Jenseits von Bethlehems Stall - Palästinensische Tierschützer setzen sich für das Wohl der Esel ein

22.12.2018

Keine Krippenszene ohne Esel - dabei kommt er in der biblischen Weihnachtsgeschichte gar nicht vor. Ein beliebtes Lasttier aber war er zu Jesu Zeiten genauso wie heute. Tierarzt Doktor Jusef kümmert sich um Esel im Heiligen Land. Von Susanne Knaul

Kaum erreicht der Geländewagen das Kisan-Dorf der Rascheideh-Beduinen südlich von Bethlehem, kommen schon Dutzende Kinder gelaufen, um die Besucher zu begrüßen. Die Beduinen kennen das silbergraue, zerbeulte Auto gut, mit dem Tierarzt Jusef Mussallem, Ibrahim Odeh und sein Kollege Imad Atrasch von der «Palästinensischen Wildtier-Gesellschaft» regelmäßig ins Dorf kommen. «Doktor Jusef» gilt als Freund der Beduinen. Er behandelt die Tiere umsonst.

Besonders am Herzen liegen Mussallem, Odeh und Atrasch die Esel. Noch immer weit verbreitet, sagt Atrasch, sei der Irrglauben, die Grautiere hätten keine Gefühle: «Für die meisten ist der Esel ein reines Arbeitsinstrument, er wird für Transporte benutzt und geschlagen.» Manchmal, so fügt Atrasch an, benutzten die Leute bis heute noch Brandeisen, um die Tiere als ihr Eigentum zu markieren.

Im Kisan-Dorf führt ein Mann einen völlig abgemagerten weißgrauen Esel schwer humpelnd heran. Mussallem gibt ihm ein Zeichen, stehenzubleiben. Der Arzt schlüpft in seinen Kittel, zieht sich ein Paar Gummihandschuhe an und geht dem sichtbar leidenden Tier entgegen. Ein Blick auf den entstellten Vorderfuß reicht ihm für seine Diagnose. «Das Bein ist gebrochen.» Er schüttelt den Kopf. «Da ist nichts zu machen. So etwas ist bei Eseln ein Todesurteil.» Das Tier muss eingeschläfert werden.

Zweimal pro Woche machen sich die drei Freunde auf, um Eseln in Not Beistand zu leisten. Aufklärung über die Tierhaltung steht auf ihrem Programm. Zwischen 1.500 bis 2.000 Esel gehören zu ihrem Einzugsbereich, das von Bethlehem bis nach Jericho und Hebron reicht und zehn winzige bis mittelgroße Dörfer umfasst.

«Am Anfang haben sie uns verspottet», berichtet Atrasch. «Sie riefen: 'Oh, hier kommt endlich mal jemand, der unseren Esel nach seinem Befinden fragt.' Es war witzig für sie.» Seit zehn Jahren ist er Leiter der «Wildtier-Gesellschaft». Der studierte Ornithologe mit schütterem Haar trägt einen dunkelblauen Pullunder, Jeans und Leinenschuhe. «Wer sich um einen Esel kümmert, ist selbst ein Esel», hieß es damals. Inzwischen habe sich die Einstellung der Leute aber verändert.

«Doktor Jusef», ruft ein Mann und führt einen Esel mit dichtem braunen Fell an der Leine. «Sieh dir seinen Fuß an», bittet er und deutet auf den rechten Vorderfuß des Tieres, an dem eine schlimme Wunde klafft. Mussallem beginnt, das Bein mit Wasserstoffperoxid zu reinigen. Anschließend entfernt er die tote Haut und versorgt das Bein mit einem grünen antibiotischen Spray.

Dann erklärt er dem Besitzer des Tieres, wie er die Wunde in den kommenden Wochen behandeln muss, und er lässt ihm ein Antibiotikum da, das er dem Esel spritzen muss. «Wir werden in ein paar Tagen anrufen, um herauszufinden, ob es dem Esel besser geht.» Sollte es eine Verschlechterung geben, sagt er, kommt Mussallem noch einmal extra in das Dorf.

Grund für die Verletzung war die dünne Wäscheleine, mit der der Beduine das Tier am Bein angebunden hatte. Das Seil hatte sich in die Haut geschnitten, und in der Wunde, die viel zu lange unbehandelt blieb, setzten sich Parasiten fest. Die Tierschützer verteilen gepolsterte Bänder mit Klettverschluss unter die Leute im Dorf und zeigen, wie man sie an den Halftern und an den Stricken befestigt, um so Verletzungen an Kopf und Beinen der Tiere zu vermeiden.

Ibrahim Odeh ist für die pädagogische Arbeit der Tierschutzorganisation zuständig. «Wir fangen im Kindergarten an», sagt er. In der Kleinstadt Beit Sachur gibt es eigens ein Tiergehege dafür. «Wer sich um seine Tiere kümmert, der tut auch keinem Menschen Leid an», ist die Devise. Den Erwachsenen erklärt Odeh in Workshops, wie sie mit den Tieren umgehen müssen, welches Futter gut für die Esel ist und wie viel Wasser sie brauchen. Er erklärt ihnen, wie wichtig Pausen an langen Arbeitstagen sind und wie artgerechte Unterbringung aussieht.

Kisan gehört zu den privilegiertesten Beduinendörfern, denn hier gibt es fließend Wasser und viele Häuser haben Strom. Per Jeep geht es weiter über holprige Straßen bis tief in die Wüste, wo die Zelte und provisorischen Hütten der Beduinen oft in großen Abständen voneinander entfernt liegen. Ziel ist ein Esel, der vor gut einem Monat von einem Wolf angegriffen wurde.

«Er war schon halbtot, als wir kamen», berichtet Atrasch, inzwischen ist von den Wunden nichts mehr zu sehen. Das Tier ist noch immer sehr verängstigt, und Mussallem hat Mühe, den Esel festzuhalten, damit ihm sein Besitzer ein gepolstertes Band um den Fuß legen kann.

Die drei Tierschützer sind sich bewusst darüber, dass die Tiere dort besonders leiden, wo es auch den Menschen nicht gutgeht. «Das Leben der Beduinen ist hart», sagt Atrasch. «Aber früher hatten sie immer einen Stock oder Strick, um die Tiere zu schlagen, inzwischen wissen, sie, dass ein Klaps mit der bloßen Hand schon ausreicht.» Das nächste große Ziel der Tierschützer: ein Gesetz, das die Strafverfolgung von Tierquälern vorsieht. (epd)

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