Interview mit Feridun Zaimoglu: Muslime müssen mehr Dialog wagen

05.10.2015

Glaube und Zweifel, Heimat und Fremdheit - diese Themen spielen in den Romanen von Feridun Zaimoglu (50) seit nunmehr 20 Jahren immer wieder eine große Rolle. Das gilt auch für sein neuestes Werk «Siebentürmeviertel». Im Interview mit Paula Konersmann erklärt der Schriftsteller, was den deutschen Islam ausmacht und was er sich im Umgang mit Flüchtlingen wünscht.

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Die Menschen in Deutschland haben in den vergangenen Monaten verschiedene Gesichter gezeigt: von Pegida-Märschen hin zu «Refugees Welcome»-Aktionen. Wie weltoffen ist Deutschland?

Feridun Zaimoglu: Weltoffenheit ist für mich ein nichtssagender Begriff. Es klingt wie ein wortgewordener Orden. Wenn man mit Weltoffenheit einen großherzigen Umgang der Menschen miteinander meint, dann ist Deutschland, die Fakten sprechen für sich, weltoffen. Die Menschen sind gastfreundlich, aber sie sind nicht dämlich. Sie lassen sich nicht vom Wesentlichen abbringen mit Parolen oder Bekenntnissen in deutsche Übersetzungen des «Yes we can» - «wir schaffen das».

Sie selbst sind im Alter von einem Jahr mit ihren Eltern aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Was ist der entscheidende Schlüssel zur Integration?

Zaimoglu: Die größte Dummheit der Politiker, was Flüchtlinge anbetrifft, war lange Zeit ihre Hysterie. Entweder waren sie hysterisch, indem sie sagten, wir umarmen die ganze Welt oder indem sie, wie jetzt, gegensteuern und Härte zeigen. Das ist alles Mumpitz. Die große Herausforderung besteht darin, dass man jene Menschen, für die man die Grenzen für kurze Zeit geöffnet hat, tatsächlich aufnimmt. Mit Aufnahme meint man ja hoffentlich nicht nur, dass man sie hereinwinkt, sondern sie schnell dazu bringt, sich einzugliedern. Das bedeutet, dass sie Deutschland nicht nur als ein Land der Rettung ansehen, sondern als ein Land, in dem sie leben, lieben und arbeiten.

Kann die Literatur dazu beitragen?

Zaimoglu: Ich bin ein Schriftsteller, der losgeht und recherchiert. Dann setze ich mich in die Stube und hacke alles herunter. Ein Schriftsteller kann bestenfalls Bücher schreiben, in denen die Menschen tatsächlich lesen. Meinem neuen Buch «Siebentürmeviertel» wird attestiert, dass es als Handbuch für das bessere Verständnis der Flüchtlingsströme taugt.

Soeben hat sich die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in der dänischen Zeitung «Jyllands-Posten» zum zehnten Mal gejährt. Wie steht es um das Verhältnis von Religion und Meinungsfreiheit?

Zaimoglu: Ich halte es für dämlich, einen ans Kreuz genagelten Frosch als besonderes Bildnis der Meinungsfreiheit anzusehen. Ich halte es für besonders dämlich, andere Sachen ans Kreuz zu nageln und den Heiland zu verlächerlichen. Ich halte die großbürgerliche Kritik an der Religion für einen Akt der Widerwärtigkeit. Das kann jeder: der Kiez-Radikale in seiner Eckkneipe genauso wie drittklassige Karikaturisten, die glauben, irgendetwas hinschmieren zu können, und dann hätten sie den Propheten, in diesem Fall: meinen Propheten, beleidigt. Mich beleidigen sie nicht. Dass islamistische Spinner das zum Anlass nehmen, um Menschen zu töten, zeugt von der Psychopathologie dieser Mörder.

Welche Rollen spielen die Medien?

Zaimoglu: Auch manche Journalisten, die keinen geraden deutschen Satz schreiben können, sehen sich als Teil einer großen Bewegung an, wenn sie sich als Gouvernanten oder Feldwebel der Aufklärung artikulieren. Schön wäre es, wenn sie des Deutschen mächtig und zu klaren Gedanken fähig werden. Aber diese vermeintlichen Religionskritiker sind vulgäre Aufklärer, die sich mit der katholischen Mystik genauso wenig befasst haben wie mit den Glaubensartikeln des Islam.

2006 haben Sie geschrieben, in den kommenden zehn Jahren werde sich ein deutscher Islam entwickeln. Haben Sie Recht behalten?

Zaimoglu: Ich spiele ungern den Klugschwätzer, aber ja, es gibt einen deutschen Islam. Ich bin nicht sehr religiös, aber ich habe doch einen Gottesglauben und sehe mich selbstverständlich als deutschen Muslim.

Was macht diesen deutschen Islam aus?

Zaimoglu: Das Land. In diesem Land sind wir nicht hysterisch. Wir denken erst mal nach, bevor es losgeht, wir schreien nicht, reißen uns nicht die Fetzen vom Leibe. Wir versuchen, anständig zu den Menschen zu sein, es sei denn, sie kommen uns dumm. Wir halten eine schöne Unaufgeregtheit hoch und sind angeweht von einer milden Melancholie. Ob wir katholisch oder evangelisch, Muslime oder Juden sind, wir sind geprägt durch dieses Land, und das ist auch gut.

Die Identitätssuche junger Muslime wird allerdings oft als Einfallstor für Extremisten beschrieben. Zu Recht?

Zaimoglu: Man macht es sich zu einfach. All die Berichte über Identitätskrisen - das ist angelesenes Pseudowissen. Was sind das denn für Spinner, die es nach Syrien verschlägt? Jünglinge im Alter von 15 bis 25. In der Pubertät erleiden diese Knaben einen Bedeutungsverlust, viele von ihnen haben Probleme mit Frauen. Das zeugt davon, dass sie einen ordentlichen Schaden haben. Es ist Blödsinn, sie als Modernisierungsverlierer oder Diskriminierte zu bezeichnen. Es handelt sich um Jungs, die nicht etwa benachteiligt waren, aber mit Allmachtsfantasien losziehen. Wie kleine Soldaten erhoffen sie sich einen Bedeutungsgewinn durch einen vermeintlichen Märtyrertod. Und dann wird ihnen das Licht ausgeknipst und das war's.

Was würden Sie sich für den Dialog der Religionen wünschen?

Zaimoglu: Die Christen haben sich nichts vorzuwerfen. Die katholische wie die evangelische Kirche sind für mich schwer in Ordnung. Bevor ich als Muslim auf die Idee komme, mit dem Zeigefinger mahnend in Richtung der Christen zu fuchteln, muss ich 200 bis 300 Jahre im eigenen Saustall aufräumen. Dialog ist gut, Ehrlichkeit ist besser. Mittlerweile gibt es großartige deutsche Muslime, die sich von dem abergläubischen Zeugs der Heimatwelten ihrer Eltern abwenden. Wichtig ist, dass wir Muslime uns tatsächlich unseren Brüdern und Schwestern in den Kirchen zuwenden. Wir haben einen langen Weg vor uns, wir müssen uns zum Guten erziehen. Es gibt nur den schönen Gott, und alles andere ist Blödsinn. (KNA)

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Leserkommentare zum Artikel: Interview mit Feridun Zaimoglu: Muslime müssen mehr Dialog wagen

Gespeichert von Ingrid Wecker am

Danke, Herr Zaimoglu! Wie wohltuend sind Ihre Aussagen, gemessen an dem unsäglichen Zeug das andere von sich geben in diesem Zusammenhang. Ehrlichkeit und ehrliche Selbstkritik sind in der Tat genau die Dinge die vonnöten sind, auf beiden Seiten!

Gespeichert von gerd am

Wenn sie doch alle wären so wie Sie, sehr geehrter Herr Zaimoglu: Alle Menschen, keineswegs nur Muslime.