Der Dichterfürst und Universalgelehrte hat unter anderem die Gedichtsammlung «West-östlicher Divan» verfasst.

In Berlin gibt es Schätzungen zufolge an die 100 Moscheegemeinden verschiedener islamischer Strömungen. Die wenigsten haben repräsentative Bauten wie etwa die Sehitlik-Moschee am Columbiadamm, die zu Ditib, dem Verband der türkischen Religionsbehörde, gehört. Viele Moscheen finden sich in Hinterhöfen oder in ehemaligen Fabriketagen.

Auch bei den Kirchenoberen stößt das Moscheeprojekt auf Zustimmung. Der Berliner evangelische Bischof Markus Dröge sagt, so werde sichtbar, «dass islamisches Leben bei uns in Deutschland vielfach auch geprägt ist von Menschen, die sehr liberal denken, die in unsere Gesellschaft gut integriert sind, aber sich von den bestehenden Verbänden kaum vertreten fühlen».

Der Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Berlin-Mitte, Bertold Höcker, erklärte zur Unterzeichnung des Nutzungsvertrages mit der Kirchengemeinde: «An diesem Standort soll exemplarisch respektvolle Nachbarschaft, Dialogfähigkeit und gegenseitige Wertschätzung vorgelebt werden.» Und der Landespfarrer für interreligiösen Dialog in der evangelischen Landeskirche, Andreas Goetze, hofft, «dass die von Frau Ates initiierte Moscheegemeinde Muslimen eine Heimat geben kann, die sich bisher in vorhandenen Moscheen nicht zu Hause fühlen». Schließlich seien muslimische Lebenswelten «so vielfältig wie von anderen Religionsgemeinschaften». (epd)

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