Elga Joan Sarapung, amtierende Direktorin vom Institut DIAN/Interfidei; Foto: Anett Keller
Interreligiöser Dialog in Indonesien

Prisma der Religionen

Das Institut DIAN/Interfidei engagiert sich bereits seit 20 Jahren für den überkonfessionellen Dialog in der Inselrepublik – und scheut dabei auch nicht davor zurück, das Gespräch mit radikalen Kräften im Land zu suchen. Anett Keller hat die Organisation in Yogyakarta besucht.

"Alles begann mit Wut", erinnert sich Daniel Dhakidae, einer der Gründer von DIAN/Interfidei. "Wut, vor allem auf die religiösen Institutionen. Wie ließ sich Gewalt im Namen der Religion erklären? Wie ließ sich die Kompromisslosigkeit der Religionsführer erklären?"

Mit diesen Fragen war Dhakidae nicht allein. Im Oktober 1991 gründeten der katholische Journalist Dhakidae, sein muslimischer Berufskollege Zulkifly Lubis, die protestantischen Theologen Eka Darmaputra und Thomas Sumartana, und der muslimische Religionsgelehrte Djohan Effendi mit DIAN/Interfidei die erste indonesische NGO, die Pluralismus zum Programm machte.

Erfahrungsaustausch statt religiöser Dogmatismus

Indonesien war damals fest im Griff des Militärregimes von Suharto. Die Verfassung erkannte nur fünf Religionen an: Islam, Protestantismus, Katholizismus, Hinduismus und Buddhismus. Offiziell war die Parole von der "Toleranz zwischen den Religionen" ausgegeben, über Konflikte zwischen ihren Anhängern zu berichten, war für die Medien tabu. "DIAN/Interfidei gebührt das Verdienst, sehr früh erkannt zu haben, dass es unter der Oberfläche gewaltig brodelte", so Stanley Adi Prasetyo, Mitglied der Indonesischen Menschenrechtskommission, Komnas HAM.

Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften begehen gemeinsam das 20jährige Jubiläum von Interfidei; Foto: Anett Keller
"Eine überkonfessionelle Baustelle der Menschlichkeit": Vertreter verschiedener Religionsgemeinschaften begehen gemeinsam das 20jährige Jubiläum von Interfidei

​​Das Credo von DIAN/Interfidei: Anstelle des Beharrens auf religiösen Dogmen sollte ein Austausch über Erfahrungen realisiert werden. Dieser sollte alle Interessierten einschließen, gleich welcher Religion oder Weltanschauung. Das Ziel: Eine überkonfessionelle Gemeinschaft.

"'Toleranz zwischen den Religionen' – das war ein von oben aufgesetztes Konzept, das nur auf die Institutionen und ihre Führer ausgelegt war", erklärt Daniel Dhakidae. "Eine überkonfessionelle Gemeinschaft hingegen entwickelt sich von unten, aus gesellschaftlicher Initiative und wird nicht von Partikularinteressen gesteuert."

Elga Joan Sarapung, amtierende Direktorin vom Institut DIAN/Interfidei, hat selbst die Arbeit im Rahmen der Institution aufgegeben: 1993 hängte sie ihr Amt als Vizevorsitzende der Synode von Gorontalo im Nordosten Sulawesis an den Nagel, um sich der NGO-Arbeit in Yogyakarta zu widmen. "Ich bin kein Pfarrer-Typ, all diese Rituale sind nichts für mich." Die 50-Jährige mit kurz geschnittenen grauen Haaren lacht herzlich. "Zu viel Routine, da werde ich sehr ungeduldig."

Yogyakarta im Herzen der Insel Java, Sammelbecken der Kulturen und Standort führender Universitäten, sei die ideale Basis für ihre NGO, so Elga. "Yogyakarta ist weltoffen und pluralistisch und ideal geeignet, um die junge Generation zu erreichen."

Gottlosigkeit als politisches Feindbild

Ausdrücklich bezieht Interfidei auch den Atheismus ein, zu dem sich in Indonesien kaum jemand bekennen mag. Zu stark wirkt die Indoktrinierung des Militärdiktators Suharto, der nach einem Putschversuch 1965 die Macht ergriff und die kommunistische Partei wegen ihrer angeblichen Beteiligung am Putsch auslöschte. Fortan galt die Doktrin: "Atheismus ist gleich Kommunismus ist gleich Chaos".

Für Elga zählt indessen nicht das offizielle Bekenntnis, sondern das konkrete Handeln eines Menschen. "Wenn Menschen etwas Gutes tun, dann folgen sie einer Inspiration. Wer von uns kann behaupten, wirklich zu wissen, woher diese Inspiration kommt?"

Immer wieder rührte Interfidei in den letzten zwei Jahrzehnten an Tabus. Elga erinnert sich an stundenlange Verhöre bei der Polizei. 1994 hielt die Organisation mehrere Seminare über den Konfuzianismus ab, der damals noch keine staatlich anerkannte Religion war. "Die Polizisten, die uns verhörten, sagten, sie verstünden überhaupt nichts vom Konfuzianismus", erinnert sich Elga. "Sie sagten, sie führten lediglich Befehle aus."

Zivilgesellschaftlicher Dialog auch mit radikalen Kräften

Kamen damals die Bedrohungen aus staatlicher Richtung, sehen sich die Befürworter des Pluralismus heute vielfältigeren Angriffen ausgesetzt. Terroranschläge, blutige Unruhen zwischen Christen und Muslimen, tödliche Angriffe auf Minderheiten wie die Ahmadiyyah durch islamistische Eiferer – immer wieder werfen Gewaltakte Besorgnis erregende Schatten auf das multireligiöse und multiethnische Inselreich und auf seine junge Demokratie.

"Der Staat schützt seine Bürger nicht", klagt Elga. "Er setzt gewaltbereiten Fundamentalisten nichts entgegen." Deswegen sei es umso wichtiger, den zivilgesellschaftlichen Dialog in alle Richtungen zu führen – auch in radikale Kreise hinein.

Konferenz von DIAN/Interfidei in Yogyakarta; Foto: Anett Keller
Dem interreligiösen Dialog verpflichtet: Anstelle des Beharrens auf religiösen Dogmen will DIAN/Interfidei enen Erfahrungsaustausch ermöglichen. Dieser sollte alle Interessierten einschließen, gleich welcher Religion oder Weltanschauung.

​​Dieses Bemühen trägt Früchte: Nach Yogyakarta zur 20 Jahres-Feier von DIAN/Interfidei ist auch Aswar Hassan gekommen. Der kräftige Mann aus Südsulawesi gründete dort im Jahr 2000 das "Vorbereitungskomitee für die Implementierung des Scharia-Rechts" (KPPSI) mit, dem er sieben Jahre lang als Generalsekretär vorstand. Zum Komitee gehören auch Vertreter gewaltbereiter Gruppen, einige von ihnen landeten wegen Beteiligung an terroristischen Aktivitäten im Gefängnis.

2001 nahm Hassan an einem Seminar von DIAN/Interfidei teil. "Das öffnete mir eine Tür zum Gespräch – zu einer Zeit, als andere mich als Fundamentalisten in die Ecke stellten, nur weil meine Bekannten Fundamentalisten waren."

Heute erklärt Hassan aufgebrachten Fanatikern, die gegen den Neubau von Kirchen mit der Begründung protestieren, dass die Gemeinden, für die sie bestimmt seien, viel zu klein seien; dass es im Christentum viele Strömungen gebe, die jeweils eigene Gotteshäuser benötigten. Und dass der Bau eines Gotteshauses ein Menschenrecht ist.

Vorgetäuschtes Interesse

Viel Aufmerksamkeit widmet die DIAN/Interfidei der Zusammenarbeit mit Religionslehrern. Den Religionsunterricht in Schulen, den viele Beobachter wegen seiner Exklusivität für eine Ursache wachsender Intoleranz halten, versucht die Organisation mit Hilfe empirischer Studien und der Weiterbildung von Religionslehrern zu reformieren. Seit 2004 unterstützt DIAN/Interfidei dafür ein landesweites Netzwerk von Religionslehrern.

"Hinsichtlich ihres nachhaltigen und ernsthaften Bemühens für den Pluralismus ist DIAN/Interfidei gewiss einmalig", sagt Anis Fakhrihatin, Leiterin des Lehrer-Netzwerkes. In Zeiten des Anti-Terror-Kampfes hätten zahlreiche in- und ausländische NGO die Religionslehrer entdeckt, so Anis. "Auf einmal wollten alle mit uns über Menschenrechte, Gender-Themen und soziale Gerechtigkeit reden. Aber nach den Workshops haben wir nie wieder etwas von ihnen gehört", kritisiert Anis.

"DIAN/Interfidei ist wie eine Baustelle, auf der wir alle mit unterschiedlichem Werkzeug und unterschiedlichen Techniken versuchen, gemeinsam ein Haus zu bauen, in dem für alle Platz ist", sagt Jacky Manuputty. Der Pfarrer aus Ambon, Schauplatz blutiger Unruhen zwischen Christen und Muslimen, musste erleben, wie Christen sein Haus anzündeten, weil er sich für Versöhnung mit Muslimen einsetzte.

Jacky mahnt seine Mitstreiter, sich auf der überkonfessionellen Baustelle der Menschlichkeit, nicht zu sehr von der Basis zu entfernen, wo vor allem ökonomische Probleme zählten. Und er erinnert daran, dass Indonesien einen reichen Erfahrungsschatz im pluralistischen Miteinander und im Lösen von Konflikten habe.

"Wir müssen das Rad nicht neu erfinden", sagt Jacky. "Die einfachen Leute haben die meisten Erfahrung im Lösen von Problemen. Aus dem ganz normalen Leben, der täglichen Kommunikation zwischen Nachbarn können wir alle am meisten lernen."

Anett Keller

© Qantara.de 2011

Redaktion: Arian Fariborz & Lewis Gropp/Qantara.de

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