Kaschmir - auf des Messers Schneide

23.08.2019

Unter dem "Dach der Welt" am Himalaya wird wieder geschossen. Im neu aufgeflammten Kaschmir-Konflikt stehen sich nicht nur Indien und Pakistan gegenüber. Auch China, das in der Region kleinere Gebiete hält, verfolgt wegen der geplanten Wiederbelebung der Seidenstraße eigene Interessen. Zwischen den Fronten steht die kleine Minorität der Christen.

Seit Anfang August tickt die alte Zeitbombe Kaschmir wieder vernehmlich lauter. Der Konflikt geht - wie auch in Palästina und Zypern - nicht zuletzt auf Sünden der britischen Kolonialherrschaft zurück. "Jammu und Kaschmir" ist ein Kunststaat, den die Engländer 1846 geschaffen haben. Nach ihrer bewährten Taktik - Juden gegen Araber, Griechen gegen Türken - machten sie seinerzeit einen Hindu zum Maharadscha des mehrheitlich islamischen Landes.

Als daher 1947 bei der Teilung von Britisch-Indien in die hinduistische geprägte Indische Union und das muslimisch dominierte Pakistan Randstaaten eigenständig blieben, war Kaschmir mit seinen damals 4,2 Millionen Einwohnern nicht so lebensfähig wie Ceylon (Sri Lanka) und Burma (Myanmar). Pakistanische Stammeskrieger fielen in Kaschmir ein und marschierten unaufhaltsam Richtung Haupt- und Handelsstadt Srinagar. Der letzte Maharadscha Hari Singh (1925-1952) suchte daher in der Vereinigung mit Indien Rettung.

Seitdem haben Islamabad und Delhi um Kaschmir schon drei Kriege (1949;1965;1971/72) geführt; ein vierter Waffengang scheint jetzt in den Bereich des Möglichen zu rücken. Die vom UN-Sicherheitsrat 1948 geforderte Volksabstimmung über den Beitritt Kaschmirs zu Indien oder Pakistan hat bis heute nicht stattgefunden, wofür Indien und Pakistan ihre jeweils eigenen Interessen ins Feld führen.

Anlass für den aktuellen Konflikt ist die Streichung der Autonomie, die Srinagar seit seinem Anschluss mehrmals verbrieft wurde, aus der indischen Verfassung. Indien ist heute nicht mehr der tolerante, multireligiöse Staat, mit dem sich Kaschmir seinerzeit vereinigt hatte. Fanatische nationalistische Hindus haben den Geist eines Mahatma Gandhi in zwei großen Schüben ausgelöscht, vor 50 Jahren und derzeit wieder: Narendra Modi (68), seit Mai 2014 Indiens Premier, fühlte sich nach dem Erfolg seiner hindunationalistischen Bharatiya Janata Party (BJP), die bei der Parlamentswahl im Frühjahr 303 der 543 Wahlkreise gewann, stark genug, den Kaschmiris ihre Selbstverwaltung zu nehmen.

Modi begründete das Vorgehen mit der Narrenfreiheit, die den pro-pakistanischen Muslim-Separatisten der "Armee Mohammeds" (Dschaisch-e-Mohammad) unter der Autonomie im Bundesstaat Jammu und Kaschmir gewährt werde. Die Autonomieverfechter in Srinagar weisen hingegen darauf hin, dass Delhi Kaschmir ohnedies schon fest genug im Griff habe: Nahezu der ganze Polizeiapparat und die Beamtenschaft setzen sich fast lückenlos aus Hindus zusammen. Wenn Modi jetzt behauptet, dass die Aufhebung der Autonomie der Korruption und Schläfrigkeiten in der Verwaltung ein Ende setzen soll, bezichtigt er damit seine eigenen Leute. 

An der Aufhebung von Kaschmirs Selbstverwaltung entzündete sich am 5. August der akute Konflikt. Er schwelt seitdem von anfänglich nur diplomatischen Protesten bis hin zu den schweren Feuergefechten am 17. und 19. August weiter. Die ersten Toten sind zu beklagen. Dazwischen hat Indien durch eine - inzwischen etwas gelockerte - Abschaltung des Stroms und Unterbrechung aller Kommunikationswege versucht, in Kaschmir für Ruhe zu sorgen.

Pakistan kappte die ohnedies erst 2005 eingerichteten direkten Bahn- und Busverbindungen nach Indien. Die Maßnahmen können aber leidenschaftliche anti-indische Demonstrationen nicht verhindern. Diese halten mit vielen Verletzten weiter an. Nach Berichten aus Srinagar werden potenzielle Gegner Modis zu Tausenden ohne Haftbefehl festgenommen und per Flugzeug in indische Gefängnissen verbracht. Dort können sie laut geltendem Recht bis zu zwei Jahre festgehalten werden, ohne dass man sie einem Richter vorführt. 

Von einer "gespenstischen Stille" in Kaschmir, sprach jüngst Bischof Ivan Pereira, der Oberhirte der indischen Diözese Jammu-Srinagar. Er habe nur wenige Informationen aus Kaschmir. Aber nach seinen bisherigen Informationen richteten sich die Aktionen der indischen Soldaten nicht gegen die christliche Minderheit. Für Kaschmirs Christen bedeutet das Ende der Selbstverwaltung ein zweischneidiges Schwert. Einerseits wird damit radikalen Muslim-Instanzen die Zuständigkeit für christenfeindliche Beschlüsse entzogen.

Noch unvergessen ist die Ausweisung eines katholischen Priesters und zweier evangelischer Pastoren samt ihren Frauen Anfang 2012 durch einen Scharia-Gerichtshof, weil sie "Unruhe geschürt" hätten. Zusätzlich ließ der Großmufti von Jammu und Kaschmir, Nasser ul-Islam, alle christlichen Schulen unter "Beobachtung" stellen. Die "Times of India" schrieb damals: "Kaschmirs Eiferer bedrängen Christen im Tal der Angst". Andererseits hat sich im Volksglauben die Legende erhalten, Jesus habe die Kreuzigung überlebt und in Kaschmir weitergewirkt. An der muslimischen Basis hatte das eine gewisse Christenfreundlichkeit zur Folge.

Jedenfalls ging es den Christen in Indien 2012 besser als der kleinen Schar ihrer nur wenige Hundert zählenden Glaubensgeschwister in Kaschmir. Doch nun hat Premier Modi schon im April zum Start des diesjährigen Wahlkampfs eine Aufhebung der durch die Autonomie von Srinagar gewährten Sonderrechte von Muslimen und Christen für den Fall seines Sieges in Aussicht gestellt.

Die jetzige Krise war also durchaus vorprogrammiert. Zwar wurden im Rahmen des aus Delhi über Kaschmir verhängten Ausnahmezustands noch keine Maßnahmen gegen die evangelischen und katholischen Gemeinden ergriffen. Doch bleiben die christlichen Schulen "vorerst" geschlossen. 

Unterdessen rührt vor allem Pakistan immer lauter die Kriegstrommel. Armeesprecher Asef Ghafur droht mit "eindrucksvoller militärischer Reaktion". Premier Imran Khan (66), seit August 2018 im Amt, beschwor aus Muzaffarabad im pakistanischen Teil von Kaschmir einen "Kampf bis ans Ende". Angesichts solcher Drohungen hat Indien zusätzlich 80.000 Soldaten in seinen Landesteil verlegt. Da beide Kontrahenten über Nuklearwaffen verfügen, verheißt das nichts Gutes. (KNA)

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