Kübelweise Hass: Was Migrantenverbände im Briefkasten finden

06.12.2017

Kann man sich an Hass von Fremden gewöhnen? Wer für einen Verband arbeitet, der die Interessen von Migranten oder Muslimen vertritt, muss sich ein dickes Fell zulegen. Von Anne-Beatrice Clasmann

Deutschland, eine aufgeregte Republik. Kommunalpolitiker, die sich für Flüchtlinge einsetzen wie der CDU-Bürgermeister Andreas Hollstein aus Altena, müssen um ihr Leben fürchten. Seyran Ates, die in Berlin eine liberale Moschee gegründet hat, lebt mit Polizeischutz. Auch die Vertreter von Verbänden, die Moscheegemeinden oder die Interessen von Menschen mit Migrationshintergrund vertreten, werden regelmäßig zur Zielscheibe von Pöbeleien und Anfeindungen. Nicht nur im Internet.

Aiman Mazyek (48) scheut die Öffentlichkeit nicht. Der Deutsch-Syrer mit dem markant gestutzten schwarzen Bart ist häufig Gast in Talkshows. Als Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) ist er ein gefragter Gesprächspartner, wenn es um Terror in Frankreich geht, um die Vollverschleierung, um Integrationsfragen oder um die Ausbildung islamischer Prediger.

Einige nennen ihn einen «konservativen Lobbyisten». Gökay Sofuoglu (55) leitet einen säkularen Dachverband, die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD). Er ist Sozialpädagoge und SPD-Mitglied. Sein Verband hat sich gegen die Verfassungsänderung ausgesprochen, die dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mehr Macht beschert hat.

In vielen politischen Debatten ziehen Mazyek und Sofuoglu nicht an einem Strang. Doch eines haben die beiden Männer gemeinsam: Sie und ihre Mitarbeiter erhalten per E-Mail, in sozialen Netzwerken und in Briefform Hass-Botschaften, die beleidigend, rassistisch und manchmal auch bedrohlich sind. «Verpisst Euch ihr schwulen Hassprediger», schreibt ein Unbekannter in krakeliger Handschrift auf die Grußkarte einer Kinderhilfsorganisation. Die Karte schickte er an die Geschäftsstelle des Zentralrats. Ein anderer droht Mazyek in gedruckter Form: «Ich schneide Dir den Kopf ab».

Die Aktivitäten der TGD kommentiert ein Facebook-Nutzer mit slawischem Vornamen mit dem Satz: «Raus mit diesem ganzen Dreckspack». Besonders viel Hass im Internet erntet Sofuoglu mit der Aussage: «In unseren Zukunftsvisionen für Deutschland hat die AfD keinen Platz». Selbst vergessen geglaubte Beschimpfungen wie «Kümmeltürken», die aus der Frühzeit der «Gastarbeiter»-Anwerbung stammen, werden wieder hervorgekramt.

Sofuoglu glaubt: «Durch die Wahl der AfD in den Bundestag haben sich die Hasskommentare verstärkt.» Diese Kommentare folgen nach seiner Einschätzung immer dem gleichen Muster. Es werde behauptet, die Türkeistämmigen seien entweder nicht bereit oder nicht fähig, sich zu integrieren. Gleichzeitig werde Deutschland «als eine ethnisch-homogene Volksgemeinschaft konstruiert, in der türkeistämmige Menschen keinen Platz haben».

Anfeindungen kämen aber nicht nur von Rassisten, sagt Sofuoglu, der mit seinen Lachfalten und der sanften Stimme eigentlich keine ideale Projektionsfläche für Hasser bietet. Nachdem sich der Verband gegen die Einführung eines Präsidialsystems in der Türkei ausgesprochen habe, hätten auch die Drohungen von Erdogan-Anhängern zugenommen, berichtet der TGD-Bundesvorsitzende.

In den Islam-Verbänden und bei den Migrantenorganisationen sind Hassbotschaften intern immer wieder Thema. An die Öffentlichkeit gehen die meisten Funktionäre und Ehrenamtlichen damit aber lieber nicht. In sozialen Netzwerken achten die Verbände darauf, dass Fäkal-Botschaften und andere Beleidigungen verschwinden. Die meisten handeln nach der Devise «Don't Feed the Troll» und antworten nicht auf Hassbotschaften.

Mazyek sagt, er wolle sich nicht als Opfer in Szene setzen. Und er wolle auch nicht, dass andere ihn so darstellten. Das sei sinnlos, denn «Empathie ist kaum zu verordnen». «Wir wenden uns an die Polizei, wenn ein konkretes Bedrohungsszenario vorliegt», sagt Sofuoglu. Direkte Drohungen an die TGD kämen aber eher selten vor. Bisher habe der Verband noch keine Strafanzeige gestellt.

Dass er 2016 am Rande der offiziellen Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden von Pegida-Gründer Lutz Bachmann «empfangen» wurde, der ihn quer durch den Bahnhof verfolgte, ist eine Erinnerung, auf die Mazyek gut verzichten könnte. Er findet, die Polizei hätte in der aufgeheizten Stimmung damals direkt auf dem Gleis präsent sein müssen.

Beim Zentralrat der Muslime gehen laut Mazyek jede Woche Hunderte von Beschimpfungen ein. Der Verband erstattet pro Woche durchschnittlich ein bis drei Anzeigen. Vieles verlaufe im Sande, sagt der Vorsitzende. Die Staatsanwaltschaft Leipzig stellte am 29. September dieses Jahres ein Ermittlungsverfahren wegen Volksverhetzung gegen einen Twitter-User ein, der nicht nur schrieb, Mazyek müsse «vernichtet» werden, sondern auch noch zur Vergewaltigung einer Grünen-Politikerin aufrief.

Zur Begründung führt die Staatsanwaltschaft an, gegen den Beschuldigten seien bereits «wegen einer Vielzahl von ehrverletzenden Äußerungen» bei Twitter «empfindliche Geldstrafen» ausgesprochen worden. Die Strafe, die wegen der angezeigten Äußerungen zu Mazyek verhängt werden könnte, «fiele daneben voraussichtlich nicht beträchtlich ins Gewicht». (dpa)

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.