Konfliktforscher Andreas Zick: Muslime in Deutschland nach Terroranschlägen nicht unter Generalverdacht stellen

01.07.2016

Der Konfliktforscher Andreas Zick fordert nach den Terroranschlägen in Istanbul mehr Prävention gegen die Radikalisierung von Muslimen. Mehr Vorbeugung zu betreiben und gute Präventionsnetze zu stärken, sei auch deshalb nötig, weil die Forschung zeige, wie schnell Radikalisierungen verliefen, sagte Zick in Bielefeld. «Die angesprochenen Jugendlichen werden immer jünger und die Rekrutierung wird immer professioneller.»

Schulen, Vereine und Verbände können laut Zick eine Menge für die Prävention tun. Sie sollten Jugendliche besser einbinden, erklärte der Wissenschaftler. Auch muslimische Vereine und Verbände könnten sich hier engagieren, sollten sich aber Partner in der Zivilgesellschaft suchen. Es gebe bereits Vereinbarungen der Deutschen Islamkonferenz und der Verbände. Das reiche allein jedoch nicht aus. Die meisten jungen Dschihadisten radikalisierten sich nicht in der Familie oder Moschee. Extremismus suche sich andere Nischen im sozialen Raum. «Da muss man rein und dort muss man Netze schaffen», sagte Zick.

Auch wenn Terroristen zum Teil Fluchtwege nutzten, um einzureisen, dürften Flüchtlinge und Muslime in Deutschland nicht unter Generalverdacht gestellt werden, warnte Zick. «Gerade Flüchtlinge wissen, wie real und gefährlich Terror ist und sie können wertvolle Hinweise über Terrorstrukturen geben», sagte der Konfliktforscher. Sie des Terrors zu verdächtigen, sei geradezu zynisch.

Terrorprävention brauche einen klaren Blick auf Terrorstrukturen und ihre Pläne, erklärte der Wissenschaftler. «Um einen Terroranschlag zu verstehen, hilft der Blick auf die Religion wenig.» Terroropfer Nummer eins seien zudem weiterhin Muslime, sagte Zick. Studien zufolge hätten Asylsuchende und Muslime mindestens so starke Angst vor Terror wie Einheimische in Deutschland. Mit Verdächtigungen und Islamfeindlichkeit werde eher die Distanzierung junger Muslime vom Terror behindert.

Terroranschläge wie in Istanbul hält Zick auch in Deutschland für möglich. «Die Sorge vor Terroranschlägen ist berechtigt, weil der sogenannte IS zunehmend zu Anschlägen in Europa aufruft», sagte der Wissenschaftler. Die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) stehe unter Druck, «das macht ihn schwerer berechenbar».

Der Bielefelder Wissenschaftler Zick wird am Montag in Mainz für die engagierte Vermittlung von Forschungen zu Konflikten, Gewalt und Diskriminierung mit dem mit 50.000 Euro dotierten Communicator-Preis der Deutschen Forschungsgesellschaft (DFG) ausgezeichnet. (epd)

Lesen Sie hierzu auch das Interview mit dem französischen Extremismus-Forscher Olivier Roy: "Radikalisierung ist keine Folge gescheiterter Integration"

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.