Schalom und Salam - Projekte wollen junge Juden und Muslime ins Gespräch bringen

15.11.2021

Miteinander reden, nicht übereinander: Projekte wie «Schalom Aleikum» wollen Antisemitismus und Vorurteilen entgegenwirken. Junge Juden und Muslime sollen in einen offenen Dialog kommen - auch über das, was trennt. Von Carina Dobra (epd)

Frankfurt a.M.. Die Farben knallen, erregen Aufmerksamkeit. Der Online- und Social-Media-Auftritt von «Schalom Aleikum» setzt auf Neongrün, Gelb und Pink. Das Projekt des Zentralrats der Juden in Deutschland zielt auf ein junges Publikum. Es geht um Begegnung, angesprochen sind alle, insbesondere aber Juden und Muslimen. Seit 2019 bieten die Macher Diskussionsveranstaltungen und Workshops an. Die Formel «Schalom Aleikum» vereint die hebräische und die arabische Begrüßung.

Der Name ist Programm, wie Projektleiter Dmitrij Belkin erklärt. Miteinander reden, nicht übereinander, offen, ehrlich, auf Augenhöhe - das sei das Motto: «Unsere Zielgruppen sind nicht offizielle Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Öffentlichkeit und auch keine langjährigen Dialogprofis, sondern in erster Linie Menschen, die uns im alltäglichen Leben begegnen.»

So sitzen etwa bei der Gesprächsrunde «Let's work it out» die muslimische Basketballspielerin Beyza Genc und der jüdische Fußballspieler Leonard Kaminski von «Makkabi Berlin» zusammen und berichten von ihren Erlebnissen mit Rassismus und Antisemitismus auf dem Spielfeld.

Auf dem «Schalom Aleikum»-Instagram-Profil berichten Teilnehmende von ihren Erfahrungen in Veranstaltungen. So schreibt die 18-jährige Naomi, die einen Antisemitismus-Workshop besucht hat: «Wir alle teilen extrem ähnliche Erfahrungen.» Und der 23-jährige Yasin meint: «Wir haben gemerkt, dass wir mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben.»

Der Zentralrat der Juden in Deutschland veröffentlicht in diesen Tagen gemeinsam mit dem Meinungsforschungsinstitut Forsa die Ergebnisse einer Umfrage zum Verhältnis von Juden und Muslimen. Eines der Ergebnisse: Juden und Muslime erleben mehr Diskriminierung als der Durchschnitt der Bevölkerung.

65 Prozent der Befragten gaben an, antisemitische Vorkommnisse mitzubekommen. Ungefähr die Hälfte der Vorfälle schreiben die Befragten jugendlichen, männlichen Einzeltätern zu. Teilnehmende deuten sie von der religiösen Herkunft her überwiegend als muslimisch. Als Hauptgrund für Antisemitismus unter Muslimen wird der Nahostkonflikt angegeben.

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (Rias) registrierte 2020 bundesweit 1.909 Fälle von Antisemitismus – rund 450 mehr als im Vorjahr. Viele der Taten hatten einen rechtsextremistischen Hintergrund oder einen direkten Bezug zur Corona-Pandemie und antisemitischen Verschwörungsmythen.

Wie viel antisemitische Hetze von muslimischer Seite kommt, ist nicht erfasst. Schalom-Aleikum-Projektleiter Belkin, der als jüdischer Kontingentflüchtling aus der Ukraine nach Deutschland kam, sagt: «In den muslimischen Communities Deutschlands ist Antisemitismus ein existierendes und präsentes Problem.» Der Historiker warnt aber vor einem Generalverdacht: «Einige muslimische Akteurinnen und Akteure nehmen diese Status quo jedoch nicht hin. Sie rufen öffentlich dazu auf, das Problem des Antisemitismus in den eigenen Reihen klar zu benennen und ihm entgegenzuwirken.»

In den vergangenen Jahren sind neben «Schalom Aleikum» mehrere Projekte gestartet, die den Dialog zwischen Juden und Muslimen fördern wollen. In München feiern beide Religionsgemeinschaften seit 2016 das Festival «AusARTen», das es in ähnlicher Form inzwischen auch in Berlin gibt.

Beim Projekt «Schalom und Salam» des Stuttgarter Vereins «kubus» entwickeln vor allem junge Menschen mit Antisemitismus- und Rassismus-Erfahrung eigene Projekte, um Vorurteilen entgegenzuwirken. Im Rahmen des Festjahres «1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland» findet in München außerdem ein jüdisch-muslimischer Stammtisch statt.

Auch das «Heidelberger Bündnis für jüdisch-muslimische Beziehungen» mit Formaten wie den jüdisch-muslimische Kulturtagen in Heidelberg und dem Podcast «Mekka und Jerusalem» möchte den Austausch zwischen Juden und Muslimen voranbringen. Man habe lange Zeit aneinander vorbei geredet, sagt Frederek Musall, stellvertretende Rektor der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg. Die Kulturtage gibt es seit 2015, die erste Podcast-Folge lief vor zwei Jahren.

Mit dem Podcast wollen der Judaist und sein Team hauptsächlich Studierende erreichen. Gerade in den Social Media gibt es viel Aufklärungsarbeit zu leisten, wie Musall beobachtet: «Da sind Fotos zu sehen mit brennenden Israelfahnen», vieles sei verkürzt dargestellt. «Mekka und Jerusalem» soll Nachrichten einordnen, Hintergründe liefern.

Juden und Muslime hätten oft ähnliche Erfahrungen mit Diskriminierung gemacht, sagt Musall. Und auch sonst gebe es so einige Gemeinsamkeiten: Zum Beispiel beim Essen, was jüdische und muslimische Speisegesetze betreffe. Trotzdem - und das ist dem Professor für Jüdische Philosophie und Geistesgeschichte auch wichtig zu betonen - gibt es auch Trennendes. Zum Beispiel das Thema Israel. Das Land habe eine emotionale und identitätsstiftende Bedeutung für Juden, auch für jene, die sich nicht als besonders religiös bezeichneten. «Da werden wir nicht auf einen Nenner kommen», glaubt Musall. «Aber wir können uns trotzdem friedlich begegnen und sensibel sein.» (epd)

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