Libanesischer Autor Elias Khoury hofft auf "Kulturrevolution"

01.11.2019

Der libanesische Schriftsteller und Journalist Elias Khoury (71) sieht in den jüngsten Massenprotesten im Libanon ein neues Kapitel des Arabischen Frühlings – getragen von einer neuen Generation und Gewaltfreiheit. "Die arabische Welt kommt da nicht raus – es sei denn, sie errichtet Demokratien", sagt er im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Beirut. Die neue Einheit von Intellektuellen und Volksmassen eröffne die "Möglichkeit einer wahren Kulturrevolution", so Khoury.

Herr Khoury, Sie beobachten die libanesische Gesellschaft seit Jahrzehnten. Haben die jüngsten Entwicklungen Sie überrascht?

Elias Khoury: Einerseits war ich überrascht, dass es nicht früher zu einem Aufstand gekommen ist. Die soziale und wirtschaftliche Situation hat sich in den letzten Jahren unerträglich verschlechtert. Aber es gibt in diesem Land viele Hindernisse für so einen Aufstand. Deshalb war ich auch erstaunt, als es losging. Erstaunlich ist, dass die Menschen sich über die Grenzen von Religion und Region hinweg erhoben haben. Niemand hätte gedacht, dass der Südlibanon gegen die dominierende Macht von schiitischer Amal-Miliz und Hisbollah aufstehen würde. Keiner hätte erwartet, dass Tripolis, das seit langem unter strikt islamischer Führung steht, zu einem Zentrum des Aufruhrs würde. Und das Überraschendste ist vielleicht, dass im ganzen Land dieselben Forderungen gestellt werden.

Welche Bedeutung messen Sie dem bei?

Khoury: Erstmals kommt es in diesem Aufstand zu einer Verbindung der Intellektuellen mit den armen Massen. Wir stehen vor der Möglichkeit einer wahren Kulturrevolution, ermöglicht durch die Rolle der Frauen, vor allem der jungen Frauen, die eine Führungsrolle in dem Aufstand einnehmen - die Rolle einer neuen, jungen Generation mit der Erkenntnis, dass der Konfessionalismus, der die Macht nach strengen Proporzregeln unter den Glaubensgemeinschaften aufteilt, überwunden werden kann. Der Libanon ist Geisel von Religionsführern, die kleine Diktatoren sind. Ohne das Geld, das eine aus Dieben bestehende Regierung gestohlen hat, ist der religiöse Klientelismus unmöglich. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlen wir uns als eine Nation.

Sie sehen die Möglichkeit einer Kulturrevolution?

Khoury: Ja, das herrschende System tut aber alles, um sie im Zeichen des Konfessionalismus zu stoppen. Das haben wir bei den Angriffen gegen die Demonstranten gesehen. Die Angreifer kamen mit schiitischen Parolen. Nach dem Rücktritt der Regierung hat auch die Partei von Ministerpräsident Saad Hariri ihre sunnitischen Parolen auf die Straße getragen in dem Versuch, an der Macht zu bleiben. Die größte Gefahr geht aber vom christlich-maronitischen Präsidenten Michel Aoun und seinem Erben Dschebran Bassil aus. Der Gedanke an einen Machtverlust könnte sie in einen skrupellosen Wahnsinn treiben.

Wird der Protest weitergehen?

Khoury: Die Lage war sehr angespannt, die Menschen brauchen Erholung. Sie warten ab, ob es eine neue Regierung geben wird, die ihren Forderungen entspricht. Ich denke aber, dass der Aufstand wieder aufflammen wird. Denn ich glaube nicht, dass diese politische Klasse die Fähigkeit zur Veränderung hat. Noch haben wir das Momentum nicht verloren. Aber wir müssen von den Fehlern des Arabischen Frühling lernen: Wir müssen friedlich sein, dürfen keine Waffen einsetzen, wir müssen anderen eine Chance geben, ohne die Kontrolle zu verlieren. Dinge können sich natürlich schnell verändern, wenn die andere Seite Gewalt anwendet, aber wir werden nicht in diese Falle tappen. Wir haben unsere Lektionen gelernt.

Was glauben Sie, kann der friedliche Aufstand wie einst der Arabische Frühling auf andere Länder überspringen?

Khoury: Der Arabische Frühling ist nicht tot. Dies ist eine neue Welle des Arabischen Frühlings. Sie begann im Sudan und in Algerien, jetzt kommt sie in den Libanon und den Irak. Dieser Frühling wird nicht enden. Die arabische Welt kommt da nicht raus – es sei denn, sie errichtet Demokratien.

Bei den Protesten im Sudan und Irak gab es aber Tote.

Khoury: Die Sicherheitskräfte wendeten Gewalt an, aber die Demonstranten reagierten nicht mit Gewalt. Im Libanon haben wir die besondere Situation, dass die Armeeführung sehr weise reagiert hat und entgegen den Anweisungen des Präsidenten nicht mit Waffen gegen die Demonstranten vorgegangen ist. Auch die zweite Armee des Libanon, die Hisbollah, ist vorsichtig. Sie hat zwar Gewalt angewendet, aber keine Waffen. Andernfalls käme es zu einer Lage wie in Syrien.

Sie sind bekannt für Ihren Einsatz an der Seite der Palästinenser. Wie werden die Palästinenser den libanesischen Aufstand aufnehmen?

Khoury: Rational betrachtet nähert sich auch in den palästinensischen Gebieten eine echte Revolte gegen die beiden Kräfte, die radikalislamische Hamas in Gaza und die Fatah in Ramallah. Diese beiden sind gegenwärtig das Haupthindernis der Palästinenser im Kampf gegen die israelische Besatzung - und beide sind ebenfalls zutiefst korrupt.

In Ihrem literarischen Werk befassen Sie sich oft mit dem anderen als Spiegel des eigenen. Bringt die Einheit der Demonstranten diesen Spiegel zurück in den Libanon, der durch die Entfremdung nach dem Bürgerkrieg 1975 bis 1990 verloren ging?

Khoury: Das Ende des Bürgerkriegs hat letztlich nur ein anderes System eines andauernden Bürgerkriegs geschaffen, in dem die alten Kriegsherren und Mafiosi regieren. Sie müssen uns konstant an der Grenze zum Bürgerkrieg halten, um das System aufrechterhalten zu können. Was jetzt in den Straßen passiert, ist die Deklaration des Endes des Bürgerkriegs. Wenn dieser Aufstand gelingt, ist der Bürgerkrieg zu Ende. Säkularismus, bisher ein Thema der Intellektuellen, wird populär. Das heißt nicht, dass wir die Vielfalt zerstören müssen. Religion, wenn sie sich auf die religiöse Sphäre beschränkt, bietet viel Schönes. Diese Region hat die drei abrahamitischen Religionen erschaffen und daher ein tiefes spirituelles Erbe, das uns bereichert. Aber nicht, wenn es so missbraucht wie im Moment: als politisches Werkzeug in den Händen von Mafiosi. (KNA)

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