Nach dem Tod einer Frau: Iran gerät wegen Stadionverbot unter Druck

15.09.2019

Die Reaktion der FIFA war ungewohnt scharf für einen Verband, der sonst gerne vage und inhaltsarm formuliert. "Wir fordern die iranischen Behörden erneut auf, die Freiheit und Sicherheit aller Frauen zu gewährleisten, die an diesem legitimen Kampf zur Beendigung des Stadionverbots für Frauen im Iran beteiligt sind", erklärte der Fußball-Weltverband unter dem Eindruck des tragischen Todes einer Iranerin, die sich vergangene Woche selbst in Brand gesetzt hatte - und die nun ihren Verletzungen erlag.

Doch die Worte der FIFA reichen der Protestbewegung in Iran nicht mehr aus. Sie fordert vom Weltverband den Ausschluss der Nationalmannschaft von allen Wettbewerben, falls die erzkonservativen Geistlichen in der iranischen Führung am Stadionverbot für Frauen festhalten sollten. Die Forderung der Protestbewegung ist begründet - schließlich ist die Diskriminierung von Frauen laut der FIFA-Statuten verboten und muss sanktioniert werden.

Am Mittwoch kam Bewegung in die Sache. Die FIFA kündigt die zeitnahe Entsendung einer Beobachter-Delegation an, welche das Prozedere zum ungehinderten Zutritt von Frauen bei den kommenden WM-Qualifikationsspielen kontrollieren soll. Und auch die Politik rührte sich.

Laut eines Sprechers habe sich die Regierung darauf verständigt, dass Frauen von nun an bei "allen nationalen Spielen" anwesend sein dürfen. Das berichtete die Nachrichtenagentur ISNA. Zuvor hatte die FIFA die Aufhebung des seit knapp 40 Jahren geltenden Verbots, welches die Frauen nach offizieller iranischer Lesart vor dem Anblick halbnackter Männer und einem vulgären Umfeld bewahren soll, offenbar ultimativ eingefordert.

Die politische Führung, die in dieser Frage gespalten ist, vollführte bisher einen Schlingerkurs. Laut des Sportministeriums sind für das nächste Länderspielspiel am 10. Oktober gegen Kambodscha Frauen zugelassen. Offen ist allerdings, ob diese Ankündigung tatsächlich für alle Frauen und grundsätzlich für die Zukunft gilt. In der Vergangenheit durften Ausländerinnen und kleine Gruppen von Frauen bestimmte internationale Partien im Stadion verfolgen - andere wiederum wurden festgenommen und angeklagt.

So auch Sahar Khodayari. Die 30-Jährige, die laut ihres Vater an einer psychischen Erkrankung litt und deshalb zu Wutausbrüchen neigte, sollte sich am 2. September wegen Störung der öffentlichen Ordnung und Beleidigung der Polizei vor Gericht verantworten. Die Anhörung wurde zwar verschoben, dennoch soll Khodayari bei dem Termin erfahren haben, dass ihr bis zu sechs Monate Haft drohen.

Sie hatte im März versucht, bei einem Spiel ihres Lieblingsvereins Esteghlal Teheran in der asiatischen Champions League als Mann verkleidet ins Azadi-Stadion zu gelangen. Als Reaktion auf die drohende Gefängnisstrafe zündete sich Khodayari vor dem Gerichtsgebäude an und erlitt dabei schwere Verbrennungen.

Der Tod Khodayaris sorgte für einen Sturm der Entrüstung in den sozialen Netzwerken. Das iranische Fußball-Idol Ali Karimi rief seine 4,5 Millionen Instagram-Follower zum Stadionboykott auf. "Die Frauen unseres Landes sind besser als die Männer", schrieb der frühere Profi von Bayern München zu einem Foto, auf dem eine Frau mit einem Fußball anstelle eines Herzens zu sehen ist - über dem Kopf der Frau sind Flammen zu erkennen.

Auch Nationalmannschafts-Kapitän Masoud Shojaei bezog klar Stellung. "Die Selbstverbrennung einer Frau, die angeklagt wurde, weil sie ein Fußballspiel schauen wollte, ist das Resultat widerwärtigen Denkens und wird für zukünftige Generationen völlig unverständlich sein", schrieb Shojaei bei Instagram. Sein Teamkollege Ashkan Dejagah forderte ebenfalls ein Umdenken. "Wann wollt ihr endlich mit solchen Sachen aufhören? Genug ist genug", schrieb der frühere Bundesligaprofi.

Khodayaris Vater stellte sich allerdings auf die Seite der Regierung. "Diejenigen, die aufgrund des Todes meiner Tochter das Land kritisieren, machen einen großen Fehler", sagte er laut der Nachrichtenagentur Mehr: "Ich werde ihnen nie vergeben, dass die das Ganze missbrauchen." (SID)

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