Rätselraten im Fall Giulio Regeni: Ägypten will nach Mord an Italiener weiter ermitteln

30.03.2016

Auf den Druck Roms hin will die ägyptische Polizei nun im Fall eines in Kairo ermordeten Italieners weiter ermitteln. Dies hätten die Behörden in der ägyptischen Hauptstadt zugesagt, sagte der italienische Innenminister Angelino Alfano am Sonntag der Zeitung "Corriere della Sera". Rom bezweifelt die offizielle ägyptische Version, wonach der junge Mann Opfer einer Bande von Kriminellen geworden sein soll.

Die Ägypter hätten angesichts "unseres Drucks auf der Suche nach der Wahrheit" ihre "Taktik innerhalb weniger Stunden" geändert und ausgedehnte Ermittlungen im Fall Giulio Regeni zugesagt, sagte Alfano dem Blatt. Wichtig sei, dass italienische Ermittler direkt beteiligt würden, sowohl bei der Befragung mutmaßlicher Verdächtiger als auch bei der Beweissicherung, sagte Alfano.

Regeni war am 25. Januar im Zentrum von Kairo verschwunden, seine entstellte und von Folterspuren gezeichnete Leiche wurde neun Tage später an einer Autobahn am Stadtrand von Kairo gefunden.

In der italienischen Presse und in westlichen diplomatischen Kreisen wird vermutet, dass Mitglieder der ägyptischen Sicherheitskräfte den Studenten entführten und zu Tode folterten, was Ägypten vehement bestreitet. Der 28-jährige Doktorand der britischen Universität Cambridge hatte zum Thema Gewerkschaften in Ägypten gearbeitet. Dazu hatte er auch Kontakt mit der politischen Opposition im Land.

Italiens Regierungschef Matteo Renzi erklärte am vergangenen Samstag, sein Land werde sich nicht mit einer "bequemen" Version der Wahrheit zufrieden geben. "Wir geben erst auf, wenn wir die Wahrheit kennen", schrieb er in seinem wöchentlichen Newsletter.

"Wir wollen die Wahrheit", schrieb der italienische Außenminister Paolo Gentiloni am Freitag auf Twitter. Auch die Staatsanwaltschaft in Rom forderte zusätzliche Ermittlungen. Das Europäische Parlament forderte bereits nachdrücklich die Aufklärung des Falls.

Der ägyptische Staatschef Fattah al-Sisi sagte Aufklärung zu. Er "verspreche, dass wir alles ans Licht bringen und die Wahrheit herausfinden", sagte al-Sisi der italienischen Tageszeitung "La Repubblica" vom Mittwoch. Die Behörden ermittelten "Tag und Nacht" und arbeiteten dabei eng mit ihren italienischen Kollegen zusammen.

Am Samstag gaben die ägyptischen Behörden die Festnahme weiterer Verdächtiger bekannt. Laut der Staatsanwaltschaft handle es sich um die Frau, die Schwester, den Bruder und den Schwager eines Mannes, der am Donnerstag zusammen mit weiteren angeblichen Mitgliedern einer Entführerbande von der Polizei erschossen worden war.

Die Festgenommenen werden beschuldigt, ein Verbrechen vertuscht zu haben und im Besitz von Diebesgut zu sein. Laut ägyptischen Angaben hatten die Mitglieder einer Bande, die auf die Entführung von Ausländern spezialisiert waren und sich als Polizisten ausgegeben hatten, den 28-jährigen Italiener verschleppt und getötet.

Das ägyptische Innenministerium hatte am Donnerstag mitgeteilt, alle Mitglieder der Bande erschossen zu haben. In einer durchsuchten Wohnung sei die Geldbörse des Italieners gefunden worden. (AFP)

Lesen Sie zum Fall Regeni den Beitrag des französisch-libanesischen Politologen Gilbert Achcar.

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