Lateinischer Patriarch von Jerusalem zur Lage im Heiligen Land

30.11.2020

Jerusalem. Das sich verändernde politische Gleichgewicht in Nahost hat nach Einschätzung des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, noch keine direkten Auswirkungen auf die Kirche im Heiligen Land. Sie zeigt aber die Isolation der Palästinenser, sagt der italienische Franziskaner im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Jerusalem.

KNA: Herr Erzbischof, im Herbst haben Sie ein Ende Ihrer Zeit als Übergangsleiter des Jerusalemer Patriarchats angedeutet. War das Bedauern über Ihren erwarteten Weggang groß?

Pizzaballa: Die Menschen hier haben unterschiedliche Haltungen, und natürlich bekomme ich die nur gefiltert mit. Allgemein kann man sagen, dass die Leute die mögliche Veränderung bedauerten. Unabhängig von meiner Person und was man von mir halten mag, hätte dies einen Eingriff in die Stabilität bedeutet.

KNA: Jetzt sind Sie stattdessen offiziell Patriarch. Wie schwer fällt das jenen, die von schmerzhaften finanziellen Einschnitten in Ihrer Amtszeit als Apostolischer Administrator betroffen waren?

Pizzaballa: Es mag Menschen geben, die nicht sehr glücklich mit mir sind. Allerdings ist vernünftigen Menschen klar, dass man zu Entscheidungen – einmal gefällt – stehen und mit ihren Konsequenzen leben muss.

KNA: Erneut wurde mit Ihnen ein Ausländer Patriarch. Ist die einheimische Kirche nicht reif genug für eigene Führungspersonen?

Pizzaballa: Das wäre zu oberflächlich gedacht. Die heutige Kirche im Heiligen Land ist nicht die Kirche von vor 40 Jahren. Die örtliche Identität ist gegeben, das arabische Element ist offensichtlich – unabhängig von der Person des Bischofs. Zudem lebe ich seit 30 Jahren hier. Ich bin kein Einheimischer, aber auch kein Fremder. Und schließlich hat die Kirche von Jerusalem eine universale Dimension, die Teil ihrer Identität ist. Ein nicht-arabischer Bischof stellt in diesem Kontext kein Problem dar. Selbstverständlich gibt es Kritiker, man muss aber sehen, dass es meist nicht-religiöse Menschen sind.

KNA: Zwischen Israel und den arabischen Staaten kam es in der Trump-Ära zu diplomatischen Annäherungen. Nun folgt ihm als US-Präsident Joe Biden. Was sind Ihre Erwartungen?

Pizzaballa: Die Situation wird die Kirche nicht direkt tangieren. Was man derzeit sagen kann, ist, dass sich das Gleichgewicht in Nahost verändert. Wie, das ist zu früh zu beurteilen. Joe Biden ist ja noch nicht im Amt. Das Narrativ jedoch scheint jetzt schon ein anderes zu sein.

KNA: Vielleicht betrifft die veränderte Lage nicht unmittelbar die Kirche. Für die Palästinenser könnte sie jedoch Auswirkungen haben.

Pizzaballa: Die jüngste Annäherung zwischen Israel und den arabischen Staaten hat gezeigt, dass die Palästinenser noch isolierter dastehen. Das ist nicht neu, nur sichtbarer geworden.

KNA: Einen neuen Anstoß für eine Lösung des Nahostkonflikts sehen Sie nicht?

Pizzaballa: Unser Hauptproblem hier ist fehlendes Vertrauen. Israelis und Palästinenser vertrauen sich nicht, die Palästinenser vertrauen in gewisser Weise der internationalen Gemeinschaft nicht. Zum Wiedergewinn des Vertrauens sind Worte wichtig, mehr noch aber Gesten. Dies sehe ich gegenwärtig nicht.

KNA: Sie haben als Administrator schmerzhafte Prozesse im Bistum angestoßen. Wären Sie zu ähnlichen Einschnitten bereit, um das ungeklärte Verhältnis zwischen Israel und dem Vatikan zu bereinigen?

Pizzaballa: Opfer sind bedeutungsvoll, wenn sie in einem Kontext erfolgen, der sie rechtfertigt. In Sachen israelisch-vatikanische Beziehungen wird seit 30 Jahren erfolglos verhandelt. Es braucht einen Ausweg aus dem rechtlichen Limbo, in dem wir uns befinden, aber der scheint schwer zu finden.

KNA: Ein Wort zum Jahr 2020.

Pizzaballa: Es war ein überaus schmerzhaftes Jahr, das durch die Covid-19-Pandemie geprägt wurde. Tourismus und Pilgerwesen, die Teil unserer kirchlichen Identität sind, kamen zum Erliegen. Die wirtschaftlichen Folgen sind dramatisch. Tausende Familien insbesondere in der Region Bethlehem sind ohne Einkommen. Auch unsere Schulen, die zu unseren stärksten Elementen hier zählen, wurden hart getroffen. Als Kirche sind wir verwundet, weil wir weder die Fastenzeit noch Ostern wie gewohnt feiern konnten. Zahlreiche andere Feiern und Aktivitäten wurden reduziert. Am schmerzhaftesten ist die Unsicherheit. Sie macht jede Planung unmöglich.

KNA: Positives gibt es nicht zu berichten?

Pizzaballa: Erfreut hat mich die Kreativität vieler Priester. Mit viel Fantasie suchen sie nach Wegen, die Gläubigen zu erreichen und in dieser Situation nicht alleine zu lassen. Auch der Durst der Menschen, insbesondere der Jungen, nach Gemeinschaft, liturgisch, aber auch sonst, ist erfreulich. In Europa habe ich dies nicht in gleicher Weise gespürt.

KNA: Ostern stand stark im Zeichen von Corona. Was wird mit Weihnachten?

Pizzaballa: Wir laufen Gefahr, nicht normal feiern zu können. Noch herrscht Chaos, die Dinge ändern sich täglich. Bislang scheint klar, dass alle Feiern stattfinden werden, jedoch in reduzierter Weise. Was das konkret bedeutet, dafür ist es zu noch früh.

KNA: Zum Abschluss ein Ausblick auf 2021.

Pizzaballa: Mit meiner Ernennung zum Patriarchen ist die Zeit des Übergangs im Bistum vorbei. Wir müssen mit der Organisation des pastoralen Lebens beginnen. An erster Stelle gilt es dabei, vor Ort zu sein, zuzuhören und zu verstehen. (KNA)

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