"Poetry-Slam" als Mittler zwischen den Kulturen

Euro-mediterrane Lyrik(t)räume

Unter dem Motto "Slamming für 2020" haben erfahrene Poetry-Slammer und Lyrik-Nachwuchstalente aus dem arabischen Raum und Deutschland ihren Vorstellungen eines zukünftigen Zusammenlebens auf beiden Seiten des Mittelmeers Ausdruck verliehen. Von Fabian Pianka

Die vier Teilnehmerinnen warten gespannt auf ihren Auftritt. Sie kommen aus unterschiedlichen Generationen und Ländern diesseits und jenseits des Mittelmeers. Was sie eint, ist der Wunsch, ihre Perspektiven auf die Euro-mediterranen (Lebens)-Realitäten darzustellen und durch selbst verfasste Texte ihre "Euro-Mediterranen Lyrik(t)räume" zu offenbaren.

Mittels lyrischer Sprache und gezielter Performance, den Grundeigenschaften des Poetry-Slam, möchten Farah, Anne, Zeynep und Hatice außerdem den Dialog zwischen den Kulturen bereichern. Und das gelingt Ihnen an diesem Abend. Zeynep, die als Erste auftritt, thematisiert in ihrem Poetry-Slam die Diskrepanz zwischen "Schein und Sein" in der Türkei und in Deutschland. In ihrer Vision wird es in Deutschland in der Zukunft "Fleißkarten" geben, das Geld wird "abgeschafft", slammt sie mit ironischem Unterton.

Das Recht, anders zu sein

Und in der Türkei weiß "jeder alles besser". Zeynep spricht von einer "Fassade", die in beiden Kulturen aufrecht erhalten wird. Doch "wo die Sonne scheint, gibt es Schatten", resümiert die Deutsch-Türkin. Hatice, die seit 1964 in Deutschland lebt, bekräftigt in ihrem Slam das Recht auf das "Anders sein" eines jeden Menschen, egal welcher Hautfarbe oder Kultur er angehört. Dabei betont sie die Bedeutung einer eigenen Meinung ebenso wie die Verantwortung, für diese einzutreten.

Die jüngste Teilnehmerin, Anna, kommt aus Deutschland. Sie macht sich in ihrem Slam Gedanken über das Thema "Flucht". "Du wolltest nie mächtig und reich sein, du wolltest nur Frieden und Freiheit", slammt sie. "Plastikbootmeter" ist der Titel ihres Werkes. Farah, deren Eltern aus Marokko stammen, ist Philosophie- und Germanistikstudentin. Sie slammt zu ihren beiden „Heimaten“, so der Titel ihres Beitrags, die in ihren Gedanken miteinander konkurrieren wie "zynisches Gift", aber andererseits auch von daraus resultierenden "Träumen, die Räume schaffen": eben "Lyrik(t)räumen".

Eine Zerrissenheit, die aber auch Chancen fördert. Farah beklagt politische Verkrampfung, Rassismus und Sexismus auf beiden Seiten des Mittelmeers. Sie sieht es deshalb als ihre Aufgabe, eine "Brücke zwischen Okzident und Orient" zu schlagen.

Diskussionsrunde "Poetry-Slam als Mittler zwischen den Kulturen", Foto: Fabian Pianka
Diskussionsrunde "Poetry-Slam als Mittler zwischen den Kulturen": Der lyrische Schlagabtausch offenbart Einblicke in unterschiedliche, teils zwiespältige Wahrnehmungen auf beiden Seiten des Mittelmeers und hilft dabei, gängige Klischees oder Vorurteile gegenüber fremden Kulturen abzubauen.

Der Slam-Performance vorausgegangen war eine interkulturelle Schreibwerkstatt, die von dem Netzwerk politik|atelier betreut wurde. Unter Anleitung von Sprecherzieher Thomas Pries und dem Theaterpädagogen Ari Nadkarni konnten die Slammer ihre Texte schreiben und wurden in kreativer Atmosphäre auf die Abendveranstaltung vorbereitet.

Auseinandersetzung mit Interkulturalität und Globalisierung

Die beiden Coaches legen besonderen Wert auf die dichterische Auseinandersetzung mit Interkulturalität und Globalisierung. Sie wollen alltägliche Gemeinsamkeiten und Kontraste europäischer und mediterraner Kulturen sowie die daraus möglicherweise resultierenden Konflikte und Chancen aufzeigen.  

In der an die Slam-Beiträge angeschlossenen Diskussion geht es vorrangig um die aktuellen Ereignisse in den arabischen Ländern: von der Bedrohung durch den "Islamischen Staat" (IS) und den Konflikten in Syrien und im Irak bis zu Frage nach einem respektvollen Umgang mit Flüchtlingen diskutieren die Slammer mit ihrem Publikum.

Immer wieder werden aber auch die Bedeutung der durch Poesie entfachten Wirkung und der "demokratisch-partizipative" Ansatz des Poetry-Slam herausgestellt. Der Poetry-Slam mache Gedichte wieder "salonfähig" und auch für junge Menschen attraktiv, so einer der Diskussionsteilnehmer.

Bewusstsein zum Thema "Mittelmeer" stärken

Das in Kooperation zwischen der Deutschen Welle und dem Netzwerk politik|atelier durchgeführte Projekt wurde im Rahmen der "Network-Activity" der Anna Lindh Stiftung realisiert. Die diesjährige Veranstaltungsreihe der in 42 Mitgliedsstaaten tätigen Stiftung steht unter dem Motto "Begegnungs(t)räume: Mittelmeer vor Ort" und stellt die "Begegnungsräume und die (un)erfüllten Begegnungsträume der euro-mediterranen Zusammenarbeit" in den Mittelpunkt.

Daran anlehnend ist es ein Ziel des Projekts "Euro-Mediterrane Lyrik(t)räume", das Bewusstsein zum Thema "Mittelmeer" zu stärken und auf das vielfältige Leben und Denken der Menschen auf beiden Seiten des Mittelmeers aufmerksam zu machen.

Die Vorlage zu dem Projekt entspringt einer deutsch-tunesischen Initiative: während ihres vom Institut für Auslandsbeziehungen (ifa) geförderten Cross Culture-Stipendiums lernt Lena Schröder die im deutsch-muslimischen Poetry-Slam-Verein "I,slam" engagierte Farah Bouamar kennen. Sie beschließen einen deutsch-tunesischen Literaturwettbewerb in Tunis zu initiieren. Somit war das Projekt "A'slama" geboren, was "Hallo" auf Arabisch bedeutet, aber auch als "a slammer", eben ein Poetry-Slammer, aufgefasst werden kann.

Poetry-Slam-Projekt "A'slama" in Tunis, Foto: ifa
Poetry-Slam-Projekt "A'slama" in Tunis: Mit Unterstützung des CrossCulture Plus-Förderprogramms gelang es Lena Schröder im Juni 2014, ihr Projekt "A'Slama" durchzuführen. Zwölf tunesische Germanistikstudentinnen und -studenten durften die Dinge, die sie in ihrem alltäglichen Leben beschäftigen, in Worte kleiden und im Rahmen eines Poetry Slam vortragen.

Hierfür kamen tunesische Germanistikstudierende in Tunis zusammen, die in ihren Poetry-Slam-Texten auf teils lustige teils melancholische Art den gesellschaftlichen Wandel Tunesiens nach dem Sturz des Langzeit-Autokraten Ben Ali verarbeiten. Farah war so begeistert von der Veranstaltung, dass sie gleich einwilligte, bei der Fortsetzung in Deutschland mit dabei zu sein.

Auf die Frage, was ihre Motivation zum "slammen" ausmacht, sagt die marokkanisch-stämmige Farah: "Dichtung kann Herz und Verstand gleichermaßen ansprechen, Menschen Teil einer Geschichte, eines Diskurses, einer Idee werden lassen und ihnen einen neuen, vielleicht auch kritischen Zugang oder eine neue Perspektive zu unterschiedlichen Themen bieten."

Slammen für den Dialog der Kulturen

Nachdem die ersten Poetry-Slams bereits in den 1980er Jahren in den USA stattgefunden haben, ist seit einiger Zeit ein regelrechter "Poetry-Boom" zu spüren.  Die rhythmisch gesprochenen Gedichte schlagen auch Menschen in anderen Ländern zunehmend in ihren Bann. Dabei geben sie vor allen Dingen jüngeren Menschen die Möglichkeit, sich in kreativer Form zu politischen und gesellschaftlichen Themen zu äußern.

In Deutschland ist "I,slam" eine der bekanntesten Initiativen junger Deutscher mit arabischen Wurzeln. Ihr Anliegen ist es, der muslimischen Jugend eine Plattform zu bieten, damit sie ihre Meinung äußern können und gehört werden. Die Idee findet großen Anklang. Mittlerweile sind Mitglieder von "I,slam" gern gesehene Gäste bei Veranstaltungen in Deutschland und weltweit.

Dabei sind performative Angebote wie Poetry-Slams ein einfacher, aber effektiver Weg, um Menschen zu erreichen und in Kontakt zu bringen. Durch Poetry-Slams können interkulturelle Missverständnisse und Vorurteile oft unverkrampfter angesprochen werden, als dies durch Workshops oder Seminare gelingen kann. Somit kann Vertrauen geschaffen werden, eine der wichtigsten Voraussetzungen für einen erfolgreichen interkulturellen Dialog.  

Abbau von Vorurteilen und Ignoranz

Poesie ist heute nicht mehr nur ein Erzeugnis, das abseits der Massen im "Stillen Kämmerlein" entsteht, sondern vielmehr auf der Straße, auf großen Plätzen, in den Gassen oder auch online. Das wurde nicht nur während der jüngsten Umwälzungen im arabischen Raum deutlich, wo Tausende in Tunis oder Kairo immer wieder mit Sprechchören gegen die repressiven Machthaber aufbegehrten – und damit erfolgreich waren. Auch in unserer sich durch eine zunehmende Mischung der Kulturen auszeichnenden Welt, kann Poetry-Slam kulturübergreifendes Lernen begünstigen, für mehr Empathie und Solidarität zwischen den Kulturen sorgen und somit interkulturelle Kompetenzen festigen.

In diesem Sinne soll das Projekt "Euro-mediterrane Lyrik(t)räume" fortgesetzt werden. Damit aus Träumen Räume entstehen – von Deutschland aus bis in den arabischen Raum.

Fabian Pianka

© Qantara.de 2014

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