Isolierte Ditib kündigt Neustart an - Skepsis und warnende Worte

14.01.2019

Der umstrittene Islam-Verband Ditib will einen Neuanfang. Und räumt Fehler ein. Ungewöhnliche Klänge aus Köln. Echte Kehrtwende oder nur ein Manöver? Aus Sicht vieler Experten scheint die Sache klar. Von Yuriko Wahl-Immel

Es ist ein Werben um Vertrauen in Zeiten zunehmender Isolation. Die umstrittene Ditib, größte Islam-Organisation in Deutschland, kündigt überraschend einen Neustart an. Von «ungerechtfertigten Angriffen» spricht die Türkisch-Islamische Union, aber auch «zum Teil berechtigter Kritik an der Ditib» und eigenen «Versäumnissen». Das sind neue Töne vom Bundesverband in Köln, der bisher nicht durch Selbstzweifel aufgefallen ist. Sondern durch Abschottung, spitzelnde Imame, Abhängigkeit von der Regierung in Ankara und ihrer Religionsbehörde Diyanet und durch mancherorts nationalistische Äußerungen. 

Zeichnet sich eine echte Kehrtwende ab? Man wolle künftig einen «intensiveren Austausch mit Partnern aus Politik, Gesellschaft und Presse pflegen», ließ die Ditib vor wenigen Tagen wissen. Just, als sie wieder einmal unter Druck geraten war - diesmal wegen einer internationalen Islamkonferenz auch mit Beteiligung einiger Vertreter der radikalen Muslimbruderschaft. Die Reaktionen fallen nun skeptisch, misstrauisch, warnend aus. Die Gräben sind tief.

Die Politik in Bund und Ländern ist schon vor längerem auf Distanz gegangen. Der Bund fördert keine Ditib-Projekte mehr. In NRW liegt die Zusammenarbeit auf Eis. Seit dem Putschversuch in der Türkei 2016 steht die Ditib als verlängerter Arm von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in der Kritik. Trotz nachdrücklicher Aufforderung hierzulande von allen Seiten, die politische Einflussnahme aus der Türkei zu stoppen, hatte Erdogan unlängst offiziell die Kölner Ditib-Zentralmoschee eröffnet - für viele eine Provokation.

Ein neu gewählter Ditib-Vorstand soll es jetzt richten, «Debatten entschärfen» und einen Neuanfang einleiten. Aber: Unter dem Spitzenpersonal sind auch altbekannte türkische Beamte, erläutert Islamexpertin Susanne Schröter. Der Vorsitzende Kazim Türkmen sei Botschaftsrat, Vize Ahmet Dilek Religionsattaché, Generalsekretär Abdurrahman Atasoy ein Imam der Diyanet. Sie waren vorher schon mal Ditib-Vorstandsmitglieder. Gewählt wurde hinter verschlossenen Türen, die Mehrheit der wahlberechtigten Delegierten habe man «direkt aus der Türkei eingeflogen», sagt Schröter, die Leiterin des Forschungszentrums Globaler Islam an der Uni Frankfurt.

Jörn Thielmann, Geschäftsführer des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa, glaubt: «Es hat sich bei der Ditib wohl die Einsicht durchgesetzt, dass sie sich bewegen muss, weil es mit ihrer früher mal privilegierten Position längst vorbei ist.» Auch bei anderen Islamverbänden ende offenbar die Geduld mit der Ditib.

Thielmann stellt klar: Wenn es dem Ditib-Zentralverband ernst sei mit einem Aufbruch, müsse er die Satzungen auf allen Ebenen ändern. In diesen seien Zugriffs- und Kontrollmöglichkeit durch Diyanet und türkische Regierung fest verankert. «Mit einer Erklärung und der Wahl eines Vorstands ist noch kein Schritt für einen Neuanfang getan.»

Sogar das Gegenteil einer Loslösung von Ankara deute sich an.  Denn ein Ergebnis der jüngsten Kölner Islamkonferenz ist die Gründung eines Gremiums bei der Diyanet, das nun alle zwei Jahre ein Treffen der europäischen Muslime organisiert. Thielmann: «Die Diyanet versucht, über die Ditib in Köln gesamteuropäisch ein Bein auf den Boden zu bekommen, möglichst auch bei nicht-türkischen Muslimen.» Die Kölner Konferenz spricht sich einem Abschlusspapier zudem gegen eine Moscheesteuer aus und wendet sich gegen einen «deutschen Islam» und einen «europäischen Islam».

Warnende Worte kommen vom Grünen-Bundestagsabgeordneten Cem Özdemir. Ankara versuche, den Islam in Deutschland stärker unter seine Kontrolle zu bringen, und Erdogan strecke seinen Arm immer weiter nach Europa aus, warnt er in «Stuttgarter Nachrichten» und «Stuttgarter Zeitung». Diyanet und Ditib wollen ein Gegengewicht zur

Deutschen Islamkonferenz von Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) schaffen, meint Schröter. Eine Prüfung, ob der Verfassungsschutz die Ditib beobachten soll, läuft.

Das Echo aus NRW, wo besonders viele Muslime leben, ist äußerst verhalten. Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) spricht von einigen Ditib-Gemeinden, die verzweifelt über das Agieren des Bundesverbands seien. «Es wird zu Abspaltungen kommen.» Einige der gut 900 Ditib-Moscheegemeinden fordern Reformen, interne Kritiker sollen aber abberufen worden sein oder warfen das Handtuch. Der Religionspolitik-Lehrbeauftragte der Uni Bochum, Volker Beck, fasst im «Kölner Stadt-Anzeiger» wenig optimistisch zusammen: «Von Neuorientierung und Aufarbeitung keine Spur.»  (dpa)

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