Rätsel um Dschamal - Berichte von Mord an saudischem Journalisten

08.10.2018

Gegen seine heimischen Kritiker greift Saudi-Arabien hart durch. Nun verschwand ein saudischer Journalist aber in der Türkei. Bestätigen sich neue Berichte, könnte der Fall eskalieren. Von Benno Schwinghammer

Dschamal Chaschukdschi war sich bewusst, dass er in seiner Heimat Saudi-Arabien in Gefahr war. Als der prominente Journalist vergangenes Jahr wegen seiner kritischen Berichterstattung ins Visier der Staatsmacht um Kronprinz Mohammed bin Salman geriet, floh er nach Washington. «Weil ich nicht im Gefängnis landen will», sagte er im vergangenen Juni.

Der 59-Jährige konnte sich aber anscheinend nicht vorstellen, welche Gefahr ihm drohte, als er am letzten Dienstag in das saudische Konsulat in Istanbul ging. Er wollte nur ein Dokument für seine Hochzeit abholen. Seine Verlobte wartete Stunden, Tage. Chaschukdschi kam nicht mehr heraus. Nun häufen sich die - bislang noch unbestätigten - Berichte aus türkischen Sicherheitskreisen: Man gehe davon aus, dass der Dissident in dem Gebäude getötet wurde.

Unbestritten ist bislang nur, dass der einflussreiche Journalist, der auch Medienberater für Teile der Königsfamilie in Saudi-Arabien war und nun auch unter dem englisch transkribierten Namen Jamal Khashoggi für die «Washington Post» schreibt, die Auslandsvertretung am Dienstag betrat. Mehrere Medien berichten unter Berufung auf Ermittlungsquellen, dass er dort ermordet und heimlich aus dem Konsulat gebracht wurde.

Ein Freund Chaschukdschis erklärte, die Berichte über den Mord seien wahr. «Die türkische Polizei hat uns gesagt, dass er im Konsulat getötet wurde. (...) Sie haben ihn in kleine Stücke zerschnitten.» Die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu berichtete zudem von 15 Saudis, darunter Diplomaten, die in zwei Flugzeugen nach Istanbul gereist waren und zum selben Zeitpunkt wie Chaschukdschi im Konsulat waren. Sie seien noch am selben Tag wieder abgereist.

Offiziell äußern sich die türkischen Sprecher in der heiklen Situation wesentlich zurückhaltender. Kronprinz Mohammed bin Salman dagegen hatte dem Nachrichtendienst Bloomberg am Mittwochabend persönlich gesagt, Chaschukdschi sei nicht in dem Konsulat. Die Türken dürften es gerne durchsuchen. «Wir haben nichts zu verbergen.»

Die Berichte über die Ermordung, die bei Bestätigung weit mehr als nur Verwerfungen zwischen den beiden Regionalmächten Ankara und Riad auslösen könnten, ließ die Regierung als «gegenstandlos» zurückweisen. Zuvor hatte es geheißen, Chaschukdschi sei erst nach dem Besuch in dem Konsulat verschwunden. Videoaufnahmen vom Verlassen des Gebäudes gebe es aber nicht, da die Bilder der Kameras nicht aufgezeichnet würden.

Die Darstellung der saudischen Seite wird von Experten und Diplomaten angezweifelt. Zumal das filmreife Verschwinden von Dschamal Chaschukdschi in den Augen von Beobachtern keineswegs nur ein Einzelfall ist, sondern dem Muster einer immer aggressiveren Außenpolitik Riads folgt.

Der heute 33-jährige Thronfolger Mohammed bin Salman erschien erst 2015 auf der politischen Bühne. Doch mit dem Wohlwollen seines Vaters, dem greisen König Salman, häufte er so viel Macht an, wie sie vor ihm wohl nur Staatsgründer Ibn Saud hatte.

Als Verteidigungsminister ließ er den Jemen-Konflikt eskalieren und ist verantwortlich für den Tod von Tausenden Zivilisten durch Bombardements. Prinz Mohammed gilt auch als Initiator der Blockade des Nachbaremirats Qatar, die seit 2017 die ganze Region unter Hochspannung setzt.

Vor knapp einem Jahr verkündete der libanesische Ministerpräsident Saad Hariri von Saudi-Arabien aus völlig überraschend seinen Rücktritt. Die Darstellung unter anderem der «New York Times», der eng mit Riad verbundene Politiker sei von Mohammed bin Salman zu dem Schritt gezwungen wurde, wird von Diplomaten nicht angezweifelt.

Auch Deutschland hat die impulsive neue Außenpolitik Saudi-Arabiens schon zu spüren bekommen: Wegen Kritik des damaligen deutschen Außenministers Sigmar Gabriel am außenpolitischem «Abenteurertum» in Riad stellte das Königreich seine Kooperation mit Deutschland monatelang weitgehend ein. Mit Mohammed bin Salman, vor dessen Impulsivität der Bundesnachrichtendienst schon 2015 warnte, ist die vorsichtige Scheckbuchdiplomatie der Konfrontationslust gewichen.

Auch nach innen greift der Thronfolger kompromisslos durch. Zwar verfolgt er einen wirtschaftlichen Reformkurs, mit dem auch eine vorsichtige Öffnung der Gesellschaft kommt. Wer aber politischen Einfluss nehmen will, dem droht Haft. Das haben in den letzten Jahren nicht nur Kleriker, Geschäftsleute oder Frauenrechtler erfahren.

Doch beim aufsehenerregenden Fall von Dschamal Chaschukdschi geht es nicht nur um das Schicksal eines einzelnen Kritikers, wie Volker Perthes, Direktor der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, anmerkt. Die Berichte seien noch unbestätigt und würden gerade Teil der regionalen Rivalität zwischen der Türkei und Saudi-Arabien. «Lasst uns das nicht mit Spekulationen anheizen, sondern lieber hoffen und beten, dass Dschamal am Leben ist.» (dpa)

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