Trauer nach den Anschlägen in Norwegen; Foto: AP

Nach den Anschlägen in Norwegen
Isoliert die geistigen Brandstifter!

Rechtspopulistische Politiker, Blogger, Publizisten haben in ganz Europa ein Klima angeheizt, in dem ein Wahnsinniger wie Anders Behring Breivik auf die Idee kommen konnte, man müsse mit spektakulären Taten der "Moslemgefahr" begegnen. Ein Kommentar von Robert Misik

Eine reichlich bizarre Wortmeldung zu dem norwegischen Massaker kam von den österreichischen Rechtspopulisten von der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ). Er hoffe, sagte deren Generalsekretär, "dass die genauen Motive und Hintergründe der abstoßenden Taten aufgearbeitet werden".

Nun, da kann die FPÖ am besten gleich bei sich beginnen. Denn "die Motive" für die Taten, so wissen wir derweil, sind genau jene Ideologieversatzstücke, die die Freiheitlichen, aber auch andere Rechtspopulisten wie Gert Wilders, "Pro-Köln", die norwegische "Fortschrittspartei" oder die "Schwedendemokraten", Blogs wie "Politically Incorrect" und andere Tag für Tag in die Welt hinausposaunen.

Anders Behring Breivik, der Attentäter, der den Bombenanschlag von Oslo und das Massaker auf der Ferieninsel Utoya angerichtet hat, ist wie sie ein christlich-konservativer Extremist und Moslemhasser. Er findet, dass das Abendland bedroht ist, vom Islam überrannt zu werden, er ist gegen Multikulturalität und für "Monokulti" und sieht sich in einem Kampf gegen den "globalen Dschihad".

Und er findet weiter, die lib

Anders Behring Breivik; Foto: AP
Bezeichnete seinen kaltblütigen Massenmord an 76 Menschen als "Marketing-Aktion" und notwendigen Kreuzzug gegen den Islam: Anders Behring Breivik

​​eralen politischen Eliten, die "Kulturmarxisten" seien so etwas wie nützliche Idioten des Islam. Deshalb hat er sich ja auch das Jugendcamp der norwegischen Sozialdemokraten für seinen Massenmord ausgesucht.

Im islamfeindlichen Morast

Er war bis 2006 Mitglied und Funktionär der "Fortschrittspartei", er postete auf den verschiedensten einschlägigen Internetforen und er hat jetzt auch ein grotesk ausladendes, 1.500 Seiten starkes Manifest hinterlassen, in dem er im Grunde all die "Meinungs"-Bruchstücke aneinandermontiert, die in dem islamfeindlichen Orbit kursieren.

Aneinandermontiert, das ist buchstäblich zu verstehen: große Teile seines "Bekenner"-Manifests hat er einfach im Copy-And-Paste-Verfahren aus Blogs Gleichgesinnter zusammengestellt. An mehreren Passagen kamen so auch aus zweiter Hand Textstellen von Henryk M. Broder in den Text, jenes deutschen antiislamischen Autors also, der manchen guten Bürgern selbst heute noch als preiswürdiger Schriftsteller gilt.

Anders Behring Breivik ist ein Einzeltäter und er ist, wie die Süddeutsche Zeitung ihr Porträt des Mannes überschreibt, auch und nicht zuletzt ein "Psycho". Freilich, was der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1993 nach den ausländerfeindlichen Morden von Solingen und Mölln sagte, das stimmt auch hier: „Einzeltäter kommen hier nicht aus dem Nichts.“

Es sind Politiker, Blogger, Publizisten, die das Klima angeheizt haben, in dem einer wie Anders Behring Breivik erst möglich wurde, in dem er erst auf die Idee kommen konnte, dass der "bloße" politische oder publizistische Kampf gegen die als elementar bedrohlich imaginierte Moslemgefahr nicht mehr ausreicht.

Absurde Spiegelung

Es ist wie eine absurde Spiegelung: Was sie immer den normalen Muslimen angedichtet haben, dass diese "irgendwie verantwortlich" seien für die Gewaltakte islamistischer Terror-Sekten, das haben sie jetzt selbst geschaffen – Spinner, die bereit sind, der Flausen wegen, die sie ihnen in den Kopf gesetzt haben, zahllose Menschen zu ermorden. Sie, die umgekehrt immer schnell bei der Hand sind mit dem Postulat von der "geistigen Mittäterschaft", sind jetzt auf eine viel, viel direktere Weise zu geistigen Mittätern geworden.

Wird das in diesem Milieu wenigstens Nachdenkprozesse auslösen? Man möge sich anderem zuwenden, "statt über die pseudopolitischen Geschwurbel eines perversen Killers zu spekulieren", wehrt man auf der "Achse des Guten", dem Gemeinschaftsblog von Broder und Freunden, auf unfassbar kaltschnäuzige Weise ab.

Auf Politically Incorrect, dem Quasi-Zentralorgan der Moslemhasser, gab man sich im ersten Schrecken nachdenklicher: "Was er schreibt, sind großenteils Dinge, die auch in diesem Forum stehen könnten". Und dann wird spekuliert, ob der Mann, der doch aus ihrer Sicht ganz vernünftiges Zeug geschrieben hätte, "an einer psychischen Krankheit leidet, die seither schlimmer geworden ist?".

Anschlag auf das Regierungsgebäude in der Hauptstadt Oslo; Foto: dapd
Das Massaker von Oslo und Utoya ist eine Wasserscheide: Hat die antiislamische Stimmung bisher allenfalls zu Pöbeleien und Gewaltakten gegen Einzelne geführt, so ist sie nun erstmals in Massenterror umgeschlagen, schreibt Misik.

​​Aber funktioniert eine solche Selbst-Exkulpierung der Islamkritiker durch Pathologisierung des Täters? Natürlich kann einer wie Breivik, der sich hineinsteigert in eine Idee vom zeitgenössischen "Kreuzrittertum", der sich als "Ein-Mann-Armee" sieht, der eine grausame, spektakuläre Tat ausführt, die beinahe hundert Menschenleben fordert, nur um seine Meinungen unter die Leute zu bringen, der also buchstäblich ein Massaker als Marketingaktion anrichtet, nicht ganz richtig im Kopf sein.

Er ist sicherlich auf viel verrücktere Weise ein Spinner, als einer, der sich Tag für Tag die Finger am Computer wund schreibt, der in Blogs vor dem "demographischen Dschihad" warnt und den Halbmond schon über Deutschland aufgehen sieht. Aber es ist auch nicht einfach so, dass der "irrsinnige" Extremist vom "vernünftigen" Extremisten durch einen Graben geschieden wäre, der eine gesund, der andere krank.

Paranoia als Triebfeder

Denn schon der "normale" Extremismus lebt von der Paranoia: der Paranoia, dass wir hier alle von Moslems umzingelt sind, die nur darauf warten, uns die Gurgel durchzuschneiden, er steigert sich hinein in einen Tunnelblick und Verfolgungswahn. Weil der totale Paranoiker zum Mörder wird, ist der "normale" Paranoiker noch längst nicht vernünftig. Sondern allerhöchstens auf sehr, sehr relative Weise.

Das Massaker von Oslo und Utoya ist eine Wasserscheide: Hat die antiislamische Stimmung bisher allenfalls zu Pöbeleien und Gewaltakten gegen Einzelne geführt, so ist sie nun erstmals in Massenterror umgeschlagen.

Die Zeit des Verniedlichens ist vorbei. In den vergangenen Jahren sind Rechtspopulisten in verschiedenen Ländern Europas nicht nur zu gewichtigen politischen Playern aufgestiegen – ein Aufstieg, den sie primär dem Schüren antiislamischer Ressentiments verdanken –, sie wurden mehr und mehr beinahe als "respektable" Kraft angesehen, als etwas radikale, aber doch im Grunde "normale" politische Kräfte.

Aufgrund von 9/11 und angesichts der Veränderungen unserer Gesellschaften durch Migration wurden antiislamische Ressentiments nicht nur verbreiteter, sondern auch hoffähiger. Um die Zirkel radikaler Spinner bildeten sich konzentrische Kreise normaler Bürger, die zwar nicht alle Postulate der Moslemhasser vertreten, doch manche ihrer Meinungen teilen und selbst die bizarrsten Wortmeldungen tolerieren. Durchaus angesehene Zeitungen gaben ihnen Raum, ihre Positionen zu vertreten.

Das Milieu der rechts-konservativen Wutbürger

Demonstration von "Pro Köln"-Anhängern gegen den Bau einer Kölner Moschee in Ehrenfeld; Foto: AP
Paranoia als politisches Programm: Rechtspopulistische Organisationen und Parteien wie "Pro Köln" schüren seit Jahren systematisch den Hass gegen Muslime und warnen vor einer Überfremdung Europas.

​​Kurzum: Die gesellschaftliche Immunabwehr hat ausgesetzt. Sicherheitsdienste und Verfassungsschutz durchleuchteten islamische Szenen, Linksradikale und die alten Neonazi-Kreise, aber dass sich das Milieu der rechts-konservativen Wutbürger radikalisierte, wurde übersehen – trotz dessen sichtbar wachsendem Groll gegen Multikulti, Ausländer, Muslime, gegen alles, was anders ist, trotz deren zunehmend menschenfeindlicher Sprache, mit der sie sich über "Hinternhochbeter" und "Schafficker" auslassen.

Nach dem Massaker werden die geistigen Brandstifter jetzt versuchen, den Kopf ein bisschen einzuziehen, sie werden wortreich bekunden, dass sie mit der Tat eines solchen "Irren" doch nichts zu tun haben, sie werden versuchen, sich davonzustehlen. Man sollte sie nicht einfach so damit durchkommen lassen.

Robert Misik

© Qantara.de 2011

Redaktion: Arian Fariborz/Qantara.de

Die Redaktion empfiehlt

Leserkommentare zum Artikel: Isoliert die geistigen Brandstifter!

Sehr geehrter Herr Misik,

trotz des Schocks über diese grauenhafte und menschenverachtende Tat, wäre es vielleicht angemessen, erst einmal Ruhe zu bewahren und nicht im Reflex alles in einen Topf zu werfen. Was rechtspopulistische Parteien wie die FPÖ oder Websites wie PI betrifft, sind wir uns sicher weitgehend einig. Natürlich begünstigt ein durch Hass geprägtes Klima Hassverbrechen, weil sich die potentielen Täter in einem Umfeld wähnen, das ihre Taten gut heißt. Aber Ihr Versuch, jede Kritik am Islam als Teil dieses Umfelds darzustellen, schießt weit über das Ziel hinaus. Allein die Tatsache, vom Täter in seinem "Manifest" zitiert worden zu sein, oder von anderen Rechten vereinnahmt zu werden, delegitimiert noch keine Kritik. Meines Wissens hat Anders Behring Breivik auch Kant und Mill zitiert und vermutlich noch viele andere. Es ist unlauter, Zitate aus diesem Pamphlet als moralische Keule einzusetzen und nach dem Motto "da seht Ihr, was Ihr angerichtet habt!", jeglicher Islamkritik das Wort verbieten zu wollen. Das könnte man bösartig als den Versuch werten, aus den Opfern von Norwegen Kapital zu schlagen für Ihre schon länger andauernde intellektuelle Auseinandersetzung mit Broder.

Mit freundlichen Grüßen,
Heiko Heinisch

Heiko Heinisch27.07.2011 | 19:10 Uhr

Herr Misik,
Mit einigem Befremden habe ich Ihre Wortmeldung gelesen. Dreimal, um genau zu sein.
Verwundert und verärgert über diesen hilflosen Rückfall in alte Denkschablonen, diesen beinahe infantilen Reflex, mit dem Sie sofort die wahren "Schuldigen" oder gar die "geistigen Mittäter" ausgemacht haben wollen.
Als wäre eigenverantwortliches Denken und Handeln ein völlig neues, unerhörtes Konzept.

Breivik, und nur Breivik, ist verantwortlich für dieses abscheuliche Massaker.
Welche Lektüre auch immer in seine Hände gefallen sein möge, mit welch inkohärentem, pseudo-ideologischem Geschwafel er auch immer er seine offenkundige Lust am Töten verbrämt, wir täten gut daran, ihm nicht auf den Leim zu kriechen.

Ihre rhetorische Kraftmeierei (Isoliert die geistigen Brandstifter - welch überraschend neue Idee!) ist komplett nutzlos, um nicht zu sagen kontraproduktiv.
Ist jeder, der seine Zweifel am reibungslosen Funktionieren einer multikulturellen Gesellschaft äußert, ein anti-islamischer Paranoiker mit Tunnelblick ?
Ein Vertreter des "normalen" Extremismus; die von Ihnen ausgemachte Schwachstelle der "gesellschaftlichen Immunabwehr"?

Nach meiner Einschätzung ist es gerade die - von Ihnen offensichtlich propagierte - Verweigerung der offenen Diskussion, die die Entstehung von Eitergeschwüren wie Breivik begünstigt. Und ja, es müssen auch die von Ihnen geschmähten "angesehenen Zeitungen" sein, die das Forum für diese Debatte bilden : Sie werden wohl nicht ernsthaft glauben, daß diese Themen in den Hinterzimmern und Blogs "radikaler Spinner" besser aufgehoben wären.

Die Zeit des Verniedlichens ist vorbei - aber auch die Zeit der reflexhaften Schuldzuweisungen und Kritikverbote.

Cora Bauer30.07.2011 | 21:13 Uhr

Die Norweger zeigen uns die richtigen Lehren aus dem Massaker in Oslo: wir sollten nicht aufhören, über das Attentat in Norwegen zu berichten, sondern lieber Islam und Islamfeindlichkeit neu diskutieren. Das betont der Medienpsychologe Peter Vitouch: "Die deutschsprachigen Länder reagierten auf die Bluttat reflexartig mit einer Sicherheitsdebatte. Wie man in Norwegen sieht, besteht jedoch die Chance, den Prozess in Richtung offene Gesellschaft nun weiter zu verfolgen". Mehr:

http://search.pressetext.com/news/20110726022

Almuth Heinen 07.08.2011 | 17:22 Uhr