Krieg aus zweiter Reihe - Die Deutschen, die Nato und Afghanistan

04.07.2016

Vom längsten, größten und teuersten Einsatz seit Jahrzehnten zur kleinen Beratertruppe: Wieviel Sinn macht die neue Nato-Mission in Afghanistan, das nun wieder im Krieg versinkt? Und was machen die Deutschen da eigentlich? Ein Besuch vor dem Warschauer Nato-Gipfel. Von Christine-Felice Röhrs

Der Helikopter starten am frühen Morgen. Die Männer tragen Waffen, Helme und schwere Schutzwesten. Sie sehen aus, als ob sie in den Krieg ziehen. 50 Minuten dauert der Flug. Die Heckklappe bleibt offen. Ein Schütze hockt auf der Rampe und schaut wachsam nach unten. Dann Landung in einem Wirbel aus Staub undvertrocknetem Gras - fast drei Jahre nach Abzug der Bundeswehr aus ihrem Feldlager sind wieder deutsche Soldaten in Kundus, Nordafghanistan. Dies war jüngst Schauplatz von einigen der schwersten Kämpfe mit den radikalislamischen Taliban.

Aber die Männer ziehen nicht in den Krieg. Oder anders: Es ist nicht ihr Krieg. Es ist der der Afghanen, denn die Nato kämpft seit Ende 2014 nicht mehr in Afghanistan. Die Männer sind Berater: Mitglieder der neuen Nato-Mission für Afghanistan. «Resolute Support» heißt sie, Entschlossene Unterstützung - wobei sich viele nach 18 Monaten Entschlossenheit fragen, ob das reicht, um Frieden zu bringen.

Denn Afghanistan versinkt wieder im Krieg. Fast 120.000 Menschen sind in den ersten vier Monaten des Jahres vor Kämpfen geflohen. Mehr als 20.000 Polizisten sind 2015 gestorben oder wurden verletzt.

Nachdem die Taliban im Herbst Kundus-Stadt eroberten - wenn auch nur für zwei Wochen - und zum ersten Mal seit 2001 wieder eine Provinzhauptstadt in ihrer Gewalt hatten, reichte es. Der Fall von Kundus, ehemals deutsches Einflussgebiet, war ein Trauma, das sich nicht wiederholen sollte. Seit März fliegen die deutschen Soldaten nun regelmäßig vom letzten großen Lager in Masar-i-Scharif rüber ins umkämpfte Kundus. Es ist hart an der Grenze ihres Mandats.

Denn während die Vorgänger-Mission ISAF spätestens ab 2010 Berater auf allen Ebenen hatte, soll Resolute Support nur noch auf Korps-Ebene beraten - auf der höchsten also. Das 209. Korps, das den Norden beschützen soll, sitzt aber in Masar-i-Scharif.

In Kundus steht die 20. Division - eine Ebene unter Korps. Und sehr viel näher an der Front. Um die Beratung zu ermöglichen, musste die Division zum «vorgeschobenen Kommando-Element» des 209. Korps erklärt werden. Es ist ein erster Vorgeschmack auf die Probleme dieser Mission.

Mit dem Teamchef, Oberst Axel Hermeling, beraten in Kundus nun sechs Bundeswehrsoldaten einen Stab, der rund 7.000 Soldaten in drei Provinzen führt. Mindestens einer in diesem Stab kann nicht lesen und schreiben. Die Zahl der Probleme ist so groß, dass Hermeling sagt, er bräuchte eigentlich doppelt so viele Berater.

Aber das gibt die Mission nicht her. Denn mit Resolute Support ist einer der größten, teuersten und längsten Nato-Einsätze von zeitweilig mehr als 130.000 Soldaten aus mehr als 50 Ländern auf eine Beratertruppe von etwa 650 Mann zusammengeschrumpft. Rund 40 davon stellen die Deutschen, 32 davon im Norden; alle anderen Soldaten im bis zu 980 Mann umfassenden deutschen Einsatz sind Helfer und Verwalter.

Morgenlage im Camp Pamir. Hermeling, ein hochgewachsener Mittfünziger mit grauem Bürstenschnitt, seine fünf Berater und zwei Leibwächter pro Person, gehen zu einer Betonbaracke, darin schiefe Bürostühle, durchgesessene braue Samtsofas und ein langer Tisch. Dies ist das Taktische Operationszentrum für den Kampf gegen die Taliban. Das allmorgendliche Treffen bringt erstmals die Chefs von Polizei, Geheimdienst und Armee zusammen. Vorher hatte es so gut wie keine Zusammenarbeit gegeben. «Eine unserer Beratungsleistungen», sagt Hermeling.

Der afghanische Kommandeur der Division hat nur drei Stunden geschlafen. In der Nacht gab es Gefechte. Zwei Soldaten sind tot. Die Taliban haben Stellungen in Dörfern ausgehoben. Sie sollen einen Angriff im Bezirk Chanabad planen. Später wird der Kommandeur sich stundenlang mit Hermeling beraten.

«Ich muss höllisch aufpassen, dass ich nicht auf der anderen Seite des Mandats lande», sagt der. «Ich darf den Afghanen zum Beispiel nicht den Operationsplan aufschreiben - aber genau das wollen sie von mir.» Es ist ein ständiges Tauziehen mit den Afghanen, die mehr wollen von der Nato als nur Tipps.

Hermeling sieht große Wissenslücken. Seitdem die Deutschen Ende 2013 abgezogen sind, gab es in Kundus keine Unterstützung mehr. Eines der Hauptprobleme der schwer demotivierten afghanischen Streitkräfte ist mangelnde Offensive. Tauchen die Taliban auf, wird gekämpft, tauchen sie nicht auf - nichts.

Die RS-Berater drängen die Afghanen, die Taliban aktiv unter Druck zu setzen. Jeden Tag kleine Operation – in Kundus hilft das. Ein wenig. Ein Bundeswehr-Offizier beschreibt es so: «Die Armee kann wesentliche Bevölkerungszentren und die Autobahnen freihalten. In den ländlichen Gebieten müssen Abstriche gemacht werden.» 

Ein anderes Problem ist die sogenannte Abnutzungsrate. Aus Sicherheitskreisen heißt es, dass die Armee im Jahr rund 55.000 Mann verliert. Rekrutierung fängt das gerade so auf, aber wachsen können die Streitkräfte so nicht. Ihr fehlen aber 20.000 Soldaten.

Das liegt auch an der «fürchterlich schlechten Führung», wie es ein RS-Berater ausdrückt. Es sind nicht nur die Taliban, die die Armee dezimieren. Die Armee dezimiert sich selber. Statistiken aus dem Mai zeigen es deutlich: 177 Soldaten starben in Gefechten - aber 3.286 hauten einfach ab. Gründe: Gehalt kam nicht, Essen war schlecht, es gab keinen Urlaub, oder der Kommandeur hatte seinen Soldaten das Gefühl gegeben, Kanonenfutter zu sein.

In Kabul helfen Nato-Berater unter Leitung eines deutschen Generals, einen Kommandeurslehrgang aufzubauen. Für bessere Führung, um Soldaten besser an ihre Armee zu binden. Um die «Abnutzungsrate» herunterzubekommen. Um Wissen zu halten.

In Kundus muss verlorenes Wissen wieder aufgebaut werden. Es ist eine lange Liste. Nach der Morgenlage schwärmen die Berater zu den afghanischen Kollegen aus, der Logistikberater zum Logistiker, der Geheimdienstberater zum Geheimdienstler. Trainings werden vereinbart.

Sie sind kurz. Es ist nicht sicher, wieviel davon wirklich weiter unten ankommt, dort, wo die Soldaten kämpfen. Themen: Wie bei Luftunterstützung nicht danebenschießen, welche Bremsklötze in den Humvee einbauen, wie das Formblatt zur Munitionsanforderung ausfüllen. Einiges, wie «Auffrischung Kartenlesen», liest sich wie Soldatsein für Anfänger. Als habe es die teure, lange Vorgängermission ISAF nie gegeben.

Der deutsche Inspekteur des Heeres, Jörg Vollmer, hat neulich Masar-i-Scharif besucht und gefragt: Kann mir mal einer sagen, wieso wie hier immer wieder von vorne anfangen?

RS-Berater erklären es so: Ja, vieles von dem, was RS jetzt mache, habe schon ISAF bis Ende 2014 gemacht, aber: Unter ISAF hätten die Berater eben die Afghanen «nicht immer mitgenommen». Hätten ihnen vieles abgenommen. Das sei jetzt - gezwungenermaßen - anders. Nicht mehr genug Hände da zum Abnehmen. Oberst Hermeling in Kundus sagt, dass außerdem viel Wissen durch Personalwechsel verloren gegangen sei. Dutzende Generäle sind jüngst zwangspensioniert worden, Kommandeure wurden wegen Inkompetenz ausgetauscht. «Wenn die Führungsebene einmal ausgetauscht ist, bleibt es auch hängen», sagt Hermeling. «Es ist eben eine Zeitfrage.»

Mehr Zeit ist das Mantra vieler RS-Berater. Andere sagen: Wir sind zu früh gegangen. «Die Notwendigkeit, sich wieder breiter zu engagieren, wird eindeutig gesehen», sagt ein hochrangiger deutscher Offizier.

Mehr Zeit, mehr Personal, kein weiterer Truppenabzug - das sei der Schlüssel zum Erfolg. Aber das gebe das Mandat eben nicht her. Das Mandat könnte sich allerdings ändern. Beim Nato-Gipfel in Warschau am 8. und 9. Juli steht auch die Zukunft von Resolute Support auf dem Programm.

Ein Konflikt, den die Welt heute in der zweiten Reihe sieht, hinter den Krisen in Syrien, dem Irak oder mit Russland, drängt sich doch immer wieder in den Vordergrund, auch wegen der Menschen, die vor ihm nach Europa fliehen. In den USA haben Diplomaten und Militärs Druck gemacht gegen einen weiteren Truppenabzug; die USA hatten eigentlich zum Jahresende von rund 10.000 auf 5.500 Soldaten reduzieren wollen.

Ein Geheimbericht des neuen Nato- und US-Kommandeurs in Afghanistan, John Nicholson, soll empfohlen haben, mehr RS-Berater einzustellen. Die USA gelten als Leitnation für den militärischen Einsatz in Afghanistan. «Was die USA entscheiden, wird Auswirkungen haben auf uns», sagt ein deutscher Offizier. Er klingt hoffnungsfroh. (dpa)

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