Moria - Das Flüchtlingslager der Schande auf der Insel Lesbos

28.09.2018

Traumatisierte Kinder. Verzweifelte Flüchtlinge. Auf Lesbos kann es so nicht weitergehen - ein Flüchtlingslager platzt dort aus allen Nähten. Während die Migranten unter unmenschlichen Bedingungen leben, verlieren die Inselbewohner zunehmend die Geduld. Eine Reportage von Takis Tsafos

«Ort der Schande» nennen Medien das Flüchtlingslager. Eigentlich heißt es Moria. Moria liegt auf der griechischen Insel Lesbos. Verzweifelte Menschen leben dort in Containerwohnungen aber auch in provisorischen Zelten und unter Plastikplanen. Rund um den eigentlichen Hotspot - der rund 15 Minuten Autofahrt von der Inselhauptstadt Mytilini entfernt liegt - haben sich sogenannte Satelliten-Lager gebildet. Theoretisch können im Moria-Camp 3.100 Menschen untergebracht werden. Mitte September harrten dort fast 9.000 Migranten und Flüchtlinge aus.

Moria ist gnadenlos überfüllt. Drei Jahre nach Beginn der wohl schlimmsten Migrationskrise seit dem Zweiten Weltkrieg verschlechtert sich die Lage dort immer mehr. Auch im Raum der Inselhauptstadt halten sich zeitweise mehr als 10.000 Migranten auf. Dabei leben in Mytilini selbst nur 37.000 Menschen.

«Es ist so, als würden im Raum München 300.000 Migranten und Asylbewerber ausharren», sagt der Besitzer eines kleinen Schuhladens auf der Haupteinkaufsstraße. Und der Bürgermeister der Stadt, Spyros Galinos, warnt immer wieder: «Es droht eine soziale Explosion.»

Unter dem Druck der schlimmen Presseberichte, der humanitären Organisationen und der Lokalbehörden versucht die Regierung in Athen seit kurzer Zeit, die Lage zu entspannen. Zu Hunderten werden Flüchtlinge an Bord von Fähren aus Lesbos zum Festland gebracht. Für die Menschen, die noch in Moria sind, heißt es warten - auf die Bearbeitung ihrer Asylanträge.

Das dauert lange. Nach drei Jahren Krise fehlt immer noch das nötige Personal. «Ich habe ein Jahr gewartet. Jetzt darf ich endlich von hier weg», sagt ein junger Mann aus Somalia. Das, was die Menschen «zum Wahnsinn» treibt, wie viele Flüchtlinge sagen, sei das monatelange Nichtstun in einem Lager, das immer mehr Menschen aufnehmen muss.

Unter ihnen sind zahlreiche Kinder, die sichtlich verstört sind und nicht begreifen können, was mit ihnen passiert. Vielsagende Szenen spielen sich dort ab: Ein kleiner Junge kommt einem Reporter entgegen. Als die beiden sich auf einer Distanz von wenigen Metern nähern, nimmt der Junge den 1,80 Meter großen Mann zur Kenntnis. Der Junge zuckt panisch zusammen, mit einem Arm macht er eine Bewegung, als versuchte er einen Schlag abzuwehren. Er bleibt stumm stehen - Angst ist ein sein Gesicht geschrieben. Was hat dieser Junge nur erlebt?

Die Organisation Ärzte ohne Grenzen kritisiert, dass die Situation für Kinder und Jugendliche in vielen Flüchtlingslagern immer kritischer wird. Zahlreiche Teenager denken demnach an Suizid. Andere hätten es bereits versucht oder sie hätten sich selbst verletzt, berichteten die Ärzte. Viele Kinder hätten Panikattacken. Andere reagieren aggressiv, sie schweigen oder haben ständig Alpträume.

Ein junger Afghane nähert sich einer Gruppe von Journalisten. Er zeigt das Bild einer Ultraschall-Untersuchung seiner schwangeren Frau. Datum: 23. September 2018. Auf Griechisch ist zu lesen: «Gefahr einer Fehlgeburt/Totgeburt. Muss dringend etwas unternommen werden.»

Mit etwas Englisch und mit vielen Gesten bittet der junge Mann um Hilfe. Die Reporter versuchen ihm zu sagen, dass sie nichts machen können, außer ihn zu den Ärzten der Hilfsorganisationen zu bringen. Das Gespräch endet. Man geht auseinander. Alle sind verzweifelt.

Zwischen den Zelten kommt ein leichter Marihuana-Geruch auf. Offenbar versuchen einige Menschen auf diese Weise, Moria zu überstehen. Darunter offenbar auch Kriminelle. «Geht jetzt», sagt ein junger Migrant auf Englisch, als die Sonne untergeht. «Von jetzt an Marihuana und Machete», warnt er. In Moria gibt es auch diese Bilder.

Rund um das Lager zeigen mehrere Bereitschaftspolizisten Präsenz. Angesichts dieser miserablen Situation legt der Bürgermeister der Insel nach und macht keinen Hehl mehr aus dem, was er fühlt: «Wir müssen uns schämen, für das was wir den Menschen antun.» Mittlerweile habe sich die Solidarität der Bewohner der Insel in eine Art Angst und zunehmende Fremdenfeindlichkeit verwandelt, erzählt er. «Und wenn die Angst kommt, dann wird es gefährlich.»

Die Inseln im Osten der Ägäis bezahlen den Preis der Fehler anderer, die für die Migrationskrise verantwortlich sind, meint er. Und es gebe bereits rechtsextremistisch gesinnte Bürger, die die Situation nutzen, warnt Galinos. Die Lösung: Zwei Fähren müssen mehrmals zwischen Lesbos und dem Festland pendeln, fordert er. Tausende Flüchtlinge müssten jetzt sofort weg.

Viele haben bereits den Verdacht, die Lage im Moria-Hotspot sei gewollt miserabel, um die Leute abzuschrecken, aus der Türkei auf die griechischen Inseln überzusetzen. Der Chef der dänischen humanitären Organisation Team Humanity, Salam Aldeen, hat keine Zweifel: «Die Regierungen (der EU) wollen es so», sagt er immer wieder. Seine Organisation versucht in der Nähe des Moria-Lagers, Kinder mit Spielen etwas aufzuheitern.

«Ich schäme mich, weil ich manchmal zornig bin, dass es so viele Migranten auf unserer Insel gibt», sagt Irini, eine Angestellte eines kleinen Hotels. Ihr ist bewusst, dass diese Menschen nichts dafür können, dass sie auf der Flucht sind. Und sie erklärt, was sie zornig macht: Das kleine Krankenhaus der Insel kann den Menschen nicht mehr richtig helfen. «Es ist überfüllt. Die Ärzte schaffen es nicht mehr. Sie können weder uns Einheimischen noch den Flüchtlingen richtig helfen», sagt Irini.

Wer mit Ladenbesitzern entlang der Eressou Straße im Zentrum der Inselhauptstadt von Lesbos spricht, bekommt immer wieder die gleichen Antworten: «So kann es nicht weitergehen. Wegen der Migrationskrise bleiben viele Touristen weg», meint ein Goldschmied. «Schmuck kaufen während der heutigen Finanzkrise meistens die Touristen.» Die seien aber nicht gekommen.

Seit Mitte September dauert nun die sogenannte Entlastung der Insel Lesbos an. Ob das klappt, ist unklar. Denn täglich kommen Dutzende Migranten aus der Türkei. An einem Tag im September werden 440 Menschen aus dem Moria-Lager geholt und mit Bussen zur Fähre gebracht. Vor dem Camp Moria spielen sich rührende Szenen ab.

Verwandte und Freunde, die zurückbleiben, nehmen Abschied von den Glücklichen, die nach Piräus fahren dürfen, um in einem anderen besseren Lager untergebracht zu werden. Eine Frau aus Mali schreibt auf Französisch eine kurze Notiz mit einem großen «Dankeschön» an die Mitglieder einer Nichtregierungsorganisation, die ihr über Monate hinweg geholfen haben, es im Lager von Moria auszuhalten.

Der letzte Bus fährt kurz vor Sonnenuntergang am Montagabend aus Moria ab. Der von der Sonne rot gefärbt Abendhimmel wirkt idyllisch - wäre da nicht der leichte Uringeruch der chemischen Toiletten. Als letztes steigt eine Frau aus Syrien in einen Bus zum Hafen ein. Mit einem leichten Lächeln sagte sie: «Egal wohin wir gehen, wird es besser als hier sein.» (dpa)

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