Reportage: «Besser als Äpfel» - Bauern im Libanon hoffen auf Cannabis-Boom

11.12.2018

Roter Libanese, das war in der Bundesrepublik der 1980er Jahre noch ein beliebtes Synonym für Haschisch. Dann drängte der Libanon den Anbau von Cannabis für Jahre zurück. Jetzt setzen dort viele auf einen neuen Boom der Droge - dank einem Gesetz. Von Weedah Hamzah

«Wir haben versucht, Äpfel anzupflanzen, Tomaten, Kartoffeln. Nichts wächst besser in dieser Region als Cannabis», sagt der Bauer Abu Ali Schreif im libanesischen Yamoune. «Du brauchst nur Samen und Wasser, dann kriegst du das beste Haschisch», sagt er - neben ihm die kniehoch aufgehäufte illegale Ernte. «Libanesisches Cannabis ist wie Gold. Es ist das beste der Welt», so der 52-Jährige über seine Ernte.

Die Pflanze, die ihn so erfreut, bereitet manchen in Deutschland Sorgen. Laut Sucht- und Drogenbericht ist Cannabis in der Bundesrepublik wieder auf dem Vormarsch. Es ist jedoch vor allem die Verwendung als Medikament, die hier im Libanon Hoffnungen weckt. Seit Generationen bauen die Bewohner des Bekaa-Tals trotz häufiger Razzien der Behörden Cannabis an, wie Abu Ali Schreif berichtet.

Insbesondere während des Bürgerkriegs im Libanon 1975 bis 1990 florierte der Anbau in Bekaa. Roter Libanese, das war in den 80ern in Westdeutschland ein gängiges Synonym für Haschisch. In den frühen 90ern begannen dann die Regierung und das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, Cannabis durch andere Pflanzen zu ersetzen. Doch die Idee verlief später im Sande, Bauern kehrten zurück zur Droge.

Der Anbau der Rauschgiftpflanze ist im Libanon illegal. Aber das Parlament erwägt, die Produktion für medizinische Zwecke zu legalisieren. Vertreter aus Bekaa stehen hinter der Idee. Erklärtes Ziel ist es, nicht nur die Region zum Blühen zu bringen, sondern auch dem wirtschaftsschwachen Libanon als Ganzem zu helfen.

Auf den Feldern von Yamoune arbeiten auch junge Syrerinnen. Sie sind mit ihren Familien aus ihrem kriegsgebeutelten Land in den Libanon geflohen. Einen besseren Job als den auf der Plantage haben sie nicht gefunden. Die Mädchen arbeiten ruhig und werden dabei von Mostafa genau beobachtet. Mostafa, ebenfalls Syrer, managt den Cannabis-Anbau für Abu Ali Schreif.

«Zeit ist Geld, und in diesem Job können wir keine Zeit verlieren. Wir müssen schnell sein und die Ernte einfahren, um sie zu einem guten Preis zu verkaufen», sagte der 30-jährige Vater von vier Kindern der Deutschen Presse-Agentur. Laut Mostafa bekommt jedes der syrischen Mädchen dafür zwischen zwei und drei Dollar pro Stunde. Insider sagen, der verbotene Handel gedeihe vor allem in den von der Hisbollah kontrollierten Gebieten, einer schiitischen Bewegung, die mit dem Iran verbündet ist und auch über eine Miliz verfügt. Auch in Regionen nahe der Grenze mit Syrien floriere das Geschäft.

Der Anbau von Cannabis kann viel Geld einbringen. Laut der örtlichen Bevölkerung landet der Großteil der Einnahmen aber in den Taschen der großen Dealer, die Cannabis kaufen und es nach Europa und in andere Teile der Welt schmuggeln. «Wir Bauern verdienen nicht viel. Leute wie ich, die große Plantagen haben, machen gutes Geld. Aber die Exporteure sind die wirklich reichen Leute», sagt Schreif.

Sein Geschäft könnte profitabler für ihn werden, wenn das Parlament die Produktion für medizinische Zwecke erlaubt. Wirtschaftswissenschaftler sagen, die Legalisierung könnte den Umsatz bringen, den die hart vom Krieg im benachbarten Syrien getroffene Wirtschaft des Libanons so dringend braucht. Bauern könnten anständig leben, Jobs könnten entstehen.

«Ich kam auf die Idee, Cannabis zu legalisieren, als ich bemerkte, dass alle legalen Früchte das Cannabis in unserer Region nicht ersetzen können», sagt Antoine Habshi, ein Abgeordneter aus Deir al-Ahmar, einer überwiegend christlichen Kleinstadt bei Yamoune.

«Ich dachte: Wir haben hier in unseren Händen eine negative Pflanze, die in eine positive verwandelt werden kann, wenn sie für medizinische Zwecke genutzt wird», erzählt Habshi. «Wenn wir Cannabis legalisieren, helfen wir den Bauern, in Würde zu leben, dämmen die illegale Verbreitung ein und bringen gleichzeitig Geld in die Staatskasse.» Habschi hofft, dass Europa, Südamerika, Australien und Kanada medizinisches Cannabis aus dem Libanon importieren. Ein Datum für die parlamentarische Debatte in dem Land steht noch nicht fest.

Der Cannabis-Bauer Schreif sieht den Vorschlag mit gemischten Gefühlen. «Auf der einen Seite bedeutet das, wir können die Pflanze offen anbauen. Auf der anderen Seite habe ich Angst, dass die Regierung als einzige von dem Verkauf profitieren wird», sagt er.

«Offen gesagt, ich traue unseren Politikern nicht. Was ist, wenn sie beschließen, unsere Ernte zu sehr niedrigen Preisen zu kaufen, wie sie es mit Tabak machen, und es den Unternehmen dann zu hohen Preisen verkaufen? Dann würde das ganze Geld in ihre Taschen fließen, nicht in die der Bauern, oder in die öffentlichen Haushalte.» (dpa)

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