Islam-Theologe Harry Harun Behr: Koran muss weiterentwickelt werden

30.03.2015

Der islamische Religionspädagoge Harry Harun Behr hält den Islam für reformierbar. Es gebe durchaus islamische Traditionen, die Potenzial für eine neue Formulierung der theologischen Lehren böten, sagte der deutsche Muslim der evangelischen Monatszeitschrift «zeitzeichen» (April-Ausgabe). Diese Ressourcen müssten genutzt werden, um die Religion weiterzuentwickeln und einer politischen Ideologisierung des Islam entgegenzuwirken. Einige Machthaber in der islamischen Welt nutzten die Religion, um ihre Untergebenen gleichzuschalten. Die türkische Regierungspartei AKP etwa missbrauche den Islam, um sich politisch zu profilieren.

Da die bisherigen Auslegungen des Koran keinen Frieden gestiftet hätten, müsse die Schrift vor allem im Hinblick auf Gewalt kritisch und rational ausgelegt werden. Einige Theologen kämen mittlerweile zu dem Schluss, der Koran sei von Menschen gemacht. Die Schrift sei «nicht so etwas wie ein Endbahnhof des göttlichen Zuges», sondern müsse immer wieder neu erschlossen werden. «Der Islam dient dem Menschen und nicht umgekehrt», sagte der 53-jährige Professor für Islamische Religionslehre.

Der historische Kontext müsse bei der Auslegung des Korans grundsätzlich berücksichtigt werden. «Für mich enthält der Koran weniger Informationen über Gott als darüber, wie die Menschen ihrer Zeit Gott gesehen haben», sagte Behr. Die Handlungsmaximen der Schrift dürften nicht als allgemeingültige Regeln dargestellt werden, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, wie etwa den Antisemitismus zu befeuern. Das religiöse Gesetz Scharia sei nicht als Strafrecht zur Unterdrückung zu sehen, sondern als Lehre von Normen und Methoden.

Viele muslimische Eltern schickten ihre Kinder in den Islamunterricht, damit ihnen eine gute Arbeitsethik vermittelt werde und sie in der Schule Erfolg hätten.

Behr konvertierte mit 17 Jahren als Gastschüler in Indonesien zum Islam. Seit einem Jahr lehrt er an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main im Bereich Erziehungswissenschaften. Zu seinen Forschungsgebieten gehören die Fachdidaktik des islamischen Religionsunterrichts und Koranexegese. (epd)

Harun Behr im Interview.

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Leserkommentare zum Artikel: Islam-Theologe Harry Harun Behr: Koran muss weiterentwickelt werden

Gespeichert von Salim Spohr am

Um es kurz zu sagen: ich halte den Qantara-Artikel "Islam-Theologe Harry Harun Behr: Koran muß weiterentwickelt werden" für wenig hilfreich und von der Substanz des Vorgetragenen her grundsätzlich für in so krasser Weise unhaltbar, daß das ganze schon irgendwas von Komik hat.

Dem Muslim wird die Vorstellung, man könne und solle das, was der Menschheit vom Herrn der Welten geoffenbart wurde, verbessern oder "weiterentwickeln", nur als absurd erscheinen, weil der Koran, dessen Wirklichkeit im Klang seines Rezitiertwerdens besteht, ihm ein heiliges Vermächtnis von absoluter Vollkommenheit gilt, einem strahlenden sich um sich selbst drehenden Diamanten vergleichbar, der sein Licht der Welt einem inneren Prinzip folgend facettenartig aussendet, den Menschen zur Freude, Erbauung, Gnade, ein Geschenk des Barmherzigsten der Barmherzigen. Da ist kein Platz für einen Frickler und Schrauber, der wie ein Hausmeister in einer heruntergekommenen Heizungsanlage da irgendwas verbessern müßte.

Wenn es in indirekter Rede heißt, "einige Theologen" kämen "mittlerweile" zu dem Schluss, "der Koran sei von Menschen gemacht", dann suggeriert jenes "mittlerweile" die Annahme einer wissenschaftlichen Entwicklung, einer Tendenz, an deren Ende eine Ungeheuerlichkeit steht, die der Herr Behr aber nicht Manns genug ist, selbst zu vertreten, da er sie nur "einigen Theologen" unterstellt, wo doch Roß und Reiter genannt werden möchten. Da spricht Herr Behr wie ein abgebrühter Journalist, der seine Hörer mit "eingeweihten Kreisen" beeindruckt, die in der Regel nur Produkt seines Erfindungsreichtums sind.

Gehen wir von der indirekten Rede zu einem der raren wörtlichen Zitate des Koranverbesserers, dann tritt in einer Analyse des Wortlautes die Wahrheit ungeschminkt hervor. Originalton Behr: «Für mich enthält der Koran weniger Informationen über Gott als darüber, wie die Menschen ihrer Zeit Gott gesehen haben.» Auffällig hier zunächst das "für mich", es zeigt, daß der Herr hier nicht über den Koran, sondern über sich selbst spricht. Wir wollten hier aber recht eigentlich keine Aussage, in der der Herr Behr über den Herrn Behr spricht, sondern ein Statement zur Sache hören.

Und tun wir einmal so, als stünde im Text nicht jenes alles einschränkende "für mich", dann ist das Zweite, was an dem Satz auffällt, jenes "weniger … als", die elende Verschleimung nämlich eines Sachverhaltes, die auch "Graduierung von ursprünglich Striktem" heißen kann, Symptom eines der schwerwiegendsten geistigen Krankheiten unserer Zeit. Er sagt nicht, der Koran enthalte wesentlich keine Information über Gott, sondern über die Art, wie Menschen Gott gesehen haben, nein, das sagt er nicht. Vielmehr macht er aus diesem hier angedachten strikten Verhältnis ein bloß graduelles von mehr oder weniger. Er stellt sich so in die Reihe jener Erkenntnistheoretiker, die, als es mit der Erklärung des Auftretens von falschen Urteilen nicht gut fortwollte, damit begannen, statt von wahr und falsch nur noch von "mehr oder weniger adäquat" zu reden, um damit das ganze Thema aus dem Blick zu verlieren. Er steht in einer Reihe mit jenem Flugzeugwart, der die Schrauben des Fliegers nur "ein bißchen" andrehte, so daß das Flugzeug "mehr oder weniger" abstürzte und die Leute eben "ein bißchen" tot waren. Und ich frage: Muß es in der Wissenschaft denn wie bei jener Frau hinter der Wursttheke eines Lebensmittelgeschäftes in Röttgen bei Bonn zugehen, die mich jahrelang mit der Frage quälte: "Darf es auch etwas mehr sein?"!

Ad personam gesprochen, zeigt sich die handwerkliche Mangelhaftigkeit des Artikels oder, schlimmer noch, eine unlautere Absicht seines Autors an der Verwirrung, die er über die Person des Betroffenen und dessen fachliche Qualifikation stiftet: Spricht die Headline von ihm vollmundig als "Islam-Theologen", beschreibt der Artikel ihn zunächst als einen "islamischen Religionspädagogen" (wo man sich fragt, ob es so etwas wie einen "islamischen Pädagogen" aus logischen Gründen überhaupt geben könne). Dann ist er "Professor für Islamische Religionslehre". Später erfahren wir, daß Herr Behr seit einem Jahr an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main im Bereich Erziehungswissenschaften lehrt, zu dessen Forschungsgebieten die Fachdidaktik des islamischen Religionsunterrichts und Koranexegese gehören.

Scheint der Herr Behr als Pädagoge im Felde islamischer Erziehung doch ein Mann zu sein, der sich darum bekümmert, wie dieses Fach Kindern nahegebracht wird, so bleibt die Frage, ob er in Sachen des Islams an sich überhaupt qualifiziert ist, ungeklärt. Ist er schon der zweite Fall eines Pädagogen im Fachbereich Islamwissenschaft, der sich mit Eigenartigem öffentlich zu Wort meldet, scheinen Vertreter dieses Faches besonderen Gefahren ausgesetzt zu sein. – Könnte dies ein Anzeichen dafür sein, daß die ganze Disziplin vielleicht irgendwie schief gewickelt ist?

Gespeichert von Anonymous am

Könnte Herr Behr vielleicht die "Theologen" namentlich nennen, die der Meinung sind, dass der Koran "von Menschen gemacht" sei?

Falls diese Personen in der Realität existieren, dann wünsche ich jenen "Theologen" viel Erfolg in ihrer neuen Religion, denn aus islamischer Perspektive ist eine solche Aussage inakzeptabel und mit den islamischen Glaubensprinzipien definitiv nicht vereinbar.