Özils Rückzug aus Nationalmannschaft löst Rassismus-Debatte aus

23.07.2018

Die Entscheidung von Fußballprofi Mesut Özil zum Ausscheiden aus der deutschen Nationalmannschaft hat eine Diskussion über Rassismus entfacht: "Es ist ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt", schrieb Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) am Sonntagabend im Kurzbotschaftendienst Twitter. Der Grünen-Politiker Cem Özdemir sagte der "Berliner Zeitung", Özils Rücktritt "tut weh".

Özil hatte sich am Sonntag zu seinem umstrittenen Treffen mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan im Mai geäußert und anschließend erklärt, er trete aus der deutschen Nationalmannschaft aus. Er prangerte einen weit verbreiteten Rassismus gegen ihn als Deutschtürken an und erhob insbesondere schwere Vorwürfe gegen DFB-Chef Reinhard Grindel.

"Schweren Herzens und nach langer Überlegung werde ich wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr auf internationaler Ebene für Deutschland spielen, da ich dieses Gefühl des Rassismus und der Respektlosigkeit habe", schrieb Özil in der auf Englisch verfassten zweiseitigen Erklärung.

Özdemir hatte Özil nach dessen ersten Äußerungen zunächst scharf kritisiert. "Mit dem Alleinherrscher Erdogan zu posieren empfinde ich als respektlos denen gegenüber, die in der Türkei gegängelt werden oder willkürlich im Gefängnis sitzen", erklärte der frühere Parteichef am Sonntag. Özil sei "seiner Vorbildfunktion nicht gerecht geworden".

Der "Berliner Zeitung" vom Montag sagte Özdemir, die "unmöglichen Fotos" mit Erdogan seien "die eine Seite der Medaille". Die andere Seite sei "das katastrophale Krisenmanagement der DFB-Spitze vor, während und nach der WM". Das "peinliche Agieren" von Grindel und Team-Manager Oliver Bierhoff habe "Raum gelassen für eine unsägliche Debatte von rechts". Es sei "fatal, wenn junge  Deutsch-Türken jetzt den Eindruck bekommen, sie hätten keinen Platz in der deutschen Nationalelf".

Unionspolitiker forderten nach Özils Rückzug ein Bekenntnis zur freiheitlichen Ordnung. "Niemand muss oder soll Wurzeln verleugnen, freilich wünsche ich mir schon auch ein deutliches Bekenntnis für das neue Heimatland", sagte Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) der "Bild"-Zeitung vom Montag. Er wünsche sich "ein klares Bekenntnis zu unseren Werten", "gerade gegenüber jemandem" wie Erdogan.

NRW-Integrationsstaatssekretärin Serap Güler (CDU), die selbst türkische Wurzeln hat, sagte dem Blatt, Verbundenheit mit dem Heimatland der Eltern und Kritik an der Regierung würden sich nicht ausschließen. "Man kann ja auch bei uns kritisch gegenüber der Bundesregierung sein und Deutschland trotzdem lieben." Diesen Punkt scheine Özil aber "nicht verstanden zu haben". "Die Einladung eines Autokraten auszuschlagen wäre nicht respektlos gewesen. Es hätte Haltung gezeigt", sagte sie mit Blick auf das Treffen mit Erdogan. Özils Rechtfertigung zeige, "wie nötig eine echte Wertedebatte ist".

Paul Ziemiak (CDU), Vorsitzender der Jungen Union, warf Özil vor allem politische Naivität vor. "Niemand vernünftiges will, dass Mesut Özil seine Herkunft verleugnet. Aber zu behaupten, dass ein Foto mit Erdogan - mitten im türkischen Wahlkampf - ohne politische Absichten entstanden sei, ist naiv", sagte er der "Bild".

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Annette Widmann-Mauz (CDU), sagte der "Bild", es sei "gut, dass sich Özil endlich erklärt hat". "Bei allem Verständnis für die familiären Wurzeln", müssten sich Spieler der Fußballnationalmannschaft aber "Kritik gefallen lassen, wenn Sie sich für Wahlkampfzwecke hergeben". Diese berechtigte Kritik dürfe aber "nicht in eine pauschale Abwertung von Spielern mit Migrationshintergrund umschlagen". (AFP)

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