Islamwissenschaftler Mathias Rohe: Fall Özil ist ein "Desaster"

24.07.2018

Der Direktor des Erlanger Zentrums für Islam und Recht in Europa (EZIRE), Mathias Rohe, hat den Fall des Fußballers Mesut Özil als "Desaster" bezeichnet. Im Interview der "Nürnberger Nachrichten" (Dienstag) kritisierte er das Verhalten des ehemaligen Nationalspielers, aber auch des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) scharf. Wenn Özil sage, mit dem Erdogan-Foto respektiere er die Tradition seiner Familie, dann unterstelle er Menschen mit türkischer Abstammung, die ein solches Bild nicht gemacht hätten, dass sie ihre Wurzeln nicht respektierten. "Das finde ich reichlich daneben."

Der Rücktritt Özils aus der deutschen Nationalmannschaft hatte eine Debatte über Rassismus und Integration ausgelöst. Als Begründung nannte der Fußballer in einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung Anfeindungen, nachdem er im Frühjahr mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan fotografiert worden war.

Özil habe sich durch seine Rundumschläge unmöglich gemacht, so Rohe weiter. "Aber man muss auch ehrlich sagen: Das Krisenmanagement des DFB ist unter aller Kanone." Hier seien jetzt auch Rücktritte fällig. Und: Der Fall habe Auswirkungen. "Ich weiß zum Beispiel von jungen Türken, die überhaupt keine Erdogan-Fans sind, sich aber durch die überscharfen Angriffe auf Özil persönlich angegriffen fühlen", sagte der Jurist und Islamwissenschaftler.

Rohe warnte aber davor, den Fall bei der Frage nach dem Gelingen von Integration zu hoch zu hängen. "Da ist ein junger Mann, der vielleicht auch ein bisschen dem Größenwahn anheimgefallen ist, wenn er sich jetzt mit der englischen Premierministerin und der Queen vergleicht, die ja auch mit Politikern wie Erdogan sprechen würden."

Das Problem sei, dass in der derzeitigen Situation durch solche Ereignisse gleich eine Grundlagendiskussion ausgelöst werde "nach dem Motto: Sind die Türken überhaupt integriert". Spannender sei die Frage, wieso Menschen, die lange in Deutschland lebten, einen Mann wie Erdogan wählten. "Die allermeisten unterstützen nicht etwa seine konkrete Politik, für viele ist er einer, der die Ehre der Türken rettet", so Rohe. (KNA)

Die Redaktion empfiehlt
Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare zu kürzen oder nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.