Interview mit Kabir Helminski vom Mevlevi-Derwisch-Orden

Sufismus als Kraft der menschlichen Transformation

Der Amerikaner Kabir Helminski ist Mevlevi-Scheich und einer der bedeutendsten Sufi-Meister im Westen. Marian Brehmer hat sich mit ihm über die Herausforderungen des Sufismus in der Moderne und die Gefahren des religiösen Extremismus unterhalten.

Im vergangenen März haben Sie am ersten "World Sufi Forum" in Neu Delhi teilgenommen, einer internationalen Versammlung von und Sufi-Forschern und Gelehrten. Was stand im Mittelpunkt der Tagung?

Kabir Helminski: Das Sufi-Forum war ein historisches Ereignis an einem Ort, der für den Weltfrieden von Bedeutung ist: Indien. Hinter dem Forum stand die Idee, Sufis aus der ganzen Welt zusammenzubringen. Es gibt Sufis weltweit – allerdings kennt man sich zu wenig untereinander, sodass bisher kein gemeinschaftliches Solidaritätsgefühl unter Sufis existiert. Üblicherweise finden wir uns in kleinen Kreisen zusammen und nehmen uns dabei als Minderheit in der heutigen Welt wahr. Dabei gibt es Dutzende Millionen Sufis auf der ganzen Welt. Ich denke es ist wichtig für Sufis, sich zu kennen und voneinander zu lernen.

Was zeichnet einen Sufi aus?

Helminski: Streng genommen ist ein Sufi jemand, der sich einem Orden und einem Lehrer verschrieben hat. Wir können jedoch auch jene als "Sufi" bezeichnen, die sich in Sufi-Philosophie und -Lehre zuhause fühlen. Allein in Indien und Pakistan sind das hunderte Millionen. Die Zahl der Sufis, die heute den Sufi-Gepflogenheiten in organisierter Form folgen, lässt sich nur schätzen. Es gibt Statistiken aus Istanbul, wo im 19. Jahrhundert etwa zehn Prozent der Bevölkerung einem Sufi-Orden angehörten. Das bedeutet, dass praktisch jede Familie Mitglieder hatte die praktizierende Sufis waren.

Weshalb braucht es eine weltweite Allianz der Sufis?

Mitglieder des Tijanyya-Sufi-Ordens aus dem Senegal; Foto: DW/C. Dehn
"Es gibt Sufis weltweit – allerdings kennt man sich zu wenig untereinander, sodass bisher kein gemeinschaftliches Solidaritätsgefühl unter Sufis existiert": Mitglieder des Tijanyya-Sufi-Ordens aus dem Senegal

Helminski: In der islamischen Welt existieren heutzutage viel Formen von Propaganda und Fehlinformationen über den Sufismus. Diese Fehlinformationen sind durch Organisationen, die dem Salafismus, Wahhabismus und der Muslimbruderschaft nahe stehen, verbreitet worden. Diese Organisationen haben versucht, den Sufismus ins Abseits zu drängen und dabei das,was ihn ausmacht, verzerrt. Anhänger jener Gruppierungen verstehen selbst nicht, was Sufismus ist. Daher ist ihre Kritik imaginär und basiert auf Stereotypen, die sie selbst erfunden haben. Aus diesem Grund ist es heute besonders wichtig, dass Sufis die Werte und Ziele des Sufismus klarstellen. So bekämpfen sie die Fehlinformationen, die oft mit großen Finanzressourcen verbreitet wurden, und präsentieren den Sufismus als Herz des Islam, als Lehre und Weltsicht, die die Menschheit vereint und grundlegend zur Entwicklung des Menschen beiträgt.

Das Wort "Sufismus" wird mit vielen verschiedenen Traditionen und Praktiken assoziiert. Wie würden Sie "Sufismus" definieren?

Helminski: Sufismus beschreibt in erster Linie einen Prozess menschlicher Entwicklung, der mithilfe von göttlicher Gnade und Inspiration erfolgt. Der Sufismus sieht die menschliche Entwicklung als Kooperation zwischen Himmel und Erde, zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen. Aus Sufi-Sicht können wir unser volles menschliches Potenzial nur über ein höheres Bewusstsein und über spirituelle Liebe erreichen. Diese Botschaft ist universell, auch wenn Sprache und Praxis im Kern islamisch sind. Jedoch ist der Islam der Sufis kein engstirniger, sondern ein weitherziger Islam.

Als Scheich des Mevlevi-Ordens haben Sie auch aus den Werken Rūmīs übersetzt. Worin besteht die Bedeutung Rūmīs für den Sufismus?

Porträtbild Jalāl ad-Dīn Rūmīs; Quelle: privat
Wegbereiter des intellektuellen Sufismus: Viele der Ideen großer Mystiker wie Jalāl ad-Dīn Rūmī, Omar Chayyām oder Fariduddin Attar gelangten durch Kontakte zwischen der islamischen und der christlichen Welt nach Europa – sei es in den Kreuzfahrerstaaten, während der normannischen Epoche auf Sizilien oder auf der iberischen Halbinsel und beeinflussten mit ihren Vorstellungen namhafte Persönlichkeiten des Okzidents.

Helminski: Jalāl ad-Dīn Rūmī, über den viele Menschen mit islamischer Spiritualität in Berührung gekommen sind, ist ein gutes Beispiel für diesen weitherzigen Islam. Viele Menschen finden seine Botschaft universell und leicht annehmbar, da sie sich auf die positivsten Elemente im Menschen konzentriert, anstatt auf Sünde und Strafe, so wie es in den etablierten Religionen oft der Fall ist. Der Sufismus lehrt die Menschen, ihren Egoismus zu reduzieren, ihre Herzen zu reinigen und einen Beitrag zu Frieden und Allgemeinwohl zu leisten. In Rūmī finden wir eine kreative Intelligenz, die im Kontext der koranischen Offenbarung operiert, sich aber mit einer außergewöhnlichen Kreativität und Freiheit ausdrückt. Über Jahrhunderte hinweg ist der Islam mehr und mehr dogmatisch geworden. Rūmī ist ein Beispiel dafür, wie der Mensch Kreativität im Kontext des im Koran beschriebenen Universums leben kann.

Wie kann der Sufismus Ihrer Meinung nach zum Weltfrieden beitragen?

Helminski: Diejenigen, die im Namen von Sektiererei Gewalt anwenden und aufrechterhalten, unter welcher Begründung auch immer, leben auf einem sehr niedrigen Niveau menschlicher Entwicklung. Sie leben in einer fiktiven Realität, in der sie sich veranlasst sehen, Feinde zu erschaffen und die Menschheit zu spalten. Der Kampf um die Seele des Islam ist ein Kampf zwischen verschiedenen Bewusstseinsebenen. Jede Religion kann zur Geisel des Egoismus gemacht und dadurch vergiftet werden. Dann wird Religion zur Waffe und zu einem Instrument der Spaltung.

Im Sufismus geht es darum, das menschliche Bewusstsein zu erhöhen und den Hass und die Ängste, die manchmal im menschlichen Ego aufsteigen, zu heilen. Das Heilmittel ist Liebe und Bewusstheit. Der Sufismus hilft den Menschen, sich von den Zwängen des Hasses, Misstrauens und der Feindseligkeit zu befreien. Es mag uns nicht gelingen, jene zu transformieren, die voller Hass sind. Jedoch können wir ihren Einfluss reduzieren, indem wir der Menschheit helfen, weniger beeinflussbar zu sein und sich nicht von Psychopathen manipulieren zu lassen, die manchmal die lautesten Stimmen sind.

An welchen interreligiösen Initiativen haben Sie bisher teilgenommen?

Helminski: Ich unterscheide zwischen "interreligiös" und "interspirituell". Bei den meisten interreligiösen Veranstaltungen, die ich miterlebt habe, haben die Teilnehmer über ihre unterschiedlichen Glaubensvorstellungen und Praktiken geredet und versucht, einander zu verstehen und zu tolerieren. Solch ein Dialog ist normalerweise auf den intellektuellen Austausch beschränkt.Ich interessiere mich eher für "interspirituellen" Dialog. Mit "interspirituell" meine ich ein Treffen von praktizierenden Mystikern aus den verschiedenen Traditionen. Wenn solche Menschen zusammentreffen gibt es keine Debatten und Meinungsverschiedenheiten, sondern vielmehr außergewöhnlich viel, das wir gemeinsam haben.

Diese Erkenntnis ist hochgradig bereichernd. Ich habe an Treffen mit spirituell Praktizierenden aus dem Buddhismus, Hinduismus, Judentum, Christentum und Sufismus teilgenommen. Dort haben wir gemeinsam gelehrt, unsere Glaubenssysteme verglichen und die jeweiligen Bräuche erfahren. Gleichzeitig habe ich gesehen, wie Elemente des Sufismus von Menschen aus anderen Traditionen angenommen wurden. Das war für mich eine Bestätigung, dass die Sufi-Lehre eine Vollständigkeit besitzt. Der Sufismus ist voll ins Leben und in unser Menschsein integriert.

Bereits seit Jahren werden wir im Westen mit einer Welle der Islamophobie konfrontiert. Der Flüchtlingsstrom nach Europa hat die Vorurteile gegen den Islam auf ein neues Level gebracht. Wie können Sufis auf diese Herausforderung reagieren? Kann Sufismus dazu beitragen, diesem Bild etwas entgegenzusetzen?

Helminski: Wenn die Europäer die Flüchtlinge mit Mitgefühl und Großzügigkeit aufnehmen können, tun sie etwas Großes für den Weltfrieden – sowohl regional, als auch global. Einige islamophobe Elemente wenden sich gegen eine abweichende Form des Islam. Wir müssen anerkennen, dass dies nicht der traditionelle Islam ist. Im Wesentlichen stehen die Werte des traditionellen Islam in Einklang mit den besten Werten der westlichen Zivilisation.

Der Islam lehrt uns im Kern Menschlichkeit, Brüderlichkeit, Religions- und Gewissensfreiheit, Altruismus, Großzügigkeit, Gastfreundschaft, Vergebung, Mitgefühl, Wahrheit und Gerechtigkeit. Im Koran gibt es einen wichtigen Vers: Das Wort deines Herrn wird vollendet sein in Wahrheit und Gerechtigkeit. Daher ist jeder Muslim zu Wahrhaftigkeit und Fairness aufgerufen.

Man sollte nicht vergessen, dass der Islam all diese Werte besitzt. Die Dämonisierung des Islam ist durch die Propagierung einer abweichenden Form des Islam möglich geworden. Diese hat sich verbreitet wie ein Krebsgeschwür, und ich hoffe, dass wir ein Heilmittel dagegen finden. Aber dieses Heilmittel ist mit Sicherheit nicht Hass und Vorurteil. Die Flüchtlinge, die nach Europa kommen, sind natürlich keine Beispiel für diesen verdorbenen Islam – vielmehr die Menschen, vor denen sie nach Europa fliehen. Das gilt vor allem für die Syrer, die solch liebenswerte Menschen und dem Westen sehr wohlgesonnen sind.

Das Gespräch führte Marian Brehmer.

© Qantara.de 2016

Kabir Helminski ist ein US-amerikanischer Scheich des Mevlevi-Derwisch-Ordens und Gründer der "Threshold Society". Helminski übersetzte viele Werke des islamischen Mystikers Jalāl ad-Dīn Rūmī ins Englische. Von der Selçuk Üniversitesi in Konya erhielt er die Ehrendoktorwürde auf dem Gebiet der Literatur.

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